Eröffnung des neuen Gotthard-Tunnels Ein Weltrekord in Stein gemeißelt

In wenigen Tagen wird die Schweiz den längsten Eisenbahntunnel der Welt eröffnen: den neuen Gotthard-Basistunnel. Bis zu 2300 Meter hohes Felsgestein türmt sich über der 57 Kilometer langen Bahnstrecke.

alptransit

Ein Mann im orangen Overall quetschte seine Ziehharmonika, zwei Kollegen, ebenfalls in Arbeitsmontur, tanzten in der Tiefe ausgelassen zum folkloristischen Alpensound. Fast zehn Jahre ist es her, dass Bauarbeiter und Ingenieure in einem Schacht im Gotthard-Massiv einen wichtigen Etappensieg feierten: den ersten Gesteinsdurchbruch für den neuen Gotthard-Basistunnel. Mit einem Durchmesser von 9,5 Metern hatte sich eine Tunnelbohrmaschine bei Faido, einem 3000-Einwohner-Ort im Tessin, durch den Gneis gefressen.

Nun, nach insgesamt rund 17 Jahren Bauzeit, haben die Tunnelmacher wieder Grund zum Jubeln: Die offizielle Eröffnung steht kurz bevor. Am 1. Juni wird es einen Staatsakt geben, an den Tagen danach sind Volksfeste geplant.

Vier gigantische Bohrköpfe waren nötig, um den längsten Eisenbahntunnel der Welt zu bauen, der zwischen Erstfeld im Schweizer Kanton Uri und Bodio im Südkanton Tessin verläuft. Doch der Gotthard-Basistunnel ist nicht nur ein Segen für die Eidgenossen. Er lässt den Norden und den Süden Europas verkehrstechnisch enger zusammenrücken.

Zwischen Nordsee und Mittelmeer wird künftig eine weitgehend ebene Gleisbettverbindung bestehen. Personenzüge werden mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 250 km/h durch die Alpen rasen können. Die Verbindung zwischen Zürich und Lugano soll sich um 45 Minuten auf rund zwei Stunden verkürzen. Zahlen, die pure Begeisterung wecken in einem Land, dessen Einwohner mit rund 2300 Schienenkilometern pro Person und Jahr als Bahnreise-Weltmeister gelten.

Bis zur Aufnahme des regulären Bahnbetriebs wird jedoch noch einige Zeit vergehen. Erst nach 3000 weiteren Testfahrten soll die Strecke kurz vor Weihnachten endgültig freigegeben werden. Dann wird durch den alten, 1882 in Betrieb genommenen Gotthardtunnel zwischen Göschenen und Airolo zunächst nur noch ein stündlicher Fernverkehrszug de SBB fahren. Nach 2017 ist aber über seine Zukunft noch keine Entscheidung gefallen.

Enorme Tiefe, gerade Strecke

Das neue Schweizer Jahrhundertbauwerk, das sieben Kilometer länger ist als der Eurotunnel unter dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und England, könnte Verantwortliche für Großprojekte in Deutschland vor Neid erblassen lassen: Trotz der gewaltigen Dimensionen wurde das größte Investitionsprojekt in der Geschichte der Eidgenossenschaft mit der sprichwörtlichen Präzision eines Schweizer Uhrwerks durchgezogen - ohne große Kostenüberschreitungen und am Ende sogar ein Jahr vorher als 2007 nach einer nötigen Zeitplankorrektur geplant.

Was den neuen vom alten Tunnel unterscheidet, ist neben der viel größeren Länge vor allem seine enorme Tiefe, die gerade Strecke und seine Ebenerdigkeit. Der Basistunnel verläuft bei nur geringfügigen Steigungen sowie ohne enge Kurven auf einer Höhe von maximal 550 Metern über dem Meeresspiegel. Experten sprechen daher von einer "Flachbahn". Statt etwa 1100 Meter Gebirgsmasse wie beim alten türmt sich über dem neuen Tunnel bis zum Gipfel des Gotthards eine Felsabdeckung von 2300 Metern auf.

Durch Millionen von Kubikmetern Gestein haben sich die Tunnelbohrer, auch "Riesenmaulwürfe" genannt, gefressen. Das Gesamtvolumen entspricht dem Fünffachen der Cheopspyramide.

An der ingenieur- und bautechnischen Meisterleistung waren zu Spitzenzeiten 2400 Arbeitskräfte - unter ihnen viele Deutsche - beteiligt. 12,2 Milliarden Franken (11,0 Milliarden Euro) waren allein für das Kernstück des Gotthard-Basistunnels veranschlagt. Das gesamte Alpentransit-Projekt - mit weiteren Röhren durch den Lötschberg und dem Ceneri-Basistunnel zwischen Bellinzona und Lugano (Inbetriebnahme Ende 2020) sowie für die Gleisanlagen dazwischen - soll 23 Milliarden Franken kosten.

Zum Schutz der Alpen

Wichtiger als die größere Bequemlichkeit für Reisende sind für Volkswirtschaft und Umwelt die Effekte im Güterverkehr. Pro Tag können künftig 260 Güterzüge das Gotthardmassiv durchqueren statt bisher maximal 180. Damit soll ein Teil der Gütertransporte zwischen Nord- und Südeuropa von der Straße auf die Schiene verlagert werden.

"Mit dem Bau der neuen Gotthardbahn verwirklicht die Schweiz eines der größten Umweltschutzprojekte Europas", verspricht der eigens als Tochter der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) geschaffene Bauträger AlpTransit Gotthard AG. "Es trägt wesentlich zum Schutz der Alpen bei." Allerdings nimmt der Gütertransport insgesamt immer mehr zu. Eine größere Reduzierung der Abgasbelastung durch Straßentransporte erwarten Experten erst, wenn weitere neue Alpentunnel fertig werden.

Dazu gehört neben dem geplanten Mont-Cenis-Basistunnel zwischen Italien und Frankreich (ebenfalls 57 Kilometer, kaum vor 2026 fertig) der Brenner-Basistunnel zwischen Österreich und Italien. Dieses Kernstück der neuen Brennerbahn soll 64 Kilometer lang und damit zum nächsten Tunnelweltmeister werden. Doch bis frühestens 2026 Züge durch die Brenner-Riesenröhre rollen können, bleibt der Gotthard die Heimstatt des Eisenbahntunnel-Weltrekordlers.

Wenn kommende Woche der erste Zug durch den Tunnel fährt, werden Hunderte Schweizer darin sitzen. Die Freitickets wurden unter Zehntausenden von Bewerbern verlost. Erst im zweiten Zug folgen Politiker und die Staatsgäste - auch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi werden erwartet.

Längste Tunnel der Welt
Schweiz schlägt Japan
Der Gotthard-Basistunnel ist mit gut 57 Kilometern Bahnstrecke der längste Tunnel der Welt. Er löst den 1988 eröffneten Seikan-Tunnel als bisherigen Rekordhalter ab. Die Verbindung zwischen den japanischen Inseln Hokkaido und Honshu misst 53,9 Kilometer, davon etwa 23 unter dem Meer.
38 Kilometer unter dem Meer
Der drittlängste Tunnel ist mit 50,5 Kilometern der 1994 eröffnete Eurotunnel unter dem Ärmelkanal zwischen Frankreich und England, bei dem etwa 38 Kilometer unter dem Meer verlaufen. Der weltlängste Straßentunnel ist der 2000 eröffnete Lærdalstunnel in Norwegen (24,5 Kilometer).
Deutschlands längste Tunnel
Deutschlands längste Tunnel sind der 1991 für die Bahn in Betrieb gegangene Landrückentunnel in Hessen mit 10,8 Kilometern und der 7,9 Kilometer lange Rennsteigtunnel in Thüringen von 2003 für Autos. Quelle: dpa

jus/dpa/Thomas Burmeister



insgesamt 127 Beiträge
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Seite 1
dfritzg 24.05.2016
1. Glückwunsch an die Eidgenossen,
so macht man Großprojekte. Ein Schelm der dabei daran denkt, das es in der CH auch direkte Bürgerbeteiligung und keinen solchen Politik Filz wie bei uns gibt. Wir wurschteln solange munter weiter mit Flughäfen, Bahnhöfen und Philharmonien weiter bis auch die letzte Niete versorgt ist .....
epiktet2000 24.05.2016
2. Und die Bahn-AG?
Hat sie Schienenstrecken zu dem Tunnel auf deutschem Gebiet fertigstellen können? Oder zerbricht sie sich noch über Stuttgart 21 den Kopf?
schweizerbesserwisser 24.05.2016
3. Na ja ..
Was für eine Mischung aus politischer Augenwischerei und Geldverbrennerei! Sieht aber geil aus, muss ich zugeben. Nur meine Meinung. Gruss aus Zürich
herm16 24.05.2016
4. unvorstellbar
bei uns. Wir haben einfach zuviele Bedenkenträger, vor allem unsere Umweltverbaende würden Sturm laufen.
abocado 24.05.2016
5. Wir bauen zurück
... Und die Schweiz baut vorwärts. Dort setzt man auf mehr. In Deutschland werden viele waren Anschlüsse zu kleinen Industriestandorten zurückgebaut und weg rationalisiert. Bravo Deutschland!
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