Untätige Bundesregierung Das Ticketchaos bei Nachtzügen

Das Buchen von Nachtzugtickets wird zur Knobelaufgabe. Der Grund: Die Deutsche Bahn und die Österreichischen Bundesbahnen können sich nicht auf ein Ticketsystem einigen. Die Bundesregierung schaut zu.

ÖBB Nachtreisezug
obs / ÖBB

ÖBB Nachtreisezug

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Wer derzeit ein Nachtzugticket für Mitte Juni kaufen will, muss schon ein Spezialist für internationale Tarifsysteme sein. Je nachdem, ob man auf der Website der Deutschen Bahn oder der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) schaut, unterscheiden sich nicht nur die Preise. Mal kann man die gesamte Strecke buchen, mal nur einen Teil. Mal wird die deutsche Bahncard angerechnet, dann wieder nicht. Ganze Züge tauchen mal auf - und werden gleichzeitig auf der anderen Website gar nicht angezeigt.

Genau ein solches Wirrwarr hätte die Bundesregierung eigentlich verhindern sollen. Doch entgegen eines entsprechenden Bundestagsbeschlusses kümmert sich das Verkehrsministerium nicht um die Sache, wie aus einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervorgeht, die dem SPIEGEL vorliegt.

"Extrem kundenfeindliche Regelungen"

Die Deutsche Bahn hatte 2016 alle Nachtzugverbindungen eingestellt, unter großem Protest von Gewerkschaften, dem Fahrgastverband Pro Bahn sowie Grünen und Linken im Bundestag. Die ÖBB übernahmen daraufhin im Dezember 2016 etwa die Hälfte der Nachtzugstrecken, etwa von Hamburg nach Zürich oder Düsseldorf nach Innsbruck.

In der Folge beschloss die Große Koalition im Juni 2017 mit ihrer Mehrheit im Bundestag, die Regierung solle sich für "ein einheitliches Buchungssystem" im Nachtzugverkehr einsetzen. Doch passiert ist offenbar nichts. Die Regierung plane derzeit "keine neuen gesetzlichen Regelungen zur Schaffung eines einheitlichen Buchungssystems", heißt es in der Antwort auf die Kleine Anfrage. Auch in Bezug auf die Anerkennung von Tickets und Rabattkarten plant die Regierung nach eigener Aussage "keine derartigen Maßnahmen".

"Die Bundesregierung nimmt billigend in Kauf, dass die letzten verbliebenen Nachtzüge in Deutschland durch extrem kundenfeindliche Regelungen immer unattraktiver werden", sagte Sabine Leidig, bahnpolitische Sprecherin der Linken-Fraktion im Bundestag, dem SPIEGEL. Die ÖBB-Nachtzüge seien der Beweis, dass die DB AG mit ihrer Nachtzug-Stilllegung falsch gelegen habe.

Übergangslösung endet

Problematisch wird das Ticketchaos für alle Fahrten von Juni 2018 an - bis dahin akzeptieren die ÖBB noch die Fahrscheine der Deutschen Bahn und gewähren Bahncard-Kunden auch den in Deutschland üblichen Rabatt von 25, 50 oder 100 Prozent. Dieser gilt auf den Basispreis für die Nachtzugfahrt; bei Zuschlägen, zum Beispiel für ein Schlafabteil, gilt er nicht.

Diese Übergangslösung endet aber am 9. Juni 2018, und bisher ist nicht klar, wie es danach weitergeht. Man befinde sich derzeit in Gesprächen, sagten Sprecher beider Bahnunternehmen dem SPIEGEL. Dabei gehe es sowohl um die Anerkennung der DB-Fahrscheine als auch der Bahncard. Die Zeit drängt, denn Tickets für die Nachtzüge können Fahrgäste bereits ein halbes Jahr im Voraus kaufen - derzeit also bereits für Ende Juli, die Zeit der Sommerferien.

Einig sind sich die Konzerne bisher nur, dass Nachtzugtickets langfristig am Deutsche-Bahn-Schalter und auf der DB-Website erhältlich sein sollen - selbst wenn es sich dabei um Fahrscheine der ÖBB handelt. Die Deutsche Bahn würde diese dann gegen Provision verkaufen. Die Internetbuchung solle im Laufe des ersten Quartals 2018 möglich sein, sagte ein DB-Sprecher.

Das wäre eine gute Nachricht. Bahnkunden müssten dann immerhin nicht für eine Zugfahrt mehrere Tickets kaufen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir geschrieben, dass die Übergangslösung am 9. Juni 2017 endet. Tatsächlich endet sie im Juni 2018.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Sibylle1969 25.01.2018
1.
Vor ein paar Wochen kam ich zurück von einem Geschäftstermin in der Schweiz und verpasste, weil der Zubringerzug aus Bern der SBB ausnahmsweise mal ziemlich unpünktlich war, in Basel SBB den letzten regulären ICE nach Frankfurt. Als einzige Möglichkeit, noch am selben Abend nach Hause zu kommen, gab es noch einen ÖBB-Nachtzug. Zwar wurde mein zuggebundenes Ticket anerkannt, doch musste ich nochmals für eine Reservierung nachzahlen, weil der Nachtzug reservierungspflichtig war. Und das, obwohl ich schon für eine Reservierung im ICE gezahlt hatte. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus.
bonus 25.01.2018
2. ÖBB App herunterladen
und am Handy oder Smartphone installieren. Dort werden alle Nachtzüge angezeigt und sind nach Anmeldung auch buchbar. Alternativ dazu bietet auch die Website der ÖBB die Möglichkeit der Buchung. Kleiner Tip noch: ÖBB Vorteilscard beantragen. Diese ist vergleichbar mit der Deutschen BahnCard und kostet zB für Senioren ab 60 Jahren 29€ und ist gültig auch für die erste Klasse. Weitere Fragen werden auf der ÖBB Site beantwortet.
investor3000 25.01.2018
3.
Nachtzugfahren habe ich in Deutschland seit ICE-Einführung nicht mehr gemacht, ich erinnere mich aber noch gut an meinen Russland-Urlaub und empfinde es als die absolut beste und sogar schellste Art des Reisens. Wer kann auf internationalen Strecken schon sagen, man steht eine halbe Stunde vor Ankunft auf. Beim Flieger klingelt der Wecker vermutlich 5 Stunden vor Ankunft. Schade das unser Verkehrsministerium die Sache anscheinend gegen die Wand fahren lässt und damit auch Arbeitsplätze gefährdet.
fatal.justice 25.01.2018
4. Wunder?
Das Verkehrsministerium befasste sich bis zuletzt mit nahezu heldenhaftem Gleichmut mit solch brillanten geistigen Sturzgeburten des karierten Großvisirs aus Peißenberg an der Amper wie der Autobahnmaut für Individuen ausländischen Geblüts. Woher soll die ministerielle Nomenklatur nur all die Zeit und Man- sowie Womanpower hernehmen, um sich den wirklichen Infrastrukturfragen zu widmen... Dobrindt weiß schon, wie man Prioritäten geschickterweise so setzt, dass sie mit der Lebenswirklichkeit der Bürger möglichst wenige Schnittpunkte hat.
bold_ 25.01.2018
5. Ja, das ist deren Art zu denken.
Zitat von Sibylle1969Vor ein paar Wochen kam ich zurück von einem Geschäftstermin in der Schweiz und verpasste, weil der Zubringerzug aus Bern der SBB ausnahmsweise mal ziemlich unpünktlich war, in Basel SBB den letzten regulären ICE nach Frankfurt. Als einzige Möglichkeit, noch am selben Abend nach Hause zu kommen, gab es noch einen ÖBB-Nachtzug. Zwar wurde mein zuggebundenes Ticket anerkannt, doch musste ich nochmals für eine Reservierung nachzahlen, weil der Nachtzug reservierungspflichtig war. Und das, obwohl ich schon für eine Reservierung im ICE gezahlt hatte. Kundenfreundlichkeit sieht anders aus.
Mein Vorschlag: Ein normales Zugabteil anbieten für solche Fahrgäste mit einer gewissen Anzahl von Sitzplätzen. Da es sich um einen "Lumpensammler" handelt, weiß weder die Bahn im Voraus, wie viele Fahrgäste kommen werden, noch können - insbesondere - diese reservieren! Im Laufe der Zeit sammelt die Bahn Praxiserfahrungen und bietet genügend Plätze an. Plus einen gewissen Sicherheitszuschlag. Ja, es werden nicht immer alle Plätze belegt werden können, aber man kann sich z. B. auch an den Verspätungen der anderen Züge orientieren. Es sollte normal werden, einen Nachtzug spontan zu nutzen, und das Personal und der Betreiber haben noch "Luft nach oben"...
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