Nord-Ostsee-Kanal Ozeanriesen in Greifweite

Täglich ziehen 110 Schiffe über den Nord-Ostsee-Kanal – unter ihnen das Kreuzfahrtschiff "Norwegian Dream". Wenn Ozeanriesen in der schmalen Wasserstraße unterwegs sind, versammeln sich ihre Fans in Uferlokalen, die Schiffsbegrüßungsanlage spielt die passende Hymne.


Rendsburg - Die beiden Ufer des Nord-Ostsee-Kanals laden zu einem besonderen Freizeitvergnügen ein: zu einer Wettfahrt zu Land mit Ozeanriesen und Traumschiffen entlang der fast 99 Kilometer langen Wasserstraße durch Schleswig-Holstein. "Die Betriebswege zu beiden Seiten können von Radfahrern und Wanderern benutzt werden", sagt Christiane Tepker von der zuständigen Touristeninformation in Rendsburg. "Für private Autos ist die Strecke gesperrt."

Schiffsspotter: Über den Nord-Ostsee-Kanal ziehen dicke Pötte
GMS

Schiffsspotter: Über den Nord-Ostsee-Kanal ziehen dicke Pötte

Christine und Ralf Hegert aus Berlin machen mit ihren Fahrrädern eine Woche Urlaub am Kanal. "Freunde haben diese Tour im vergangenen Jahr gemacht und waren begeistert. Die Fahrt ist nicht anstrengend, nirgendwo gibt es beschwerliche Steigungen", berichten beide. "Wir fahren durch herrliche Natur und sehen Ozeanriesen langsam an uns vorbeiziehen. Wo gibt es das schon?"

Der Kanal verläuft von Brunsbüttel an der Elbmündung nach Kiel und ist die kürzeste Verbindung zwischen Nord- und Ostsee. Die Fahrt dauert bis zu acht Stunden. Die Route um die dänische Nordspitze ist deutlich länger. Ende des 19. Jahrhunderts gruben Tausende von Bauarbeitern die Straße für Schiffe quer durch Schleswig-Holstein. 1895 war sie fertig, und der marinebegeisterte Kaiser Wilhelm II. eröffnete "seinen" Kanal, der schon zwölf Jahre später auf Grund der Nachfrage nach Passagen erweitert werden musste.

Die Menschen nördlich und südlich der Wasserstraße waren von der Trennung nicht begeistert, und so verfügten die Behörden, dass das Übersetzen mit Fähren kostenlos ist. Diese mehr als 100 Jahre alte Regel gilt heute noch. 13 frei fahrende Fähren und die Schwebefähre in Rendsburg sorgen für den Personenverkehr, einige von ihren transportieren auch Autos. Hinzu kommen zehn Hochbrücken, die den Schiffen eine Durchfahrtshöhe von 42 Metern bieten.

Meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt

"Täglich befahren 110 Schiffe den NOK", stellt Tepker fest. Er ist damit die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Welt, für die international auch die Bezeichnung Kiel-Kanal üblich ist. "Besonders attraktiv sind die Kreuzfahrer, die zahlreiche Schaulustige anziehen." Mehr als 100 solche Passagen sind für dieses Jahr angekündigt. Eine Liste mit den jeweiligen Daten findet man im Internet (www.nok-sh.de). Für maritime Fans unterhält die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung an den Schleusen Kiel-Holtenau und Brunsbüttel einen Sonderdienst. Unter zwei Telefonnummern läuft eine Ansage, die darüber informiert, ob sich gerade ein Fahrgastschiff im Kanal befindet und wann eines erwartet wird. Frachtschiffe werden nicht berücksichtigt.

In dem elf Meter tiefen und am Wasserspiegel 160 Meter breiten Kanal haben Schiffe bis 235 Meter Länge Platz. Das größte für die Passage zugelassene Schiff ist der Kreuzfahrer "Norwegian Dream", der in diesem Jahr ein Dutzend Mal von Dover nach Warnemünde durch die Schleuse Brunsbüttel in den Kanal einfährt. Ausflugslokale entlang der Wasserstraße verzeichnen dann Besucherrekorde, und jedes Sportboot scheint unterwegs zu sein.

Besonders wenn am Wochenende eines der Traumschiffe durchfährt, ist in den Lokalen schwer was los. Mehrere Gaststätten bieten den Ausblick auf die träge dahinziehenden Frachter und Kreuzfahrer. In den "Brückenterrassen" an der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke wird den Gästen etwas Besonderes serviert: Zum Essen oder zu Kaffee und Kuchen erklingen die Nationalhymnen Länder, aus denen die vorbeifahrenden Schiffe stammen. Dazu gibt es Informationen über Herkunft, Reiseziel und Ladung. Diese Schiffsbegrüßungsanlage ist täglich bis zum Einbruch der Dunkelheit in Betrieb.

Vogelperspektive von der Autobahnbrücke

Faszinierend ist auch der Blick von oben auf den Kanal. Besucher können ihn von der Aussichtsplattform auf der Rendsburger Eisenbahnhochbrücke genießen. Oder auch von speziellen Rastplätzen an der Autobahn A 23 (Rastplatz Autobahnbrücke nordwärts vor dem Kanal) sowie an der A 7 (zwischen den Anschlussstellen 8 und 9). Beliebt war früher auch ein Besuch an den Schleusen Kiel-Holtenau und Brunsbüttel, in denen die Schiffe jeweils 45 Minuten liegen. Internationale Sicherheitsbestimmungen grenzen Schaulustige seit Mitte 2004 aus.

Mehrere Ausflugsschiffe bieten regelmäßig Fahrten auf dem Nord-Ostsee-Kanal an, die rechtzeitig gebucht werden sollten. "Die Nachfrage ist groß", stellt Brigitte Odemann von der Adler-Reederei fest. Besonders beliebt bei Touristen ist der 1905 für das niederländische Königshaus gebaute Raddampfer "Freya". "Die Kanaldurchfahrt dauert etwa acht Stunden und kostet 31,50 Euro für Erwachsene." Auch die Hochseeschiffe sind trotz ihrer starken Maschinen nicht schneller. Die Höchstgeschwindigkeit auf dieser Wasserstraße liegt bei 15 km/h. So lässt sich mit dem Fahrrad jedes Rennen gewinnen.

Von Horst Heinz Grimm, gms



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