North Ronaldsay in Schottland: Insel der Seetang-Schafe

Von Angelika Franz

Die Schafe von North Ronaldsay sind auf Diät: Sie müssen Seetang statt Gras knabbern und wurden dafür zu den Seehunden auf den Strand verbannt. Ihre Wolle ist heiß begehrt - von ihr lebt die winzige Inselgemeinde hoch im Norden von Schottland.

Schafe auf North Ronaldsay: Wolle am Strand Fotos
Scottish Viewpoint

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Auf einer kleinen Insel wie North Ronaldsay gibt es nicht viele Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Ein paar Felder können bestellt, ein paar Kühe gehalten werden. Und dann gibt es da noch die Schafe. Diese kleinwüchsigen Schafe mit den schnellen Beinen und der weichen Wolle, die sich den Strand der nördlichsten Orkney-Insel mit den Seehunden teilen. Die zwar hübsch aussehen, aber deren Wolle sich kaum lohnte zu verkaufen - reich machte sie eigentlich nur die Zwischenhändler.

Nun sind Bewohner kleiner Inseln zum Glück findig. Und so hatten die Leute von North Ronaldsay eine Idee: Sie gründeten eine Gesellschaft und kauften ihre eigene Wolle. Nur was tun damit? In Kanada, hatten sie gehört, gibt es eine Firma, die Kleinspinnereien für den Bedarf von Zwerggemeinden baut. Und so brach eine Abordnung von North Ronaldsay auf zum fernen Prince Edward Island, um sich die Sache einmal anzusehen.

Zwei Jahre später war es soweit. North Ronaldsay hatte das Geld für die Geräte zusammen. Ein altes Gebäude gleich neben dem Leuchtturm wurde ausgeräumt und hergerichtet, und die Minispinnerei kam mit der Fähre im kleinen Hafen der Insel an.

Pfiffige Ideen hatten die Insulaner schon immer. Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Gras. Darauf kann man Rinder stellen, deren Fleisch, Milch und Häute weitaus ergiebiger sind als die der kleinwüchsigen Schafe, an denen nicht viel dran ist.

Die Schafe, beschlossen also die Einwohner von North Ronaldsay im Jahr 1832, durften kein Gras mehr fressen. Sollten sie doch den Seetang knabbern, den es in rauen Mengen am Strand gab. Also bauten die Bewohner rund um die 6,9 Quadratkilometer große Insel einen Deich mit Absperrung. Die Schafe sperrten sie draußen zu den Seehunden. Die Kühe durften drinnen bleiben.

Seetang zum Überleben

Die Schafe fügten sich ihrem Schicksal. Seetang als Nahrung kannten sie bereits. Den hatten sie eh schon immer genibbelt, wenn das Gras im Winter zu spärlich wurde, und die Dezemberstürme dafür ganze Kelpwälder vom Meeresboden abrissen und auf den Strand spülten. Die Schafe essen den Seetang wie Kinder Spaghetti: Entweder fangen sie an einem Ende an und knabbern ihn dann der Länge nach auf - oder sie beginnen in der Mitte und haben dann zu beiden Seiten des Mauls einen immer kürzer werdenden Tangstrang heraushängen.

In den knapp 200 Jahren ihrer Verbannung vor den Deich haben die North-Ronaldsay-Schafe sich erfolgreich an das Strandleben angepasst. Gibt es nichts anderes, können sie sich ausschließlich von dem Seetang ernähren. "Einige Sorten mögen sie aber lieber als andere", erzählt June Morris. Die emeritierte Biologin von der University of Manchester ist weltweit die führende Expertin für diese Strandschafe. Nach ihrer Pensionierung vor neun Jahren zog sie endgültig auf die Insel.

"Nun hat sich aber in den vergangenen zwei Jahrhunderten das Verdauungssystem der Schafe so verändert, dass sie ohne Seetang eingehen", erklärt Morris. Das Problem ist das Kupfer: Seetang enthält Stoffe, die verhindern, dass der Darm genügend Kupfer aufnimmt. Da Kupfer aber lebenswichtig ist, hat der Körper der North-Ronaldsay-Schafe sich darauf eingestellt, jedes Kupfer-Atom, das durchkommt, extrem effizient zu nutzen.

Fehlt der Seetang und damit die Kupferbremse, speichert die Leber die gesamte ungewohnte Kupferflut - das Schaf stirbt an Kupfervergiftung. "Es reicht aber, den Schafen Molybdän oder Zinksulfat ins Futter zu mengen", beruhigt Morris.

An Salzwasser gewöhnt

Ein weiteres Phänomen ist die Blase der Tiere. Der Seetang ist extrem salzhaltig. Und Salz macht durstig. Nun gibt es zwar Salzwasser am Strand, so weit das Auge reicht - doch Süßwasser ist eine seltene Köstlichkeit, die sich nur nach Regen in kleinen Mulden auf dem steinigen Untergrund sammelt. Während andere Lebewesen nur eine geringe Konzentration von Harnstoff im Blut verkraften, toleriert das North-Ronaldsay-Schaf große Mengen davon. Im Klartext: Es muss seltener pinkeln.

Eine Herde North Ronaldsays ist immer bunt, denn es gibt sie in allen Farben und Schattierungen, von Weiß bis Dunkelbraun. Häufig ist ein schwarzer Kopf mit weißer Blesse - was ihnen ein dachsartiges Aussehen gibt. Wenn im Sommer die Zeit für die Schur gekommen ist, arbeiten alle Insulaner zusammen. An mehreren Stellen stehen auf dem Strand steinerne Corrals, in die sie die Schafe treiben. Jeder kann seine eigenen Tiere leicht erkennen - an den Ohrclips.

Was an Wolle von ihren zierlichen Körpern runterkommt, ist heiß begehrt. Kein Wunder, denn wer einmal seine Hände tief in das dichte, weiche Fell eines North-Ronaldsay-Schafes gesteckt hat, möchte unbedingt sofort einen Pullover aus dieser Wolle haben. Denise Dupres verkauft sie in ihrem Laden "The Woolshed" in Evie auf Mainland Orkney. Sie handelt mit so ziemlich allem, was man aus Wolle herstellen kann. Decken, Pullover, Teewärmer, gestrickt, gefilzt, gewoben. Und natürlich mit dem Rohstoff: Wolle, Wolle und noch mehr Wolle.

Vor der Tür grasen ein paar der Inselschafe, so dass beim Eintritt in das Haus ein beeindruckender Vorher-Nachher-Effekt entsteht. "Es sind ganz besondere Tiere", erklärt Dupres die Faszination. "Die Leute mögen die Wolle so gerne, weil diese Rasse eine so interessante Geschichte hat." Der Woolshed gehört zum Orkney Craft Trail, einem Zusammenschluss von Kunsthandwerkern und Künstlern, die alle tief in der Tradition der Orkneys verwurzelt sind.

Geruch des wilden Lebens

Die wenigsten haben ihre Werkstätten und Läden in der größten Stadt der Orkneys, Kirkwall, sondern leben und arbeiten auf den alten Höfen, die seit Generationen im Familienbesitz sind. Überall auf der Insel sieht man braune "Craft Trail"-Hinweisschilder, die irgendeinen schmalen Feldweg hinunterzeigen. Am Ende erwartet den Besucher dann nicht nur ein Laden, sondern immer ein echtes Stück Orkney: eine traditionelle Handwerksform, eine alte Werkstatt oder eine lebendige Geschichtsstunde über die Inseln und das Leben auf ihnen.

So ist zum Beispiel "The Workshop and Loft Gallery" in St. Margaret's Hope - wie auch die Inselgemeinschaft auf North Ronaldsay - ein Musterbeispiel dafür, wie man gemeinsam viel erreichen kann. Der Laden funktioniert nach dem Genossenschaftsprinzip. Jede einzelne Strickerin, die hier ihre Werke anbietet, könnte alleine nicht viel erreichen.

Gemeinsam aber haben die lokalen Kunsthandwerker es geschafft, einen heimeligen kleinen Laden in der engen Front Road von St. Margaret's Hope einzurichten. Hier bekommt man außer Strickwaren auch Schmuck und Töpferwaren - und sogar eine ganz seltene Kostbarkeit: ganze Felle von North-Ronaldsay-Schafen, die ideale Polsterung für den Handarbeits-Schaukelstuhl zu Hause.

So gelangt die Wolle der Seetang fressenden, dachsgesichtigen North Ronaldsay Schafe vom Strand der nördlichsten Orkney-Insel über die Spinnerei und die Läden des Craft Trail hinaus in die ganze weite Welt. Und nimmt immer auch ein Stück Orkney mit sich. Es ist ein wenig so, als wenn man eine Muschel ans Ohr hält: In ihr rauscht immer das große Meer.

So ähnlich ist es auch mit einem Pullover, der aus der Wolle von North-Ronaldsay-Schafen gestrickt ist. Er wird immer ein bisschen nach dem wilden Leben riechen. Dem Leben draußen vorm Deich.

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Information North Ronaldsay
Anreise und Unterkunft
Unterkunft auf North Ronaldsay:
June Morris Howar:
Telefon 0044 1857 633 253
Howar.cottage@hotmail.co.uk
http://www.howar.co.uk/accommodation.htm
Flüge nach North Ronaldsay mit Loganair (nur telefonisch buchbar):
Tel: 0044 1856 872494 oder 873457
E-Mail: orkneyres@loganair.co.uk
http://www.loganair.co.uk/reservations/
Kunsthandwerk
Spinnerei: http://www.northronaldsayyarn.co.uk/about.asp
Orkney Craft Trail: http://www.orkneydesignercrafts.com/index.php
The Woolshed: http://www.woolshed-orkney.co.uk/
The Workshop and Loft Gallery: http://www.workshopandloftgallery.co.uk
Mehr Informationen über VisitScotland
http://www.visitscotland.com/destinations-maps/orkney/