Mystisches Galicien Mit dem Segen der Hexe

Wolfsmenschen, Muschelsucherinnen und gute Hexen: Das entlegene Galicien ist vielerorts ganz untypisch für Spanien. Hier gibt es Berufe, die sonst nirgends ausgeübt werden, und keltische Riten aus uralten Zeiten.


Cambados/Ribadavia - María Xosé Cacabelos legt einen Schritt zu, sie hat es eilig. Den Häusern in der Altstadt von Cambados, einem Fischerdorf an Galiciens Atlantikküste, schenkt sie kaum Aufmerksamkeit. Nur im Vorbeigehen weist sie die Touristen auf die Dorfkirche Igrexa de San Benito mit ihrem in Stein gehauenen Wächter an der Freitreppe hin. Selbst der pompöse Palast "Pazo de Fefiñáns" mit den originellen Eckbalkonen findet nur kurz Erwähnung. "Das können sie sich später in Ruhe anschauen. Uns läuft die Zeit davon, das Wasser steigt schon an." María Xosé möchte mit den Touristen ans Meer. Sie ist eine "Mariscadora", eine Muschelsucherin.

Für die 47-jährige Galicierin steht fest: "Nur wenn du das Leben der Dorfbewohner kennen lernst, kannst Du auch Cambados richtig verstehen." Und dieses Leben ist vom Meer bestimmt: 80 Prozent der 6000 Einwohner leben vom Fischfang und dem Verkauf von Meeresfrüchten. Zusammen mit anderen Muschelsucherinnen organisiert María Xosé Touristentouren. Vom Sammeln der Muscheln übers Waschen und Auslesen bis hin zum Verkauf auf dem Fischmarkt zeigen sie den Besuchern wie sie arbeiten - und wie sie leben.

Galicien ist ganz anders als der Rest Spaniens. Oft erinnert es mehr an Irland als an ein Land in Südeuropa. Es gibt Berufe, die es in Spanien sonst nirgends gibt. Und keltische Riten und mystische Bräuche sind in der Region allgegenwärtig.

Die anderen Muschelsucherinnen stehen tief gebückt im Watt, als María Xosé mit der Gruppe ankommt. Mit Harken und Eimern graben sie nach den Meeresfrüchten. "Dabei muss der schlammige Boden einmal umgedreht werden, sonst begräbt man die Muscheln, statt sie freizulegen", sagt María Xosé.

Hausdächer mit Jakobsmuscheln bedeckt

Seit zwei Stunden verharren die Frauen gebückt und durchpflügen das Watt. Zeit für eine Pause bleibt nicht, die Ebbe gibt den Meeresgrund hier in der Ría de Arousa, einer fjordähnlichen Meeresbucht, nur für drei Stunden frei. Doch die Muschelsucherinnen fangen trotzdem an, mit den Touristen zu plaudern, und zeigen ihnen die verschiedenen Muschelarten. Eine Frau sagt: "Das hier sind 'Almejas finas' und das die 'Japonica'. Die 'Almeja fina' ist viel süßer im Geschmack und das Fleisch ist weicher." Immer wieder holt sie Muscheln aus dem Schlamm, öffnet sie und reicht sie den Urlaubern. "Frisch aus dem Wasser schmecken sie fast am besten", sagt María Xosé.

Galiciens Meeresfrüchte sind weltberühmt, auf den Märkten erreichen sie Höchstpreise. Doch Muschelsucherinnen verdienen gerade einmal 500 Euro im Monat - deshalb der Nebenverdienst mit den Touristengruppen. Nach der Tour führt María Xosé die Besucher in ihr Viertel, dorthin, wo die Fischer leben und die Fassaden und Dächer einiger Häuser mit Jakobsmuscheln bedeckt sind, statt mit Steinen und Ziegeln. Das Leben in Galiciens Küstendörfern ist schon immer hart und vom Meer geprägt. Fischerei und Muschelzucht sind Haupteinnahmequellen.

Galicien gehört zu den entlegensten Regionen Spaniens, die Römer verschlug es selten hierher. Im sechsten Jahrhundert vor Christus wanderten Kelten ein. Ihre Spuren finden sich noch heute in der Sprache, dem "Gallego", aber auch an den Orten.

Immer wieder stehen in der Nähe der Dörfer "Pallozas", runde vorrömische Steinhütten mit kegelförmigem Strohdach, sowie keltische Ochsenkarren und Holzpflüge. Das typische Instrument ist die Gaita, der galicische Dudelsack. In Dörfern wie Catoira finden sogar Wikinger-Feste statt. Und noch heute baden sich zur Sommersonnenwende unfruchtbare Frauen in der Nähe von Cambados an der Playa de la Lanzada, um doch noch schwanger werden zu können.



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