Nordschweden Heiterkeit durch Schlafentzug

Schlafentzug ist ein gängiges Verfahren, um Depressionen den Garaus zu machen. Vielleicht erklärt das ja die Hochstimmung, die einen auf einer Reise in das nördliche Schweden im Mittsommer begleitet.


Sich berauschen an der Schönheit der Natur
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Sich berauschen an der Schönheit der Natur

Östersund - Wer nicht daran gewöhnt ist, dass es nie richtig dunkel wird, findet kaum Schlaf. Und so gleiten hier viele in einer Mischung aus Müdigkeit und Aufgekratztheit durch den Tag. Und die Sommertage sind lang im Norden Schwedens. Nördlich des Polarkreises scheint die Sonne sogar rund um die Uhr.

Urlauber benehmen sich hier wie Kinder, denen ausnahmsweise erlaubt wurde, bis zum Einbruch der Dunkelheit aufzubleiben. So sitzen sie abends am See wie Teenager, trinken Bier aus Dosen und genießen die Freiheit des permanenten Dämmerzustands.

Im Gasthof Hussborg in der Provinz Medelpad, ungefähr 120 Kilometer von Östersund entfernt, stehen Reiten und Fischen auf dem Urlaubsprogramm. Vorkenntnisse sind nicht vonnöten. Ältere Männer, die das Zeug zu Bilderbuchgroßvätern haben, weisen die Gäste ein. Sie erklären seelenruhig und notfalls immer von Neuem, wie mit Angel und Zaumzeug umzugehen ist. Die Urlauber stehen dann freudestrahlend am See, die Angel am ausgestreckten Arm, und wirken wie Kinder mit Laternen am Martinstag.

Empfang in historischer Tracht im Jamtli Freilichtmuseum in Östersund
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Empfang in historischer Tracht im Jamtli Freilichtmuseum in Östersund

Nur ihr aufgeregtes Rufen durchbricht die natürliche Stille, wenn mal ein Fisch angebissen hat. Danach geht es auf den Rücken der gutmütigen und beruhigend niedrigen Islandpferde zurück, vorbei an Wäldern, Wiesen und Bächen. Am Abend - eher mitten in der Nacht - sitzen die Gäste mit roten Wangen auf der Terrasse und können es nicht fassen, dass es so gar nicht dunkel werden will.

Um 6.00 Uhr morgens knallt die Sonne dann schon wieder ins Fenster. Die Fahrt geht weiter in östliche Richtung an die Höga Kusten, die Hohe Küste an der Ostsee. Nordschweden hat an Attraktionen nicht viel zu bieten. Die Höga-Kusten-Brücke immerhin ist sie die siebtlängste Hängebrücke der Welt. "Silberne Brücke" nennt sie der Volksmund in großspuriger Anlehnung an die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Besser ist es jedoch, das glitzernde Monstrum rasch hinter sich zu lassen und gleich den Weg zum verschlafenen Fischerdorf Bönhamn einzuschlagen. Von dort geht es mit dem Boot zur kleinen Insel Högbonden, wo es den höchstgelegenen Leuchtturm der schwedischen Ostküste zu bewundern gilt. Doch auch das sollte den Urlauber nicht weiter kümmern. Der Ort ist für sich genommen überzeugend genug und hat Superlative nicht wirklich nötig.

Die Östersund-Region nördlich von Stockholm
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Die Östersund-Region nördlich von Stockholm

In felsiger Höhe befindet sich das ehemalige Leuchtturmwärterhaus, in dem heute eine Jugendherberge untergebracht ist. Dort oben riecht es nach frisch gewaschener Wäsche, die ochsenblutfarbenen Holzhäuser strahlen in der Mittagssonne. Auf der Wiese wartet derweil das Mittagessen: roter Lachs, gelbe Kartoffeln und bunter Salat. Die Besucher nehmen auf den Holzstufen Platz, genießen die ebenso einfache wie köstliche Mahlzeit, lassen sich den Wind um die Nase wehen und möchten einfach nur immer so sitzen und Löcher in die frische Luft starren.

Dann geht es weiter mit dem Bus - vorbei an Seen und Wäldern. Zuweilen glauben Fremde hier, sie fahren im Kreis, so gleichförmig rauscht die Natur vorbei. An den Straßenrändern recken Lupinen ihre Köpfe in die Höhe, lilafarbene und gelbe Blumen leuchten fröhlich, und Butter- und Pusteblumen wiegen sich im Wind. Die Gegenden, die der Bus durchfährt, sind nur schwach besiedelt. Viele der Häuser machen einen ganz und gar verlassenen Eindruck. Nur die Briefkästen, die immer wieder unvermittelt in der Landschaft auftauchen, zeugen vom Leben.

Elche durchstreifen die Wälder im Hälsingland
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Elche durchstreifen die Wälder im Hälsingland

"Ein Elch!", ruft plötzlich jemand in die Stille. Alle reißen die Köpfe herum, sie sind jetzt hellwach. Wer die Tiere einmal aus der Nähe studieren möchte, kann das besser auf der Elchfarm von Sune Häggmark tun, in Orrviken, etwa eine halbe Stunde von Östersund entfernt. Dort im "Moosegarden" leben einige Elche, darunter auch Jungtiere, denen die Besucher die Flasche geben dürfen.

Etwa 120 Kilometer südlich von Östersund, eingebettet in die Waldlandschaft von Hälsingland, liegt die Hotelanlage Lassekrog. Die Betreiber bieten Elchsafaris an, bei denen die Tiere in der Wildnis beobachtet werden können. Wer mag, kann von dort auch zur Bibersafari im Kanu aufbrechen - oder reiten, fliegenfischen, wandern und nach einer Wildwasserfahrt auf dem Ljusnan den Abend in der geräumigen Sauna ausklingen lassen.

Die Sauna ist nur ein paar Meter vom Ufer entfernt. Nachdem sich die Urlauber gehörig erhitzt und mit Birkenzweigen traktiert haben, baden sie im Fluss, um sich abzukühlen. Um sich wieder aufzuwärmen, steht neben der Sauna ein riesiger Bottich mit dampfend heißem Wasser bereit. Zwischen jedem Saunagang gönnen sich die Urlauber ein Bier unter freiem Himmel. Derart feuchtfröhlich vergehen die Stunden im Nu. Und schon wieder ist es weit nach Mitternacht, und schon wieder ist es nicht richtig dunkel geworden.

Entspannung am See an langen nordischen Abenden
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Entspannung am See an langen nordischen Abenden

Am nächsten Tag steht der Nationalpark Sonfjället in Härjedalen nahe der norwegischen Grenze auf dem Programm. Die Berge steigen dort auf mehr als 1200 Meter an und laden zum Wandern ein. Oben angekommen verwöhnt Fremdenführerin Gun Myhr Andersson ihre übernächtigten Gäste mit Elchschnaps und Fladenbroten, gefüllt mit Elchfleisch.

So sitzen die Fremden schließlich auf dem Rücken des Berges, trinken, essen und genießen den Blick in die menschenleere Ferne. Im Bus erfahren die dann von ihrer Fremdenführerin, was sie draußen alles hätten sehen können - wären ihnen nicht ständig die Augen zugefallen. Doch auch dafür hat Gun Myhr Verständnis: "In Schweden muss man nicht warten, bis es dunkel ist, um zu schlafen."



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