Niederlande Nikolaus schlägt Weihnachtsmann

Nikolaus versus Weihnachtsmann: In den Niederlanden tobt ein erbitterter Kampf um eine jahrhundertealte Tradition. Geschenke bringt am Abend des 5. Dezember der heilige Sinterklaas, der "Kerstman" gilt als Zeichen von Unkreativität, Dekadenz und Werteverfall.

Von Frederik Hartig


Hunderte Kinder drängen sich gegen die Metallabsperrung, sitzen auf den Schultern ihrer Eltern - und rufen, so laut sie können: "Piiiiiiet". "Zwarte Pieten" (schwarze Peter) heißen die schwarz geschminkten Helfer vom Sinterklaas, dem niederländischen Nikolaus, und sie verteilen Süßigkeiten an die Kinder. Ganz aus Spanien reise Sinterklaas jedes Jahr Mitte November mit einem Dampfschiff an, sagt die Legende. Der Mann mit rotem Talar, Mitra und langem weißen Bart wird in vielen niederländischen Städten und Gemeinden gebührend empfangen. Das nationale Fernsehen überträgt live, wie der Heilige mit dem "Pakjesboot 12" (Geschenkboot 12) in den Hafen einer größeren niederländischen Stadt einläuft.

Im südholländischen Dorf Warmond kam Sinterklaas dieses Jahr am 24. November an, allerdings nicht mit einem großen Dampfschiff, sondern mit einer kleinen Motorjacht. Als das Schiff am Ufer anlegt, springen die Pieten von Bord, werfen Säckchen mit Süßigkeiten in die kreischende Kinderschar und führen kleine Kunststücke vor, während der Sinterklaas mit rahmenloser Brille von einem Vertreter des Gemeinderats offiziell begrüßt wird.

Geschenke gibt es zum Nikolaus

In kaum einem anderen Land ist die Tradition um den heiligen Nikolaus so fest verankert wie in den Niederlanden. Im 13. Jahrhundert soll in Utrecht bereits ein Fest um St. Nikolaus gefeiert worden sein, und auch als sich die Reformation im Norden des Landes durchsetzte, wurde die katholische Tradition weitergeführt. Heute wird das Fest über mehrere Wochen aufwendig inszeniert: Von der Ankunft des Sinterklaas bis zum 5. Dezember berichtet jeden Tag das "Sinterklaas Journaal", eine Art fiktive "Tagesschau" für Kinder, in kurzen Episoden, was Sinterklaas und die Zwarten Pieten im Land erleben.

Sobald sich Sinterklaas in den Niederlanden befindet, dürfen die Kinder abends ab und zu ihre Schuhe vor den Kamin stellen, in die sie ihre Wunschzettel stecken; dazu eine Möhre oder ein Büschel Heu für den Schimmel "Amerigo", mit dem Sinterklaas über die Dächer reitet. In der Nacht klettern die Zwarten Pieten durch die Kamine, holen Wunschzettel und Heu ab, und hinterlassen ein paar Süßigkeiten oder kleine Geschenke, um das Warten auf den "Pakjesavond" (Geschenkabend) zu erleichtern.

Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern feiern die Niederländer ihr Nikolausfest schon am 5. Dezember, am Vorabend zum Geburtstag des Heiligen. Je nach Familientradition bringt Sinterklaas die Geschenke persönlich, oder er stellt den Sack vor die Tür und klopft an, bevor er verschwindet. Für Kinder ist das Sinterklaas-Fest ein spannendes Spektakel, für Erwachsene häufig eine nostalgische Erinnerung an die eigene Kindheit und auf jeden Fall ein Stück niederländische Identität.

"Hoho" statt eloquenter Gedichte

Verglichen mit Sinterklaas erhält das Weihnachtsfest selber wenig Aufmerksamkeit. Zwar würdigen viele Familien die Geburt Christi mit einem festlichen Essen und dem Gang zur Kirche, aber traditionell gibt es keine Geschenke und schon gar keinen Weihnachtsmann. Zunehmend erhält jedoch auch das Weihnachtsfest mehr Bedeutung: Begünstigt durch den wachsenden Wohlstand werden in manchen Familien zum Heiligabend ebenfalls Geschenke gemacht, und auch wenn es der Weihnachtsmann noch nicht in die Wohnzimmer geschafft hat, so ist er doch schon häufig in Einkaufszentren und Fernsehwerbungen anzutreffen.

Dass Sinterklaas nun einen Konkurrenten bekommen hat, schlägt sich in einer Debatte nieder, die mitunter im Land recht hitzig geführt wird. Von Jos Brink, einem beliebten Fernsehmoderator, der im August dieses Jahres gestorben war, wurde postum das "Handboek voor Hulpsinterklazen" (Handbuch für Hilfs-Sinterklaase) veröffentlicht. Brink versucht mit seinem Buch, den Brauch um Sinterklaas zu stärken, indem er die Geschichte des Festes erzählt und Ratschläge gibt, wie man sich als Zwarter Piet oder Sinterklaas richtig verhält. Im Weihnachtsmann sieht der Autor nicht nur einen negativen Einfluss auf die niederländische Kultur, für ihn ist er Inbegriff der Kommerzialisierung einer Tradition.

Skurril erscheint hierbei, dass Sinterklaas gewissermaßen in Konkurrenz mit sich selbst tritt: Auswanderer aus Europa hatten den heiligen Nikolaus nach Amerika mitgebracht und als Santa Claus, als Weihnachtsmann, kommt er schließlich nach Europa zurück. Dieser allerdings, so Jos Brink, sei unkreativ, er könne keine schönen Geschenke basteln und sein Wortschatz beschränke sich auf "Hoho!"

Einmal im Jahr Dichter sein

Brink trifft mit diesem Buch offenbar den Nerv vieler Niederländer. So schickte die "Vereniging tot Behoud van Sinterklaas" (Verein zum Erhalt von Sinterklaas) dieses Jahr nach eigenen Angaben 2222 Protest-E-Mails an die Gemeinde Noordwijk, weil dort am 9. Dezember ein offizielles Begrüßungsfest für den Weihnachtsmann gefeiert werden soll. Und ein Unternehmer aus dem Dorf Laren in Nord-Holland machte Aktion gegen Läden, die ihre Schaufenster schon im November weihnachtlich eingeschmückt hatten: Der selbsternannte "Spürnasen-Piet" platzierte, wie die Zeitung "De Gooi- en Eemlander" mitteilte, an die betreffenden Schaufenster ein kurzes Gedicht, das auf den Vorrang von Sinterklaas hinwies.

Jos Brinks Vorwurf des wortkargen Weihnachtsmannes spricht einen zentralen Aspekt der Tradition an: das Verfassen von Sinterklaas-Gedichten. Die Geschenke werden originell verpackt und anonym ihrem Adressaten übergeben, wobei jeder Beschenkte auch ein Gedicht erhält, in dem zum Beispiel erklärt wird, warum dieses Geschenk und kein anderes ausgewählt wurde.

Dafür steht ein reicher Schatz formelhafter Wendungen und Reimpaare bereit, doch Kreativität ist in jedem Fall gefragt. Nach einer Untersuchung von Nipo wurden im Jahr 2001 zu Sinterklaas 13,5 Millionen Gedichte verfasst. Der niederländische Dichter und Poesiekritiker Ilja Leonard Pfeijffer sieht in dieser Tradition eine Ursache für die Popularität von Poesie in den Niederlanden insgesamt: "Es ist schon eine besondere Situation in den Niederlanden, dass fast jeder einmal im Jahr eine praktische Erfahrung als Dichter macht."

Ein Piet bleibt ein Piet - ob schwarz oder grün

Jedes Jahr flammt auch wieder die Frage auf, ob es nicht diskriminierend sei und ein politisch inkorrektes Menschenbild vermittle, wenn Sinterklaas auf dem Pferd sitze, während seine schwarzen Helfer die Geschenke verpacken und durch die Schornsteine rutschen müssen. Dieser Kontroverse nahm sich das "Sinterklaas Journaal" 2006 an, indem es die Diskussion um die Farbe der Pieten in eine Story integrierte: Nachdem das Dampfschiff auf seiner Reise durch einen Regenbogen fuhr, sind neben den schwarzen auch Pieten in grüner, blauer und gelber Farbe zu sehen.

Ein Zwarter Piet, den die Mehrfarbigkeit seiner Kameraden überfordert, bittet Sinterklaas, die nichtschwarzen Pieten nach Spanien zurückzuschicken. Doch Sinterklaas sieht keinen Grund, seine Helfer nach ihrer Farbe zu beurteilen: "Ein Piet ist ein Piet und bleibt ein Piet."



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