Naantali Finnischer Tango zur Mittsommernacht

Es dämmert, aber so richtig dunkel wird es nicht. Eigentlich ist längst Schlafenszeit in Naantali an Finnlands Südküste. Am 22. Juni jedoch feiert das ganze Land Mittsommernacht. Das berühmteste Johannisfeuer brennt auf einer kleinen Insel vor der Sommerresidenz der finnischen Staatspräsidentin.


Naantali - Tuckernd sticht die "MS Karin" in See, am Heck drängen sich vor allem Kinder rund um die Fahne. Mittsommernacht in Finnland ist irgend etwas zwischen Familienfeier und Betriebsausflug. Und oft beginnt die Party mit einer Bootstour in die Schärenlandschaft.

Johannisfeuer: Lodernde Flammen zur kürzesten Nacht
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Johannisfeuer: Lodernde Flammen zur kürzesten Nacht

Das Schiff ist mit Birkenzweigen geschmückt, am Ufer brennt schon ein Johannisfeuer. Möwen kreisen über dem Wasser, und längst ist die "MS Karin" nicht mehr allein - Dutzende von Booten, Yachten und Ausflugsschiffen haben sich auf den Weg gemacht in Richtung Präsidentenpalast.

Kurz vor 11 Uhr versammelt sich die Armada von Schaulustigen auf den Booten in möglichst unmittelbarer Umgebung des präsidialen Holzstapels. Die Sonne ist inzwischen noch ein Stückchen in Richtung See gekrochen, am Himmel wirbeln Wolkenschlieren in Rosarot. Die Äste und langen Holzscheite brennen schon, dunkler Qualm steigt nach oben. Es riecht nach Kiefernnadeln, und das Knistern ist weit über das Wasser hin zu hören. Irgendwo da hinten im Halbdunkel soll auch Tarja Halonen stehen, die Staatspräsidentin höchstselbst. Die Möwen kreischen vor Begeisterung, und der Akkordeonspieler auf der "MS Karin" greift zu "La Paloma" beherzt in die Tasten.

Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken - richtig dunkel wird es in der finnischen Mittsommernacht nicht
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Die Sonne versteckt sich hinter den Wolken - richtig dunkel wird es in der finnischen Mittsommernacht nicht

Nach der Rückkehr der Boote ziehen viele der Schaulustigen weiter in die umliegenden Kneipen und Restaurants. Und dann wird nicht nur gegessen und getrunken, sondern auch getanzt: Tango zum Beispiel. Finnischen Tango wohlgemerkt, der mit dem argentinischen nicht viel mehr als den Namen gemein hat. Er ist bodenständiger, weniger artistisch, wird aber mit der gleichen Leidenschaft getanzt.

Am Bootshafen gruppieren sich viele Restaurants mit Wintergärten oder großer Veranda. Die Küche hier hat einen Namen für alles, was aus dem Meer kommt. Ausprobieren lässt sich das etwa im Merisali, einem rustikal eingerichteten Traditionsrestaurant, in dem beim Mittagsbüfett Makrelen und Lachs, Krebsfleisch, Rollmops und überhaupt Heringsvariationen aller Art auf der Speisekarte stehen.

Wenn es nach einer kurzen Nacht am nächsten Morgen wieder richtig hell geworden ist, bietet sich ein Bummel durch Naantali an: Der kleine Bade- und Kurort mit knapp 12.500 Einwohnern hat eine ungewöhnliche Karriere hinter sich.

Historische Holzhäuser: Naantali war früher ein bedeutender Kurort
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Historische Holzhäuser: Naantali war früher ein bedeutender Kurort

Im 18. Jahrhundert galt das Wasser, das hier aus Quellen sprudelte, als geradezu universelles Heilmittel - etwa gegen Gicht, Skorbut und Kopfschmerzen. Ob da etwas dran war oder nicht - das damals unscheinbare Dorf profitierte in vielerlei Hinsicht von den Zipperlein und dem Wunschdenken der Zeitgenossen: Viele Häuser aus der Zeit sind noch zu sehen, etliche aus Holz und in hellen Farben gestrichen, manche der kleinen Straßen wirken idyllisch wie aus einem Pippi-Langstrumpf-Film.

Wer in Finnlands Süden reist, hat an sehenswerten Zielen keinen Mangel: Turku, die alte Hauptstadt des Landes, liegt direkt an der Ostseeküste - genau wie die heutige Kapitale Helsinki. Es gibt eine ganze Reihe von Badeorten wie Ekenäs mit seiner heimeligen, unter Denkmalschutz stehenden Altstadt und dem langen Sandstrand, der auch bei Finnen ausgesprochen beliebt ist.

Mittelalterliche Pracht: Mit dem Bau des Schlosses in Turku wurde im 13. Jahrhundert begonnen
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Oder Hanko, die südlichste Stadt Finnlands. Seit 2001 legen hier die Schnellfähren an, die die Urlauber aus dem rund 950 Kilometer entfernten Rostock in Suomis Süden bringen. Die kleine Stadt, die sich rühmt, nur 10.000 Einwohner, aber 30 Kilometer Strand zu haben, war vor dem Ersten Weltkrieg das "finnische Baden-Baden" für den russischen Adel - und lange Zeit auch der Hafen, von dem aus finnische Armutsflüchtlinge emigrierten, vor allem in die USA. Das Auswandererdenkmal direkt am Strand - drei abfliegende Kraniche - erinnert daran.

"Bleiben Sie bloß im Süden, fahren Sie gar nicht erst weiter", empfiehlt Magnus Linder. "Hier gibt es keine Mücken und fast immer Sonne!" Der betagte Herr, der in akzentfreiem Deutsch parliert, ist in der beneidenswerten Lage, ein Schloss zu besitzen: den in einem großzügigen Park gelegenen Herrenhof Svarta nordöstlich von Hanko. Erbaut wurde das größte Holzgebäude in Finnland - Kirchen nicht mitgerechnet - 1792 von einem Vorfahren Linders, der ebenfalls Magnus hieß. Heute ist es ein Museum, für das auch kulturhistorische Führungen angeboten werden.

Der Südwesten Finnlands: Keine Mücken und fast immer Sonne
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Ein Finne ganz anderen Schlags ist Pentti-Oskari Kangas, von Beruf Dampfschiff-Kapitän, Sauna-Experte, Unternehmer und Herr über Herrankukkaro auf der Insel Rymättylä südwestlich von Naantali. Die Hemdsärmel aufgekrempelt, mit grauem Vollbart und gefurchter Stirn, steht er vor der Blockhütte am Eingang seines Anwesens. "Es ist ein alter Fischerhof", erzählt Kangas. "Für mich ist er wie Abrahams Schoß." Kangas hat 17 Mitarbeiter, "alles Aborigines", wie er betont - Eingeborene wie er selbst.

Auf dem Gelände gibt es 94 richtige Betten, noch einmal so viele Schlafplätze in freier Natur - und viel Platz zum Schwitzen: "Wir haben allein vier Rauchsaunen", sagt der graubärtige Herr der Wildnis. "Das ist die ursprünglichste Form der Sauna überhaupt, eine tolle Erfindung, die es schon seit Ende der Eiszeit gibt." Und ein Anflug von Stolz schwingt mit, wenn Kangas betont, auf seinem Fischerhof befinde sich mit 112 Plätzen eine der größten Saunen der Welt.



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