Niederlande Haifischzähne im Nordseesand

Das Schwarze Gold von Cadzand ist bei Vätern und ihren Kinder ein begehrtes Sammelgut: Die Haifischzähne sind bis zu 15 Millionen Jahre alt und eine der größten Attraktionen von Seeländisch-Flandern im Süden der Niederlande. So wie die Küche - und die großen Pötte.


Cadzand - Gebeugt gehen sie Tag für Tag am Strand von Cadzand entlang. Ihre Augen sind wachsam auf den Boden gerichtet, nur ganz langsam, Meter für Meter, bewegen die Spaziergänger sich vorwärts. Väter hocken mit ihren Kindern im Kreis und schütteln stundenlang nassen Sand durch feine Gittersiebe. Sie alle sind auf der Suche nach dem "Schwarzen Gold von Cadzand", den Haifischzähnen.

Sie sind die größte Attraktion von Seeländisch-Flandern, der Region tief im Süden der Niederlande. Das grüne Bauernland mit seinen kleinen Dörfchen ist eine beliebte Ferienregion - nicht zuletzt wegen des elf Kilometer langen Strandes zwischen Cadzand und Breskens. Hier können Besucher in der Nordsee baden - oder Haifischzähne sammeln.

"Die schönsten Haifischzähne haben drei Spitzen. Die besten Fundstellen sind zwischen Cadzand und Nieuwvliet-Bad am Strand nahe des Radarturms", erklärt Lex Kattenwinkel aus Goes. Zwischen 2 und 15 Millionen Jahre alt sind die Haifischzähne, so die Schätzungen von Geologen. Sie stammen aus der Tertiär-Zeit, als weite Teile der heutigen Niederlande noch vom Meer bedeckt waren. Kattenwinkel befasst sich seit 26 Jahren mit den in Europa einmaligen Funden: "Bei Cadzand lagern die uralten Erdschichten besonders nahe unter der Oberfläche. Deshalb sind dort die versteinerten Zeugen der Vergangenheit so leicht zu entdecken. Durch die lange Lagerung im Boden haben die Zähne die schwarzgraue Färbung bekommen."

Die Haifischzähne und andere Versteinerungen der ehemaligen Meeresbewohner werden nicht nur in privaten Sammlungen gehütet, sondern sind auch zu Exponaten in Museen geworden. In Cadzand beispielsweise werden die Haifischzähne ab Herbst 2006 im "Hotel Nordzee" in einem eigenen Raum zu bewundern sein. "Schon mein Großvater und Vater haben Haifischzähne gesammelt. Der Weg am Strand entlang gehörte für sie wie für viele andere Bewohner zum Alltag", erzählt Hotelinhaber Peter Faas. 1953 seien die ersten Haifischzähne im Naturschutzgebiet Het Zwin entdeckt worden.

Gute Küche im burgundisch-flämisch geprägten Landstrich

Der Bereich scheint heute allerdings leer gesammelt zu sein. Nur mit viel Glück sind in Het Zwin noch die begehrten Überbleibsel zu entdecken. Lex Kattenwinkel hat seine eigenen Erfahrungen mit den besten Fundmöglichkeiten gemacht: "Ein bis zwei Stunden nach dem Hochwasser bei ablaufender See ist eine gute Zeit. Und dann noch der November, wenn Stürme aus Nordwest die Fossilien aus den Untiefen vor der Küste an den Strand gespült haben."

Die Jagd nach dem "Schwarzen Gold" ist nur eine der vielen Freizeitmöglichkeiten in Zeeuws-Vlaanderen, wo die Saison bereits Ostern beginnt und bis Ende Oktober dauern kann. Im Sommer finden die meisten Urlauber Unterkunft auf den 44 Campingplätzen und den 50 "Mini-Campings" - den kleinen Arealen auf Bauernhöfen.

Gerade mal 70 Kilometer von Westen nach Osten und knapp 20 Kilometer von Norden nach Süden umfasst dieser südlichste Teil der Niederlande, der wie ein breites Badetuch zwischen der belgischen Grenze und der Westerschelde liegt. Der Meeresarm gilt für die Seeländer als natürliche Barriere zu den übrigen Niederlanden.

"Wir haben Belgien direkt vor unserer Haustür", sagt Nynke van der Ploeg, Direktorin des regionalen Tourismusbüros von Seeländisch-Flandern. Die enge Nachbarschaft zum genussfreudigen Belgien findet sich in dem burgundisch-flämisch geprägten Landstrich in gutem Essen und Trinken wieder.

Alleine vier Michelin-Sterne glänzen über den Restaurants des kleinen Gebietes. Das "Oud Sluis" in Sluis kann drei Sterne aufweisen, "De Kromme Watergang" in Hoofdplaat-Slijkplaat einen. Und im Dörfchen Groede ist Chefkoch Bart van Kruiningen in seinem "Etablissement 1880" auf dem Weg zur gastronomischen Spitze. Neben dem Klappern von Töpfen und Pfannen aus der Küche bekommen die Gäste hier gelegentlich dezente Klaviermusik geboten. Serviererin Aukje Saneel setzt sich ab und zu ans Piano und spielt Mozart und Strauß.

Fietsknooppuntensysteem: 1000 Kilometer Radroute

Urlaubern, die nach dem Essen die Pfunde wieder abstrampeln möchten, stehen mehr als 1000 Kilometer Radroute zur Auswahl. Das Fahrradnetz verbindet die Badeorte an der Küste mit den kleinen Dörfern im Hinterland. Das "Fietsknooppuntensysteem" weist statt komplizierter Ortsnamen ausschließlich Ziffern auf, an denen sich die Fahrradfahrer an allen Wegkreuzungen orientieren können.

Eines der schönsten Ausflugsziele ist Groede. Nur wenige Schritte vom Kirchplatz entfernt tauchen die Besucher beim "Vlaemsche Erfgoed" in die Geschichte des 19. Jahrhunderts ein. In den kleinen Häuschen der Slijkstraat sind Schmiede, Bäckerei, Friseursalon, Kaufmannsladen und Zimmermannwerkstatt im Stil der Jahrhundertwende zu besichtigen. Und nebenan gleicht die Herberge "De natte Pij" mit ihren historischen Gebrauchsgegenstände eher einem Museum als einem Hotel.

Am Strand von Seeländisch-Flandern ziehen dagegen riesige Containerschiffe, Frachter und Hochseefähren vorbei - zu den Häfen von Vlissingen, Antwerpen und Gent. Bei Nieuwvliet ist die Fahrrinne nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt. Bis zu 120.000 Schiffe - vom bauchigen Supertanker bis zur kleinen Segeljolle - werden jährlich an der Mündung der Westerschelde gezählt. Damit gilt der Meeresarm als einer der meist befahrenen Schifffahrtswege in Europa.

Da verwundert es kaum, dass die Fangemeinde der "Ship Spotter" längst die besten Plätze zum Schiffeschauen entdeckt hat: am Deich von Ossenisse und zwischen Perkpolder und Walsoorden.

Von Bernd F. Meier, gms



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