Verkehrspolitik: Das Rätsel des radelnden Holländers

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Was können die Deutschen von den Niederländern lernen? Vor allem einen entspannten Umgang mit dem Fahrrad. Trotzdem rätseln Verkehrsexperten, warum in Amsterdam, Utrecht und Eindhoven vieles so anders ist als in Deutschland.

Niederlande: Das Geheimnis der Radnation Fotos
NBTC

Berlin - Die Deutschen und die Holländer - das war schon immer eine schwierige Beziehung. Von der Mentalität her sind sich beide ähnlich - aber das steigert die Rivalität eher noch. Beim Fußball haben die Deutschen oft die Oberhand behalten, aber in einem Punkt können sie den Niederländern nicht das Wasser reichen: beim Radfahren. Der Drahtesel ist in Holland quasi Teil der DNA. Vom Premierminister über den Manager bis zum Arbeiter und Studenten - zwischen Utrecht und Den Haag schwingt man sich jeden Morgen aufs Rad, egal ob's regnet oder stürmt. Nirgends auf der Welt sind Radnutzung und Radwegedichte höher.

In Deutschland hingegen tobt immer noch ein Kulturkampf um das Fahrrad. Da schimpft Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer in Berlin über "Kampfradler". In Leipzig fordert ein CDU-Politiker die Einführung einer Fahrradsteuer. Und Bernard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei, meinte jüngst: "Es ist die breiteMehrheit der Radfahrer, die Regeln des Straßenverkehrs missachten." Davon unbeirrt schwingen sich immer mehr Deutsche auf einen Drahtesel, Städte wie München oder Berlin erleben einen regelrechten Boom.

Warum aber sorgt in Deutschland für Streit, was in den Niederlanden ganz geschmeidig abläuft? Was können die Deutschen von ihren Nachbarn lernen? Darüber haben am Mittwoch in der niederländischen Botschaft in Berlin Radexperten und Verkehrspolitiker debattiert.

"Kampfradler - für mich ist das etwas Neues"

Schon ein Blick auf die Referentenliste machte deutlich, wie verschieden die Prioritäten beim Thema Fahrrad in beiden Ländern sind. Die Niederlande schickten mit Joop Atsma einen ehemaligen Staatssekretär aus dem Verkehrsministerium, der in der Keynote über seine Passion Radfahren sprach. Ramsauers Verkehrsministerium entsandte lediglich einen Referatsleiter, der vor allem eins deutlich machte: Dass sein Ministerium für den Radverkehr in Städten und Kommunen gar nicht zuständig ist.

Aber auch Burkhard Horn als Vertreter der Berliner Senatsverwaltung musste einräumen, dass seine Möglichkeiten eingeschränkt sind. Seine Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt stelle zwar die Mittel für die Radinfrastruktur bereit - aber zuständig für die Umsetzung seien die Berliner Bezirksämter, in denen leider mitunter das dafür nötige Personal fehle. Fazit: Alle finden freundliche Worte für den deutschen Radfahrer, aber der Handlungsspielraum ist begrenzt.

Wie groß die Differenzen zwischen Deutschland und den Niederlanden sind, zeigt auch das Unverständnis der holländischen Experten über laufende Diskussionen in Deutschland: "Kampfradler - für mich ist das etwas Neues", erklärte Ex-Staatssekretär Atsma. Die Frage, ob man vielleicht Fahrradpolizisten in Berlin einsetzen sollte, die Radlern und Autofahrern gleichermaßen auf die Finger schauen, sorgte bei den anwesenden Holländern ebenfalls für Irritationen. Polizisten auf Fahrrädern sind in ihrem Land nichts Exotisches, sondern Normalität.

Autos und Radfahrer besser trennen

Tilman Bracher vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) attestierte den Niederländern in puncto Rad fahren dann auch einen Vorsprung von 15 Jahren gegenüber Deutschland. Diese 15 Jahre sind wahrscheinlich noch untertrieben, sieht man von deutschen Radhochburgen wie Münster mal ab. Die Niederlande investieren pro Einwohner und Jahr etwa 30 Euro in den Radverkehr. Die Hauptstadt Berlin ist stolz darauf, wenn sie in ein paar Jahren mal auf die Summe von fünf Euro je Einwohner kommt.

Beeindruckend ist auch die konsequente Umsetzung der fahrradfreundlichen Politik in den holländischen Kommunen - beispielsweise in Amsterdam. "An Straßen, auf denen Autos 50 km/h schnell fahren dürfen, sind Radwege Pflicht", sagte Dirk Iede Terpstra, Verkehrsplaner der Stadt. Holprige Klinkerpisten sind verpönt, stattdessen werden die Wege mit glattem Asphalt in roter Farbe gebaut.

Von Radspuren direkt auf der Straße - in vielen deutschen Städten eine bei Planern beliebte und zugleich kostengünstige Maßnahme, hält man in Amsterdam wenig: "Wir bevorzugen eine räumliche Trennung", sagte Terpstra. Dann könne der Radweg nicht so leicht von Autofahrern als Haltespur oder Parkfläche missbraucht werden. Sofern möglich, werden Radweg und Straße beispielsweise durch eine Bordsteinkante getrennt.

Holländer sind entspannter

Für Burkhard Stork, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC, ist der Rückstand der Deutschen aber auch eine emotionale Frage. "Die meisten Radfahrer hierzulande fühlen sich nicht sicher, das haben wir bei einer Umfrage herausgefunden." Es gebe einen Unterschied zwischen objektiver und subjektiver Sicherheit.

In der Tat sorgt eine Radspur direkt auf der Straße dafür, dass Radler von Autofahrern besser gesehen werden und auch seltener verunglücken, als wenn sie auf eingeschränkt einsehbaren Radwegen unterwegs sind. Das subjektive Gefühl der Nutzer von Radspuren sieht aber ganz anders aus: Sie fürchten sich vor aufgehenden Türen bei rechts parkenden Autos und vor links schnell an ihnen vorbeibrausenden Autos.

Den Fietsern in Holland ergeht es in der Regel besser. Nicht nur wegen der objektiven Zahlen - Unfall-, Verletzungs- und Todesrisiko sind für Radler in den Niederlanden so gering wie sonst nirgends auf der Welt. Auch gefühlt ist die Sicherheit hoch, denn fast überall existieren breite Radwege, häufig fernab geführt von Autostraßen.

Aber da ist noch etwas, wie ADFC-Chef Stark konstatiert: "Die Holländer fahren viel entspannter Rad als wir Deutschen." Vielleicht ist das auch ihr eigentliches Geheimnis.

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oszubsz 22.11.2012
Hallo, Fahrradfahrer kosten nur und bringen weder der Versicherungswitschaft noch dem Staat Geld.
2. optional
Lightbringer 22.11.2012
Da die Phrase "wie sonst nirgends auf der Welt." zwei Mal im Artikel vorkommt, lade ich den Autor gerne hier nach Kopenhagen ein, damit er sich selbst ein Bild machen kann. Zum Artikel: Deutschland ist in Sachen Fahrrad ein Entwicklungsland. So richtig neu ist das nicht. Aber schön, dass es mal wieder jemand gesagt hat.
3. Systematischer Mangel
A.Hello 22.11.2012
Zitat von sysopUnd Bernard Witthaut, Chef der Gewerkschaft der Polizei, meinte jüngst: "Es ist die breite Mehrheit der Radfahrer, die Regeln des Straßenverkehrs missachten."
Die derzeitige StVo ist so gefasst, dass sie verhindert, das von Maschinen, die 1 Tonne wiegen, 100 PS haben und 200 Km/h schnell sind ein möglicht geringes Risiko ausgeht. Im Verkehr merkt man dass an Ampelschaltungen, baulichen Maßnahmen und den Regeln. Bewegt man sich als Radfahrer nach den besagten "Regeln des Straßenverkehrs", bewegt man sich gefühlt wie es ein LKW. Das macht man natürlich überwiegend auch gerne. Aber zuweilen ist das so absurd, dass man dann doch mal davon abweicht.
4.
gazettenberg 22.11.2012
Zitat von oszubszHallo, Fahrradfahrer kosten nur und bringen weder der Versicherungswitschaft noch dem Staat Geld.
Ja, wie Fußgänger, Sonnenbadende und Sauerstoff-Atmer. Sollte man alles verbieten.
5.
Hank_Chinaski 22.11.2012
Zitat von sysopEs ist die breiteMehrheit der Radfahrer, die Regeln des Straßenverkehrs missachten.
Vielleicht sollte Herr Witthaut mal versuchen ein paar Kilometer durch Berlin zu radeln. Dann soll er mal sagen wie oft er wegen völlig mangelhafter oder erst gar nicht vorhandener Fahrradinfrastruktur Verkehrsregeln brechen *musste*?
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