Nationalpark Hohe Tauern: Eisklettern mit gutem Gewissen

"Null Kilometer" ist das Motto in den Hohen Tauern - Wintergäste in der Region müssen ihr Auto nicht bewegen. Nicht nur mit dem Shuttle-Service setzt der Nationalpark auf Nachhaltigkeit: Für die Kinder gibt es eine mobile Klimaschule, während Erwachsene Eisklettern oder auf Alpen-Safari gehen.

Hohe Tauern: Nachhaltiger Nationalpark Fotos
Oliver Gerhard

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Karabiner rasseln, Haken klirren, Eissplitter rieseln. Klaus Rüscher schlägt einen Pickel über sich in die Wand, dann rammt er das Steigeisen ins gefrorene Nass. Rechts, links, rechts, links - er klettert die senkrechte Wand wie auf einer Leiter hinauf. Und das an einer 50 Meter hohen Säule aus Eis. Drei Kletterschüler beobachten ihn vom Boden aus. Gleich sollen sie es ihm nachmachen.

Es ist klirrend kalt im Maltatal, einem abgeschiedenen Winkel des Nationalparks Hohe Tauern. Das größte Schutzgebiet der Alpen erstreckt sich über 1800 Quadratkilometer und drei Bundesländer: Kärnten, Tirol und das Salzburger Land. Es ist eine ursprüngliche Bergwelt mit mehr als 300 Gletschern und beinahe ebenso vielen Dreitausendern, darunter der Großglockner, mit 3798 Metern der höchste Berg Österreichs.

Das Plätschern des Maltabachs klingt zwischen den Schneeplatten hervor. Die Berge tragen Zebra-Look: schwarzer Fels, weißes Eis. "Das liegt an der Geologie", sagt Rüscher. "Der Gneis lässt das Wasser nicht versickern, es läuft aus dem Berg und friert fest."

Einmal in der Woche führt Rüscher Gäste zum Schnupper-Eisklettern. Neue Fans sollen für die Sportart gewonnen werden, die dem skifreien Tal eine kleine Wintersaison brachte. Die Ausrüstung ist schnell erklärt: Helm, Klettergurt, Steigeisen und Eisgeräte. Letzteres sind die beiden Pickel, mit denen sich die Kletterer an die Wände krallen - keine schweren Holzteile im Luis-Trenker-Stil, sondern ergonomisch perfekte Werkzeuge.

"Das Tolle am Eisklettern ist: Man hinterlässt keine Spuren", sagt Rüscher. "Spätestens Ende März ist alles wieder weg." Keine Spuren hinterlassen, nachhaltig wirtschaften, umweltbewusst planen - diese Prinzipien wurden in der gesamten Region zum Leitmotiv. "Null Kilometer" lautet das Motto in Mallnitz, dem Zentrum des Kärntner Parkteils. Gäste müssen ihr Auto im Ort kein Stück bewegen: Ein eigener Bahnhof, ein günstiger Shuttle-Service zum Hotel sowie Skibusse zu Seilbahnen und Sehenswürdigkeiten sorgen für Mobilität.

Big Five der Alpen-Safari

Auch das Tourenprogramm des Nationalparks ist nachhaltig. Ein gutes Beispiel ist die Schneeschuhwanderung ins Fleißtal, das "Tal der Steinböcke", an der Seite von Ranger Konrad Mariacher. Mit seinem smarten Grinsen und seiner offenen Art könnte der drahtige Kärntner locker als Skilehrer durchgehen. Tatsächlich lebte Mariacher lange Zeit vom Wintersport und bildete Sportstudenten aus, bis eine Verletzung sein Leben in eine andere Bahn lenkte.

Nach der Fahrt mit der Seilbahn steht Mariachers Gruppe auf der Skipiste. Doch schon nach wenigen Minuten verschluckt der Wald die Geräusche des Skibetriebs, nur noch das Knirschen der Schneeschuhe auf dem harschigen Untergrund ist zu hören. Immer knorriger, immer dicker werden die Lärchen mit ihrer moosigen, wettergegerbten Rinde.

Tierspuren ziehen sich in alle Richtungen: die kleinen Fußabdrücke der Schneehasen und der schleifende Schritt der Füchse. Dann öffnet sich der Blick zu einem natürlichen Amphitheater aus Schnee und Eis. Mariacher klappt sein Fernrohrstativ aus.

Im Fleißtal leben die Big Five, die großen Fünf, der Region: Gämsen sieht man garantiert auf dieser Alpen-Safari, Steinböcke mit großer Wahrscheinlichkeit, und mit etwas Glück auch Gänsegeier, Steinadler und Bartgeier. "Da, eine Steinbockgeiß mit ihrem Kitz", ruft der Ranger plötzlich.

Einst waren die Steinböcke ausgerottet in den Hohen Tauern, nicht nur wegen ihres Fleischs und ihrer gewaltigen Hörner wurden sie gejagt, sondern auch für eine angebliche Wundermedizin aus ihren Organen. Im 17. Jahrhundert entbrannten unter Wilderern regelrechte Kriege um die Tiere. In den sechziger Jahren siedelte man wieder erste Exemplare in der Region an. Heute leben wieder mehr als 550 Steinböcke rund um den Großglockner.

Null-Kilometer-Menü mit Tauernhirsch

Vor allem die Kinder können sich nicht satt sehen an der Tierwelt. Und mit Kindern hat Mariacher Erfahrung: Der Ranger ist auch Lehrer an der mobilen Wasser- und Klimaschule. Regelmäßig unterrichtet er Schulklassen in Ökologie, Nachhaltigkeit und über den Rohstoff Wasser. Das Konzept hat den Hohen Tauern den Spitznamen "größtes Klassenzimmer Österreichs" eingebracht.

Besonders beliebt ist das "Klimamenü", bei dem die Schüler ihr Lieblingsessen zusammenstellen dürfen. Danach wird der CO2-Ausstoß ermittelt. "Eine Gruppe hat neulich 33.000 Kilometer für den Transport der Zutaten benötigt", sagt Mariacher. "Die Lehrerin war baff. Ich auch."

Am Abend nach der Tour testen die Wanderer das Klimamenü selbst: Im holzverkleideten Restaurant "Almstube" in Mallnitz sitzen sie am prasselnden Kaminfeuer und genießen Kärtner Almochsen an Erdäpfel-Kernöl-Schaum, Forellenfilet und Medaillons vom Tauernhirsch - das so genannte "Null-Kilometer-Menü". Alle Zutaten kommen aus der Region.

Trotz kleiner Einschränkungen hat sich das Null-Kilometer-Konzept bewährt. Bis hinauf auf die Berghütten bieten Wirte inzwischen Null-Kilometer-Gerichte an. Und auch die Gäste dürfen den schonenden Umgang mit der Natur unterstützen, indem sie "einen Quadratmeter Tauern" mit nach Hause nehmen - in Form einer Patenschaft, deren Erlös in nachhaltige Projekte im Nationalpark fließt.

Oliver Gerhard/srt/dkr

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ganzheitliches Denken
weltoffener_realist 18.12.2012
Zitat von sysop"Null Kilometer" ist das Motto in den Hohen Tauen - Wintergäste in der Region müssen ihr Auto nicht bewegen. Nicht nur mit dem Shuttleservice setzt der Nationalpark auf Nachhaltigkeit: Für die Kinder gibt es eine mobile Klimaschule, während Erwachsene Eisklettern oder auf Alpen-Safari gehen. Nationalpark Hohe Tauern: Eisklettern und Schneewandern in Österreich - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/reise/europa/nationalpark-hohe-tauern-eisklettern-und-schneewandern-in-oesterreich-a-872278.html)
Tja, alles gut und schön. Hoffentlich gibt es einen großen Parkplatz für all die Limousinen und SUV, von dem aus sich die Klimaschützer dann klimaneutral auf die Socken machen können ;-) Und hoffentlich hat niemand vergessen, auch andere Treibhausgase wie das wesentlich problematischere Methan einzubeziehen. Heimisches Rindfleisch als Proteinquelle fiele damit schon mal flach
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Österreich-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Weitere Informationen
Anreise
Condor, Germanwings, Lufthansa, Ryanair und Austrian steuern den Flughafen Klagenfurt an. Mit der Bahn per IC/EC zu den Bahnhöfen Mallnitz-Obervellach oder Spittal-Millstätter See. Weiter mit dem Shuttle ins Hotel.
Unterkunft
Große, bequeme Zimmer, mehrere Restaurants mit regionaler Küche und Doppelzimmer inkl. Halbpension ab 67 Euro pro Person bietet das Ferienhotel Alber, Arnoldstraße 25-26, 9822 Mallnitz, Tel. 0043/4784/525, Internet: www.ferienhotel-alber.at. Im Hotel Glocknerhof gibt es ebenfalls sehr komfortable Zimmer sowie regionale und Bioküche. Das Doppelzimmer inkl. Halbpension kostet ab 94 Euro pro Person. Buchung: Glocknerhof, Hof 6, 9844 Heiligenblut am Großglockner, Tel. 0043/4824/2244, Internet: www.glocknerhof.info.
Weitere Auskünfte
Nationalparkregion Hohe Tauern-Kärnten, Hof 4, 9844 Heiligenblut am Großglockner, Tel. 0043/4824/2700, Internet: www.tauernalpin.at, www.nationalpark-hohetauern.at; Urlaubsinformation Mallnitz, Mallnitz 11, 9822 Mallnitz, Tel. 0043/4784/290, Internet: www.mallnitz.at.

DPA
Atemberaubende Schneegipfel im Himalaja, schroffe Felswände in den Alpen: Viele Berge sind durch ihre einzigartige Form unverwechselbar. Wir sind trotzdem felsenfest davon überzeugt, dass Sie nicht alle erkennen - beweisen Sie das Gegenteil im SPIEGEL-ONLINE-Bilderquiz !