Musikfestival in Island: Rock am Fjord

Von Alva Gehrmann

Es gibt keine Gagen, keine Soundchecks: Das österliche "Aldrei fór ég suður" ist eines der ungewöhnlichsten Festivals Europas. Hier gelten einfache Regeln, jede Band darf nur 20 Minuten spielen. Egal ob es singende Arbeiter sind - oder die bekanntesten Musiker Islands.

Musikfestival in Island: Umsonst und fast draußen Fotos
Agust Atlason/Aldrei fór ég suður

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Karfreitagabend, 20 Uhr. Obwohl Mugison mit der berühmteste Act an diesem Osterwochenende ist, hat der 35-Jährige gerade als einer der Ersten performt. Es ist noch nicht viel los auf dem Festival "Aldrei fór ég suður", Isländer kommen gerne etwas später zu Partys. Doch das stört den Elektropop-Musiker nicht. Auf einer großen Papptafel, die am Dixie-Klo lehnt, steht handgeschrieben das Konzertprogramm des Abends. Von vier Maschinen aus Reykjavík konnte an diesem Tag nur eine nach Ísafjörður, hoch oben in die Westfjorde, fliegen. Also spielen manche Bands erst morgen.

"Kein Problem, es findet sich immer eine Lösung", sagt Mugison. Sogar bei Schlafplatzmangel. "Als wir ein paar Gäste selbst bei Freunden zu Hause nichts mehr unter bekamen, riefen wir kurzerhand die Polizei an. Die ließ sie dann in den Gefängniszellen übernachten." Mugison trägt einen selbst gestrickten Pulli und eine dicke Mütze aus Schafswolle, so lassen sich die eisigen Temperaturen vor der Fabrikhalle am Rande Ísafjörðurs leicht ertragen. Die riesigen Rolltore sind weit geöffnet, so dass die Kälte und der Schnee auch schön in die Konzerthalle wehen können. Für die einheimischen Besucher kein Problem, sie sind zehn Grad unter null gewöhnt.

Derweil brüllt sich drinnen Bóas, der Sänger der Rockband Reykjavík!, die Seele aus dem Leib, später wippt das Publikum zu den Beats der gefeierten jungen Countrysängerin Lay Low und freut sich auf die lokale Band Skúli hinn mennski, deren Name "Skúli, der Mensch" bedeutet. Die Unterscheidung war nötig, da es in der Kleinstadt über viele Jahre neben dem Troubadour Skúli einen gleichnamigen, allseits bekannten Hund gab, der durch die Straßen streunte.

"Ich fuhr nie nach Süden"

"Wir planen nicht gerne. Wir wollen, dass die Zukunft spannend bleibt", so beschreibt der isländische Popliterat Hallgrímur Helgason sich und seine Landsleute. Spontan wird auch eines der ungewöhnlichsten Musikfestivals Europas organisiert: Übersetzt bedeutet der Titel "Aldrei fór ég suður" übrigens "Ich fuhr nie nach Süden"; mit Süden ist dabei die sechs Autostunden entfernte Hauptstadt Reykjavík gemeint. In der Hauptstadtregion leben knapp 200.000 Isländer, also zwei Drittel der Bevölkerung, in Ísafjörður sind es gerade mal 4000.

An welchem Tag und zu welcher Uhrzeit die knapp 30 Bands auftreten werden, erfährt man erst vor Ort. Das gehört zum Prinzip, außerdem könnte ja das Wetter umschlagen. Die schroff abfallenden Berge rahmen Ísafjörður ein und gewähren Schutz, bei dichtem Nebel oder Schneetreiben machen sie den Anflug auf die Minimetropole aber auch zu einer Grenzerfahrung. Mit dem Auto ist die Anreise dann ebenfalls nicht unbedingt einfach. Im Frühling ist die ganze Region meist in Weiß gehüllt.

Auf die Idee für das Festival kam Mugison, der eigentlich Örn Elías Guðmundsson heißt, mit seinem Vater. Der begleitete den international bekannten Musiker vor einigen Jahren auf ein Londoner Festival. An jenem brütend heißen Sommertag war die Veranstaltung perfekt organisiert. Während Mugison nach seinem Soundcheck ziemlich lange auf den Auftritt wartete, tranken Vater und Sohn ein paar Bier. Je betrunkener sie wurden, umso verrückter wurden die Ideen: Wie könnte ein Festival aussehen, das das absolute Gegenteil von diesem Gig wäre? Sie stellten sich vor, wie Arbeiter aus einer Kleinstadt die Hauptattraktion wären und die bekanntesten Musiker Islands die Supporting-Acts.

Keine Gagen, keine Soundchecks

Am nächsten Morgen begeisterte sie der Gedanke immer noch, also riefen sie ein paar befreundete Musiker und Künstler an, die mobilisierten in kurzer Zeit einige Bands. Und so wurde an Ostern 2004 die "lustige kleine Kreatur", wie Mugison das Festival nennt, zum Leben erweckt. Seitdem taucht diese Kreatur jedes Jahr wieder auf - ähnlich wie die Wale, die sich gelegentlich vor der Küste tummeln, um dann in den Weiten des Meeres zu verschwinden.

Die Regeln sind einfach: Das "Aldrei fór ég suður" findet stets über Ostern in Ísafjörður statt, zu einer Zeit, in der es dort ziemlich kalt und ungemütlich ist. Jeder ist ein Headliner, es gibt keine Gagen und keine Soundchecks. Jede Band darf genau 20 Minuten spielen.

Was das Musikfestival am Ende der Welt so besonders macht, ist die familiäre Atmosphäre. Jeder der rund 5000 Besucher an diesem Wochenende kennt mindestens eine der Bands persönlich, ist mit einem Musiker verwandt oder hat selbst auf der Bühne gestanden. "Die Stimmung im Publikum ist ganz besonders", sagt auch Sängerin Lay Low. "Für uns Musiker ist das Wochenende wie ein Klassentreffen."

200 Bands melden sich freiwillig, um bei diesem Happening dabei sein zu können. Jedes Jahr werden andere ausgewählt - Mugison ist aber jedes Jahr dabei. Lay Low steht vor ihrem Auftritt am Bühnenrand, der Backstage-Bereich wird kaum benutzt, bei diesem Festival feiern alle zusammen. Mugisons Vater übrigens, der Hafenmeister von Ísafjörður ist und nur hobbymäßig zur Gitarre greift, spielt mit seiner Band Yxna erst am Samstag - als einer der Letzten.

Aus der lustigen kleinen Kreatur könnte leicht ein ernsthaftes, großes Geschäft werden, doch die Macher wollen das nicht. Sie lieben das Chaotische und Improvisierte - das Festival soll ja das Gegenteil von den üblichen sein. Und so wird auch weiterhin kein Eintritt verlangt, außerdem darf jeder sein eigenes Bier mitbringen, das hier meist noch aus Dosen getrunken wird. Das kann man allerdings auch an Verkaufsstände erstehen, ebenso wie andere Getränke, ein wärmende Fischsuppe und Fischbrei.

Sonnenschein, Nebel, Sonne - alles im 20-Minuten-Takt

Um Mitternacht, wenn die Konzerte vorbei sind, ziehen die meisten weiter in die nächsten Clubs oder fahren einen Fjord weiter, zum Beispiel in das 20 Kilometer entfernten Flateyri. Rund 170 Menschen leben in dem Fischerort, normalerweise ist der Alltag hier beschaulich. Doch zu Ostern kommen viele Verwandte und Freunde zu Besuch - und so hat auch die einzige Bar Vagninn (übersetzt: der Wagen) jede Abend geöffnet.

Wer dort eine Nacht feiert, kennt schnell das halbe Dorf und deren Familien - sofern sie nicht noch ihren Rausch ausschlafen, trifft man sie samstags entweder auf der Skipiste, im Schwimmbad oder in der Versammlungshalle beim großen Bingospiel. Einer der Preise: natürlich Dosenbier. Fernab des unterhaltsamen Spektakels ist es herrlich still: die Wogen des Meeres, knirschender Schnee und der Flügelschlag der Raben sind die einzigen Geräusche am Rande Flateyris. Das Wetter bleibt beständig unbeständig - strahlender Sonnenschein, dichte Nebelschwaden, Sonne. Das alles im 20-Minuten-Takt. Am frühen Abend startet die zweite Runde des Partymarathons. Die am Vortag gestrandeten Bands haben inzwischen den Weg nach Ísafjörður gefunden.

Während es die meisten Familien am Ostersonntag etwas ruhiger angehen lasen, feiern viele Musiker des "Aldrei fór ég suður" weiter. Traditionell treffen sie sich dann zu einem privaten Aftershow-Tag, der stets in einem anderen Ort der Nachbarfjorde stattfindet - in diesem Jahr ist Þingeyri dran. Das Dorf liegt 40 Autominuten von Ísafjörður entfernt. Am frühen Nachmittag stärken sich die rund 60 Isländer mit hausgemachten Waffeln, sie sind die Spezialität des gemütlichen Cafés Simbahöllin.

Anschließend fahren sie ins örtliche Schwimmbad. Im Laufe des Tages kommen noch mehr Freunde hinzu. Am Abend feiern etwa hundert Menschen an langen Tafeln weiter, es sieht ein bisschen aus wie bei einer Karnevalssitzung. Sobald die Meute sich mit deftigen Speisen, darunter viel Fleisch, gestärkt hat, geht es auf die Bühne: Der Drummer der einen Band performt zusammen mit dem Sänger der anderen, manche stürzen sich auf Instrumente, die sie nicht beherrschen. Freunde der Musiker kreischen schief ins Mikrofon.

Irgendwann knubbelt es sich nur noch auf der Bühne - und Mugipapa, Mugisons Vater, singt "One Moment in Time". Die Isländer, sie nutzen jeden Moment. Und zwar immer hundertprozentig.

Dieses Jahr findet das Aldrei-Festival am Karfreitag, 6. April und Ostersamstag, 7. April statt.

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1. 10° unter Null
whifferdill 04.04.2012
..sind die Isländer gewöhnt?! Island liegt am Golfstrom. Temperaturen unter 0 Grad C° sind die Ausnahme. Wenn der Rest des Berichts genau so gut recherchiert wurde...
2.
dat-andy 04.04.2012
Zitat von whifferdill... Temperaturen unter 0 Grad C° sind die Ausnahme...
Kann man so nicht behaupten.... im hohnen Norden Islands, (Bereiche nördlich Von Husavík, z.B. Ásbyrgi, Kópasker) in dem ich mehrere Winter leben durfte, hatte oftmals 2-Stellige Minustemperaturen, auch wenn in Reykjavík nur um die 0°C waren.
3.
laika 04.04.2012
Zitat von whifferdill..sind die Isländer gewöhnt?! Island liegt am Golfstrom. Temperaturen unter 0 Grad C° sind die Ausnahme. Wenn der Rest des Berichts genau so gut recherchiert wurde...
Erst einmal geht es um ein Musikfestival. Und vor dem Schlaumeier spielen ist es immer ratsam, sich etwas genauer zu informieren, wenn man schon nicht vor Ort war.. Oder vielleicht mal den regelmäßig völlig zugefrorenen Gulfoss (ein Wasserfall) vor den Toren Islands besucht? Und Island liegt quasi am Ende des Golfstromes, weil er sich dort mit dem weniger salzigem und kaltem Polarwasser trifft und tief absinkt.
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