Nordseeinseln Filmwechsel im Watt

Von Reimer Eilers und Theodor Barth

2. Teil: Vielleicht fällt das Märchen auf Juist aus


Hinterm Deich scheint mittlerweile die Sonne, am Wattenmeer hat der Flugplatz von Borkum zugemacht, hat Juist zugemacht, hat Langeoog zugemacht, wie es in der Fliegersprache heißt. Und jetzt heißt es, den Alarmplan "Nebel" für alle Eventualitäten zu entwickeln. Wo immer ein Inselflugplatz kurzzeitig aufgeht, auch das Fliegersprache, hat heute ein anderes Flugzeug der LFH eine Kinorolle im Gepäck. So wie Herr Tjard, der den Kinoflieger vertritt, wenn der mal Urlaub macht. Acht Maschinen umfasst die Flotte der LFH. Das bringt ein bisschen Erleichterung, aber auch ein bisschen Durcheinander in die Pläne. Jan- Lüppen Brunzema sitzt in der Zentrale und schreibt seinen Nebelplan fort. "Kann sein, dass heute das Märchen auf Juist ausfällt. Dann such ich noch 'nen Girls' Club." Gegen Mittag fährt er mit dem Auto nach Emden. Dort landen heute die Filme von Borkum mit der Fähre an. Fahrenheit 9/11 und Troja müssen weiter nach St. Peter auf Eiderstedt.

Kino "Lichtblick" auf Amrum: Vor dem Vergnügen kommt die Geduld, das Flugzeug hat Verspätung
Theodor Barth

Kino "Lichtblick" auf Amrum: Vor dem Vergnügen kommt die Geduld, das Flugzeug hat Verspätung

Brunzema wuchtet die Rollen am Kai in Emden in den Kofferraum. An normalen Tagen wäre er zu dieser Stunde längst mit seiner Cessna auf Föhr, und dort würde Hauke Hinrichsen gerade die neuen Filme übernehmen, der Filmvorführer aus Wyk. So sind die Spannweiten in der Kinofliegerei. Und wenn am Himmel über dem Wattenmeer absolut gar nichts mehr geht, ein Mal, zwei Mal im Jahr, dann treffen sich zwei Autos aus Ost- und Nordfriesland auf dem Autobahnrastplatz Stillhorn bei Hamburg und tauschen dort die Filmrollen aus.

Juist hält sich hartnäckig im Nebel, doch Langeoog macht auf. Oben im Norden geht die Fähre von Föhr nach Amrum um vier Uhr nachmittags. Das ist die letzte Chance für den "Lichtblick", denn Amrum hat keinen eigenen Flugplatz. Der Kinoflieger Brunzema feilt am Alarmplan, greift zum Handy, Anruf auf Langeoog. "Um fünf vor drei bring ich den Shrek vorbei." Er eilt aufs Vorfeld, wo nun seine Cessna betankt wird, stockt, schaut gebannt einem Hubschrauber nach, der über Harlesiel hinwegfliegt. Der rot-weiß-blaue Hubschrauber gehört zu einer Filmproduktion, die in den nächsten Tagen auf Brunzemas Flugbasis ihr Filmset haben wird. Langsam wird es Zeit für den Zuschauer, Realität und Fiktion gut zu sortieren. Jan-Lüppen Brunzema beherrscht die Kunst, und nach der Zwischenlandung auf Langeoog ist er endlich über der Nordsee, Ruhe kehrt ein. An Backbord zieht Helgoland vorüber, es liegt halb im Nebel. "Jeder Flug ist anders", sagt Brunzema, "das Licht und die Landschaft."

Beides liebt er, er kennt sein Revier so gut wie ein Adler. Wenn man ihn fragt, kann Jan-Lüppen Brunzema Auskunft geben, auf welchem Friedhof an der Nordseeküste eine neue Beerdigung stattgefunden hat.

Troja wiegt 54 Kilogramm

Mit den Filmen dagegen hält er es wie der Postflieger mit dem Inhalt seiner Postsäcke: Er kennt nur Namen und Adressen. Im Winter ist Brunzema zuletzt im Kino gewesen. Für die Programmplanung ist der Borkumer Filmkaufmann Freymuth Schultz verantwortlich. Der steuert den Verbund der Inselkinos und schickt Brunzema lange Computerlisten zu. Da steht drin, was zählt - das Gewicht der Filmrollen für jeden Titel. Erstaunlich schwer können die Dinger in ihren Alugehäusen sein, vor allem Hollywood-Dramen. Troja auf dem Rücksitz wiegt 54 Kilogramm, Pippi Langstrumpf dagegen macht es für gut die Hälfte, 28 Kilo.

Kinoflieger Brunzema mit seiner LFH-Cessna: Seine Fracht ist pure Fantasie
Theodor Barth

Kinoflieger Brunzema mit seiner LFH-Cessna: Seine Fracht ist pure Fantasie

"Märchen sind leichter", sagt Brunzema. Deutsche Märchen wiegen um die 21 Kilogramm. Die grüne Insel Föhr kommt in Sicht, die Landebahn sieht aus wie ein Golfplatz, gepflegter Rasen, weiche Landung, nur bei Regen schlittert es schon mal gemein. Drüben auf Amrum ist für Günter Robrecht, den Theaterleiter des "Lichtblicks", das Programm wieder einmal geritzt. Bis zu 15 verschiedene Filme zeigt er in der Woche. "Mit der Sturmflut kam das so: Immer wenn das Kino voll war, kam ein Insulaner mit seinem Schmalfilm von der Flut vorbei und warb die Zuschauer ab. Und dann hat der Freymuth Schultz gesagt: 'So einen Film brauchen wir hier selber.'"

Am nächsten Tag hat der Kinoflieger bei der Landung auf Juist nicht nur King Arthur und seine Tafelrunde an Bord, sondern auch vier Säcke original amerikanisches Popcorn und einen Eimer Kokosfett. Die "Insel-Lichtspiele" auf Juist sind ein "Verzehrkino", hier wird im Dunkeln am meisten gefuttert. Lisa vom Fuhrmannshof Kannegieter übernimmt die Filme und die Säcke von Jan-Lüppen Brunzema und bringt sie die letzten Kilometer mit der Kutsche ins Kino. Lisa trägt einen hübschen Pferdeschwanz.

Führungen in die Herrentoilette

Weiter nach Wangerooge. Unter Eingeweihten ist das dortige Kino für ein Detail berühmt: die Herrentoilette. Meergrüne Kacheln, fünf Pissoirs aus schönem Porzellan, ein Kunstwerk aus Kaisers Zeiten. In den "Insel-Lichtspielen" kann es geschehen, dass Kurgäste mitten in der Vorstellung ins Kino platzen: "Kann ich mal rasch Ihre Toilette sehen? Meine Fähre geht gleich!" Das geht natürlich nicht, und so hat "Kino-Heike" Bedenbecker, eine junge Frau mit Herz und Humor, aus der Not eine Tugend gemacht. Sie bietet Führungen an. Wer sich einmal von einer schönen Blondine die Herrentoilette zeigen lassen möchte - voilà!

Dann ist der Kinoflieger Brunzema von Wangerooge zurück, und da steht der fremde rot-weiß-blaue Hubschrauber vor seinem Hangar in Harlesiel. Die Filmcrew ist eingetroffen, es soll ein Actionfilm werden. Irgendwann, wenn die digitale Übertragungstechnik Einzug hält und ein Satellit den Film bei Robrecht auf Amrum in den Projektionsraum beamt, könnte der letzte Kinoflieger gestartet sein.

Jan-Lüppen Brunzema kennt die technischen Entwicklungen, aber er macht sich im Moment nicht allzu viele Gedanken. Er hat seine Fünf-Minuten-Linienfluglinie von Harlesiel nach Wangerooge, das ist sein Brot-und-Butter-Geschäft. 35000 Starts und Landungen zählt die LFH im Jahr, alle Inseln eingeschlossen. Es gibt nur eine kürzere Linie in Europa, oben in Schottland, drei Minuten zwischen den Inseln Westray und Papa-Westray. Aber diese Linie, sagt Brunzema, wird nur drei bis fünf Mal die Woche bedient.

Und zu dem Actionfilm in Harlesiel sagt er nur: "Das wird irgendwas mit einer Riesenwelle." Alles klar, der Zuschauer auf dem Rollfeld ist nicht überrascht. Er hat den Kinoflieger Brunzema mit seiner Cessna 172 XP in Sturmflut gesehen und traut dem Wattenmeer eine Riesenwelle locker zu. Im Kino allemal.



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