Nordseeinsel Spiekeroog Stillleben am Strand

Spiekeroog ist der Leisetreter unter den Ostfriesischen Inseln - selbst Fahrradfahren gilt als Unruhe. Hinter der Idylle weißer Sanddünen gibt es allerlei Skurriles zu entdecken.


Spiekeroog - Hektik ist auf den Ostfriesischen Inseln ein Fremdwort - für Spiekeroog gilt das aber noch mehr als für die anderen. Schon die Gäste in der Feriensaison 1846, als sich die Insel erstmals "Seebad" nennen durfte, kamen nicht zuletzt, weil ihnen das damals deutlich bekanntere Norderney "teils zu kostbar, teils zu geräuschvoll" war. Ob das erste Argument heute noch zieht, sei dahingestellt. Das zweite aber hat nicht an Gültigkeit verloren.

Spiekeroog, rund zehn Kilometer lang und höchstens 2,5 Kilometer breit, übertrifft mit 18 Quadratkilometern Fläche die Nachbarinsel Wangerooge deutlich an Größe. Doch wenn Wangerooge schon als ideales Ziel für einen eher ruhigen Familienurlaub gilt, dann kann Spiekeroog das locker noch übertreffen: Gerade 820 Insulaner gibt es, das ist selbst für die Ostfriesischen Inseln ziemlich wenig. Für Gäste stehen 3500 Betten zur Verfügung - das Gros davon in Ferienwohnungen.

Kutsche statt Fahrrad

Ein Flughafen existierte nur von 1934 bis 1945, seitdem müssen die Gäste mit der Fähre anreisen. Die ist tideabhängig, muss sich also nach Ebbe und Flut richten. Autos gibt es auf der Insel nicht. Schon Fahrradfahren gilt auf Spiekeroog als Verbreiten von Unruhe. In der Hauptsaison ist es auf vielen Strecken wie im Inseldorf sogar verboten. Und einen Fahrradverleih sucht man vergeblich. "Aber Kutschfahrten sind möglich", sagt Tourismusdirektorin Silvia Nolte.

Der alte Westanleger, den vor dem Bau des neuen Hafens alle Fahrgastschiffe ansteuerten, wird seit den achtziger Jahren nicht mehr genutzt. Damals fuhren die anreisenden Touristen mit der Inselbahn weiter ins Dorf. Ursprünglich wurden die Waggons von Pferden gezogen, später von einer Diesellok. Die Gleise gibt es noch. Und auch die Pferdebahn ist jetzt wieder im Einsatz - Touristen lassen sich von einer Haflingerstute gemächlich über die Insel ziehen.

Spiekeroog hat mit der Hohen Düne - sie ist 24 Meter hoch! - nicht nur den "höchsten Berg Ostfrieslands" zu bieten, sondern auch viel Wald. Das ist einem Oberforstdirektor aus Hannover zu verdanken, der als Gast anreiste und 1862 ein Wäldchen aus Kiefern, Birken und Eichen anlegte. Die Insulaner machten es ihm nach - heute ist die Insel ausgesprochen grün, und sogar Waldohreulen sind hier heimisch.

Multifunktionales Dach

Anders als die übrigen Ostfriesischen Inseln besitzt Spiekeroog auch ein historisches, von Nachkriegsbausünden verschont gebliebenes Inseldorf. Um das Jahr 1600 wurde der Vorgängerort von einer Sturmflut zerstört, die Insulaner mussten umziehen. Der neue Platz war eine gute Wahl. Denn der breite Dünengürtel, der das Dorf umgibt, bietet Schutz vor der unberechenbaren Nordsee. Und so stehen dort heute noch viele Häuser, die Wind und Wetter schon lange trotzen.

Das älteste Haus der Insel stammt aus dem Jahr 1705. Es hat eine mehr als ungewöhnliche Dachkonstruktion: Für den Fall, dass es im Orkan zerstört würde, sollte das Dach als Floß dienen - und bei Nordwestwind, der an der Nordsee häufig weht, ans Festland getrieben werden. Heute beherbergt das Haus im Süderloog das "Inselcafé".

Geheimnis um spanische Apostelbilder

Die nicht weit entfernte Inselkirche aus dem Jahr 1696 ist gar die älteste aller Ostfriesischen Inseln. Das Kirchenschiff ist schmal, die Wände sind aus Backstein gemauert, und der Kirchhof ist von alten Bäumen umstanden, die im Sommer Schatten spenden. Zur Ausstattung gehören Kunstwerke, die nicht nur historisch interessant, sondern auch geheimnisumwittert sind: Darunter ist auch eine Pietà, eine Skulptur der trauernden Maria also, die ihren gerade vom Kreuz genommenen Sohn in den Armen hält. Und die in der Kirche vorhandenen Bilder mit Aposteldarstellungen sollen vom Flaggschiff der spanischen Armada stammen, die 1588 in die berühmte Seeschlacht gegen England zog. Jenes Flaggschiff soll im Sturm vor Spiekeroog gestrandet sein.

Die Holzfigur und die Bilder kamen dann in die kleine Inselkirche, die heute längst protestantisch ist, der "Maria von Spiekeroog" aber immer noch einen gebührenden Platz einräumt. Historisch betrachtet, ist die Geschichte zumindest mit Blick auf die Apostelbilder wohl nicht ganz richtig. Ein Besuch der Spanier ist aber nicht abwegig - auf der Insel wurden spanische Münzen entdeckt und im Kirchenboden ein Degen, der von einem spanischen Offizier stammen soll.

Kluntjesknieper und Genickbruch

Am Norderloog lohnt das Inselmuseum mit seiner etwas skurrilen Mischung aus Exponaten einen Besuch. Ausgestopfte Seevögel gibt es zu sehen: Basstölpel, Trottellummen, Haubentaucher und Sturmmöwen, aber auch einen weißen Fasan, der im Sturm gegen ein Haus prallte und an Genickbruch starb. Auch Strandgut wird ausgestellt: der mehr als 16 Kilogramm schwere Lendenwirbel eines Wals etwa und ein ausgestopftes Krokodil, das aus Westafrika stammt und wohl von einem Seemann über Bord geworfen wurde, als die Wasserschutzpolizei anrückte.

Sehenswert ist die Ausstellung zu Alltagsgegenständen der Inselbewohner aus früheren Zeiten: Ein alter Küchenherd mit Wasserkessel und Kaffeekanne gehört dazu, aber auch ein "Kluntjesknieper", wie die Zange zum Zerkleinern von Kandiszucker heißt, oder "Schöfels" genannte Schlittschuhe. Historische Fotos zeigen das Strandleben anno dazumal - als die Gäste noch aus Badekarren ins Wasser kletterten. Und Schiffsmodelle illustrieren die Entwicklung vom Wikingerschiff bis zum Toppsegelschoner.

Schauaquarien und Streichelbecken

Das Schönste an Spiekeroog aber ist die Landschaft: Wanderwege in den unbewohnten Inselosten gibt es viele. Die "Ostplate" steht unter Naturschutz. Dort brüten viele Seevögel - und die Seehunde kommen zum Sonnenbaden. Über die Ökologie informiert das noch vergleichsweise neue Umweltzentrum Wittbülten. Dort ist ein Pottwalskelett zu sehen, und es gibt Schauaquarien mit Erklärungen zum Lebensraum Wattenmeer samt Streichelbecken mit Seesternen und Austern.

Spaziergänge am Strand - am besten bei ablaufendem Wasser auf dem harten Sand, der kurz vorher noch vom Nordseewasser bedeckt war - gehören zum Entspannendsten, das Spiekeroog zu bieten hat. Am frühen Abend, wenn die Badeurlauber weg sind, wird es etwas ruhiger. Die Fundstücke am Spülsaum, wo die Wellen alles Mögliche liegenlassen, was sie nicht mehr brauchen, wirken dann manchmal wie als Stillleben komponiert: in den Sand gedrückte Herzmuscheln, umrundet von kleinen Pfeffermuscheln und einer Schliere Seetang dazwischen. Man traut sich kaum, etwas davon aufzuheben.

Andreas Heimann, dpa



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