Mein Weg auf den Mont Blanc Die Nerven liegen blanc

Endlich im Massiv vom höchsten Berg der Alpen angekommen: Bevor sich Katherine Rydlink auf den Gipfel wagt, muss sie Akklimatisierungstouren machen. Doch das steile Gelände, der Zeitdruck und die Drängelei bringen sie an ihre Grenzen.

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"Scusa", ertönt es von rechts, als ob sich jemand an der Supermarktkasse vordrängeln wollte. Irritiert schaue ich in das Gesicht eines italienischen Bergführers, der nun seinen dicken Bergschuh unmittelbar vor mir am Fels platziert. Es scheint ihn nicht zu interessieren, dass ich gerade meinen Kletterpartner sichere. Nils Wülker klettert einige Meter über mir den steilen Felszapfen Dent du Géant hoch.

Für den Fall, dass der Italiener das Offensichtliche nicht registriert haben sollte - wir sind immerhin in fast 4000 Metern Höhe, da werden manche Menschen etwas verwirrt - weise ich ihn noch einmal darauf hin: "Das ist gefährlich, mitten in der Route zu überholen." Er antwortet lediglich auf Englisch: "Wir haben es eilig, wir müssen die letzte Bahn erwischen." Ich starre ihm fassungslos hinterher. Seine Seilpartnerin schaut mich entschuldigend an und gibt hektisch Seil aus.

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Akklimatisierung: Eingehtouren im Mont-Blanc-Massiv

Ich werde wütend. Auch wir müssen die letzte Bahn erwischen, die uns später am Nachmittag zur Aiguille du Midi bringen soll.

Nils hängt sich ins Seil und lässt den Drängler umständlich vorbeiklettern. Nils lässt sich nicht aus der Fassung bringen. Er ist Fachübungsleiter für Hochtouren des Deutschen Alpenvereins. Wenn er nicht in den Bergen unterwegs ist, macht er Jazzmusik. Zusammen mit ihm und dem Outdoor-Fotografen Ralf Gantzhorn will ich den Mont Blanc besteigen.

Zur Person
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    Katherine Rydlink, geb. 1988, arbeitet seit drei Jahren bei SPIEGEL ONLINE. Sie kommt aus Würzburg. Erst im flachen Norddeutschland hat sie ihre Liebe zum Klettern entdeckt. Auf einem Viertausender stand sie noch nie. Einen Versuch ist es trotzdem wert, denkt sie, und will in diesem Sommer den Mont Blanc besteigen. Drei Monate hat sie für die Vorbereitung.

Vor zwei Tagen sind wir im Mont-Blanc-Massiv angekommen. Vom Outdoor-Städtchen Chamonix aus haben wir die Gondel zur Aiguille du Midi genommen, der Seilbahnstation auf 3842 Metern - zusammen mit Dutzenden Touristen. Oben strömten die meisten direkt zur Aussichtsterrasse, die einen phänomenalen Blick auf die Gipfel im Mont-Blanc-Massiv bietet. Wir wählten den anderen Weg: Durch ein kleines Tor gelangt man über den Midi-Grat hinunter auf den Gletscher.

Stellenweise ist der Grat so schmal, dass gerade einmal beide Füße nebeneinander passen - rechts und links geht es Hunderte Meter steil in die Tiefe. Langsam und vorsichtig setzte ich einen Fuß vor den anderen, Nils führte mich am Seil. "Wenn du stürzt, werfe ich mich einfach auf die andere Seite", erklärte er mir ruhig. "Eispickel immer schön tief in den Schnee rammen."

Mein Gleichgewichtssinn ließ mich nicht im Stich. Unten angekommen, führt der Weg über den Gletscher bis zum Refuge des Cosmiques. Viele Bergsteiger bleiben einige Nächte in der Schutzhütte auf 3613 Metern, um sich zu akklimatisieren. Von hier starten einige Eingehtouren, wie etwa der Cosmique-Grat. Auch wir wählten die vergleichsweise leichte alpine Kletterei (4+ UIAA) als erste Tour.

Nach mehr als vier Stunden auf dem Granit-Grat fuhren wir mit der Panoramabahn in den italienischen Teil des Massivs, zur Torino-Hütte. Die erste Nacht auf mehr als 3300 Metern ist meist wenig erholsam: Der Körper ist erschöpft, der Puls rast - hinzu kommt das ständige Rumoren auf der Hütte, das quasi die ganze Nacht andauert. An Schlafen ist kaum zu denken.

Ausrüstung
Alpintechnische Ausrüstung
- Klettergurt
- Bandschlinge (genäht 120cm)
- zwei bis drei HMS-Karabiner
- Steigeisen mit Antistollplatte
- Eispickel (Eisgerät oder Tourenpickel, ca. 55-65cm)
- Bergsteigerhelm
- Eisschraube
- Reepschnur
Alpinausrüstung
- Bergschuhe mit einem verwindungsarmen Sohlenaufbau (Kategorie C/D)
- Gamaschen
- Rucksack, ca. 30 - 35 Liter
- Teleskopstöcke
- Seil
Bekleidung
- Winddichte Jacke (Windstopper/Softshell)
- Winddichte Tourenhose (Windstopper/Softshell)
- Wasserdichte Jacke (Hardshell)
- Wasserdichte Hose mit durchgängigen Reißverschlüssen (Hardshell)
- Isolationsjacke (Daunenjacke/Primaloft)
- Funktionsunterwäsche (schnell trocknend)
- Wander- oder Hochtourensocken - Unterziehhandschuhe (Fleece oder Windstopper)
- Wasser- und winddichte Handschuhe
- Mütze, Halstuch
- Gletscherbrille
Zusätzliches
- Toilettenartikel, kleines Reisehandtuch
- Hüttenschlafsack
- Sonnencreme, Lippenschutzcreme (mind. LSF 30)
- Trink-/Thermosflasche
- Erste-Hilfe-Set / persönliche Medikamente
- Reisepass / Personalausweis
- Alpenvereinsausweis
- Stirnlampe
- GPS-Gerät
- Zwischenverpflegung (Müsliriegel, Nüsse, Schokolade)

Um vier Uhr morgens ist die Nacht schon vorbei, Aufbruch zum Dent du Géant. Der markante Felszapfen, dessen Gipfel auf 4013 Metern liegt, überragt das Mont-Blanc-Massiv. Die Tour über die Südwestwand ist beliebt - und entsprechend überfüllt. Schon der Zustieg, der zunächst einige Stunden über einen Gletscher und dann durch steiles, brüchiges Gelände führt, fühlt sich nach einem Wettrennen unter Seilschaften an.

Nils und Ralf flitzen voraus. Ich versuche mitzuhalten. Mehrmals brechen mir Griffe und Tritte weg. Immer wieder kommen kleinere und größere Steine von oben heruntergekullert. Zweimal habe ich schon gebeten, ob wir langsamer gehen können. "Wenn wir die letzte Gondel heute Nachmittag erwischen wollen, müssen wir zügig da rauf", sagt Nils. "Außerdem kommt hier immer wieder Steinschlag runter, wir sollten uns besser nicht zu lange an einer Stelle aufhalten."

Einige Male dröhnt über uns ein Helikopter, den ich als Rettungshubschrauber ausmache. Er bestärkt das beklemmende Gefühl, das ich bekomme, wenn ich hinter mir den Abhang hinunterblicke: Wir sind hier nicht auf einem Spielplatz, das ist Absturzgelände.

Auf dem Gipfel - aber es fühlt sich nicht gut an

Das Gelände, die Höhe, der Zeitdruck - all das macht meinen Nerven zu schaffen. Und dann noch der italienische Bergführer. Am Gipfel angekommen, hält sich meine Freude in Grenzen - wir müssen den ganzen Weg ja wieder zurück. Und dafür haben wir weniger Zeit als eingeplant. Von der Naturverbundenheit und dem Glücksgefühl, das mich sonst überkommt, wenn ich in den Bergen bin, ist nichts übrig. Ich bin gestresst.

Wir müssen am Nachmittag die letzte Gondel bekommen, die uns zurück zur Aiguille du Midi bringt. Dann wollen wir erneut zum Refuge des Cosmiques absteigen, um am nächsten Tag von dort aus den Versuch auf den Mont Blanc zu wagen.

Der Mont Blanc
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Routen (Klicken für mehr Informationen)

Normalweg
Der Normalweg, oder auch "Goûter"-Route, ist die einfachste und meistbegangene Route auf den Mont Blanc. Von Chamonix aus fährt man mit der Seilbahn zur Station Nid d'Aigle (2372m) und steigt von dort auf zum Refuge de la Tête Rousse (3167 m). Auf dem Weg zum Refuge du Goûter (3835m) durchquert man die gefährlichste Stelle des Normalwegs: Das Grand Couloir, wegen der Steinschlaggefahr auch "Todeskorridor" genannt. Über das Vallotbiwak (4362m) und den schmalen Bossesgrat geht es zum Gipfel.
Cosmique-Grat
Typische Eingehtour im Mont-Blanc-Massiv. Von der Aiguille du Midi führt der Weg zunächst hinab über den Midi-Grat. Anschließend überquert man den Gletscher bis zum Einstieg des Grats. Rund vier Stunden dauert die Tour insgesamt, der höchste Punkt liegt auf rund 3700 Metern.
Dent du Géant
4013 Meter hohe Felsnadel, die am besten von der Torino-Hütte auf der italienischen Seite des Mont-Blanc-Massivs erreicht wird. Der Zustieg führt über Gletscher und Blockwerk, der Dent du Géant selbst ist Kletterei im fünften Schwierigkeitsgrad (UIAA). Teilweise ist die Route durch Fixseile abgesichert.

Für den Rest der Woche ist eine Schlechtwetterfront angekündigt. Ein Gipfelversuch ist also nur am nächsten Tag möglich, und selbst da ist das Zeitfenster eng: Am Nachmittag soll es bereits Unwetter geben.

Das alles ist mir allerdings gerade ziemlich egal. Erst einmal muss ich heil wieder von diesem Berg herunterkommen. Wir seilen uns das erste Stück ab, steigen über das steile Gelände zum Gletscher und laufen zur Torino-Hütte. Nur ganz knapp erreichen wir die Panoramabahn. Als wir in der Gondel sitzen, fühle ich mich wie erschlagen. Zwei Tage waren wir jeweils zwischen zehn und zwölf Stunden am Stück unterwegs. Morgen soll der dritte Tag in Folge werden - auf 4810 Meter und das auch noch mit einer Schlechtwettervorhersage im Nacken. Zum ersten Mal denke ich darüber nach, das Mont-Blanc-Projekt abzubrechen.

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240 Seiten; 30 Tourenkarten verfasst nach Richtlinien der UIAA; 34,90 Euro

Katherine Rydlink zeigt bei SPIEGEL ONLINE in einer sechsteiligen Serie, wie sie sich auf die Hochtour auf den Mont Blanc vorbereitet - vom notwendigen Training, Gletscherkursen bis zur richtigen Ausrüstung - und den Aufstieg wagt.

Hier lesen Sie die ersten Teile:

Teil 1 - Der Mont Blanc und ich: Warum mich Schweiß und Angst glücklich machen

Teil 2 - Gefahren: "Beim Klettern will man fallen, beim Bergsteigen nicht"

Teil 3 - Training: Atemlos in der Höhenkammer

Teil 4 - Technik: Mal in die Gletscherspalte springen

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
123Valentino 23.08.2017
1. Was soll...,
das? Typische Landes übliche Sitte , ich war zuerst hier , sehen sie mein Handtuch nicht. Wer sich in Gefahr begibt kommt darin um. Was suchen sie dort oben? Schweiß und Angst? Ist ihr Leben denn so langweilig und trostlos? Mit wird Angst und Bange um den Journalismus.
wheelie-hh 23.08.2017
2. Der höchste Berg Europas? ... interessant
Der höchste Berg Europas ist der Elbrus (5642m) und befindet sich im europäischen Teil Russlands. Der Mont Blanc ist der neunthöchste. Aber wahrscheinlich meinten Sie den höchste Berg der EU. Geografie war auch nicht meine Stärke.
Tom T. Berger 23.08.2017
3. @1
Ja bitte, bleib weiter auf deinem Sofa sitzen und schreibe lustige Einträge in Foren - dann störst du wenigstens nicht aufm Berg.
Cabron002 23.08.2017
4. Mehr davon
Super interessante Serie, danke für den Einblick. Meine Frau und ich wollen auch mal auf den Mont Blanc, rackern uns aber erstmal in den bayrischen Alpen ab. @Valentino: ich sehe die landestypische Sitte eher weniger, aber gut. Sehe auch nicht, wieso Ihnen Angst und Bange um den Journalismus wird. Gerade bei solchen Berichten sollten Sie sich freuen, dass auch mal spannende Reportagen und Erfahrungsberichte geschrieben werden. Aber gut, manche sind ja schon froh, wenn sie morgens heil durch den Berufsverkehr kommen. Und bei anderen rufen die Berge. Wo ist das Problem?
123Valentino 23.08.2017
5. @3
Woher wissen sie wo ich sitze? Sie sind Hellseher! Dann mal los, der Berg ruft, und sie merken schon , mit Journalismus hat das wenig zu tun , wie Kommentar 2 erkannt hat. Da gibt es noch eine Herrausforderung , den Eiger, im speziellen, die Nordwand, mit Brotzeit in fünf Minuten. Wieder ein lustiger Betrag.
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