Das Pisten-Blog

Obertauern Der erste Skiurlaub, der erste Kuss

Tourismusverband Obertauern 2017

Von Johanna Stöckl


Jethosen, Kakao und Schlepper statt Helme, Après-Ski und geheizte Sessellifte: Die Pisten-Bloggerin von SPIEGEL ONLINE erinnert sich an den ersten Winterurlaub ihrer Jugend - dort, wo die Beatles den Film "Help" drehten.


Als Jugendliche stand ich schon einmal exakt an dieser Stelle: am Beginn der schwarzen Piste an der Gamsleitenbahn 2. Damals in meinen ersten Schnallenskischuhen. Die Steilheit des Hanges beeindruckt mich noch heute. Pistenraupen schaffen es nicht hierher, daher liegt die 45 Grad steile Abfahrt unpräpariert vor mir. Skifahrer haben den Schnee zu meterhohen Buckeln zusammengeschoben.

Auch erinnere ich mich, dass mich die hochalpine Kulisse in Weiß regelrecht umgehauen hat. Die Gipfel, die den Wintersportort Obertauern umrahmen - Seekarspitz, Plattenspitz, Gamsleitenspitz, Große Kesselspitze und Gurpitsch Eck - waren bereits über Lifte erschlossen.

Unvergessen ist dieser Anblick, der emotional in etwa so intensiv war wie ein paar Tage später der erste Kuss.

Fotostrecke

11  Bilder
Das Pisten-Blog: Obertauern, mein erster Skiurlaub

14 Jahre war ich alt, als ich mit meiner Schulklasse den ersten Skiurlaub meines Lebens erlebte. Ist man nämlich wie ich in einem Skigebiet geboren, fährt man zum Skifahren nicht weg, sondern bleibt daheim. 37 Jahre später erinnere ich mich an eine ausgelassene Zeit und fürchte zugleich, dass sich das Paradies über die Jahre verändert hat wie man selbst ja auch. Nicht nur die steilen Pisten waren damals einzigartig - hier war alles anders als zu Hause.

Mädchen und Jungen streng getrennt, schliefen wir zu sechst in Stockbetten in jeweils einem Zimmer der Jugendherberge. Tanzten abends in der hauseigenen, schäbigen Kellerbar zu "Deine blauen Augen machen mich so sentimental". Was für ein genialer Song von Ideal. Was ist da schon die Zwangsbeschallung durch Andreas Gabalier heute!

Just in diesem Urlaub verliebte ich mich erstmals in meinem Leben über beide Ohren. Mex hieß der Junge in meiner Klasse, der unter der Sonne Obertauerns plötzlich in einem ganz anderen Licht erstrahlte.

Eingeteilt in Leistungsgruppen, ging's nach einem dürftigen Frühstück auf die Piste. Begriffe wie "Ski-in, Ski-out" waren uns natürlich fremd, sehr wohl aber schätzten wir die Möglichkeit, direkt vor der Jugendherberge die Ski anzuschnallen und loszulegen. Zu Hause musste man sich in den übervollen Skibus quetschen, um zur Bergbahn zu gelangen.

Nein, früher war nicht alles besser.

Die Aufstiegshilfen sind längst erneuert und ausgebaut worden. Einen Großteil der 26 Lifte im Skigebiet Obertauern gab es schon damals - die Bergfahrt allerdings war oft ziemlich anspruchsvoll. Zu gut erinnere ich mich an steile, elend lange, eiskalte Schleppliftfahrten. Dass wir in unseren Skiklamotten seinerzeit nicht erfroren sind, grenzt an ein Wunder. Wattierte Skihosen, Daunenanorak, Thermojacken, Schutzhauben in der Sesselbahn, beheizte Sitze oder Skischuhwärmer - das alles gab es nicht.

Zur Person
  • privat
    Johanna Stöckl, 51, ist in Leogang, einem Skigebiet im Salzburger Land, mehr oder weniger auf zwei Brettern geboren. Die Helden ihrer Kindheit: Franz Klammer, Ingemar Stenmark und Alberto Tomba. Heute würde die freie Autorin für einen Skitag mit Aksel Lund Svindal oder Kjetil Jansrud alles stehen und liegen lassen. Beruflich hat es die gebürtige Österreicherin nach München verschlagen.

    Im Pisten-Blog erzählt Stöckl von dem Genuss der frühen Abfahrt, philosophiert über den Charme von Mikroskigebieten und testet Produktneuheiten.

Auf der Piste trug ich - wie mein Idol Ingemar Stenmark aus Schweden - eine blaue Jethose mit gelbem Streifen an jeder Seite. Dazu passend, ebenfalls in Blau-Gelb, einen von meiner Mutter selbst gestrickten, dicken Skipullover. Keine Mütze, geschweige denn ein Helm auf dem Kopf. Der letzte Schrei war - ganz stylisch: ein Stirnband.

Vielleicht sind wir ja Weicheier geworden, setzen perfekt präparierte Pisten voraus. Eisige Steilhänge, seinerzeit noch echte vertikale Herausforderungen, werden mittlerweile nicht nur beschneit, sondern auch entschärft - also auf familientauglich getrimmt und abgetragen. Sucht man heute eine Herausforderung, muss sich ins gefährliche Abseits des Tiefschnees wagen.

Gemütliche Hütten gab es natürlich damals auch schon, aber für ausgedehnte Einkehrschwünge fehlte schlicht das Geld. Höchstens eine heiße Schokolade zum Aufwärmen war noch drin. Heute nennt sich das Après-Ski: Nach dem Skifahren wird geschunkelt, getanzt und getrunken. Auf der Edelweißalm etwa direkt an der Piste oder im Dorfzentrum in der Lürzer Alm feiern tagtäglich Tausende von Wintersportlern bis in die Nacht hinein.

Klar, Obertauern hat sich gewandelt. Aber vieles, was ich als Jugendliche hier so schätzte, blieb auch erhalten. Zum Beispiel die Jugendherberge von damals, 200 Meter entfernt vom Hotel Kesselspitze, in dem ich übernachte. Dort verquatsche ich mich an der Bar mit Herbert Lürzer Senior. Kaum zu glauben, aber mein Wirt doubelte einst Paul McCartney.

Die Beatles waren 1965, in meinem Geburtsjahr, nämlich samt Entourage nach Obertauern gereist, um die Schneeszenen für ihren Film "Help" zu drehen. Yeah! Yeah! Yeah!

Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


Diskutieren Sie mit!
6 Leserkommentare
BeatDaddy 06.01.2017
murksdoc 06.01.2017
bambata 06.01.2017
tomstone1967 06.01.2017
io_gbg 07.01.2017
Poco Loco 07.01.2017

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.