Tandemradtour mit Sohn "Schneller, Papa, schneller!"

Wie macht man mit einem Fünfjährigen eine mehrtägige Fahrradtour, wenn man richtig Strecke machen möchte? Hasnain Kazim hat es per Tandem versucht. Vater und Sohn lernten dabei Niederösterreich kennen.

Hasnain Kazim

Mein Sohn meint, für eine große Reise brauche man ein großes Fahrzeug. Die Maschine, die wir uns geliehen haben, ist groß: 2,37 Meter lang und 31 Kilogramm schwer. Ein wuchtiges Ding, kann man sagen. Mein Sohn findet: genau richtig.

Seit Langem wollen wir beide eine Reise mit dem Fahrrad machen, am liebsten um die ganze Welt. Aber es fehlt an Zeit - und abgesehen davon: Welcher Fünfjährige schafft schon 100 oder 200 Kilometer am Tag, und das über mehrere Monate? Meinem Sohn reichen 20 Kilometer, danach beginnt die Fragerei ("Wann sind wir da?"). Auf einen Anhänger habe ich keine Lust, da müsste ich die ganze Tour alleine strampeln.

Vielleicht ein Tandem? Eigentlich hat sich mir der Sinn eines Tandems nie erschlossen - wozu zwei Personen auf einem Fahrrad? Man kann nie unabhängig voneinander die Gegend erkunden oder mal mit Abstand fahren. Aber bei ungleich starken Fahrern, stelle ich nun fest, macht es doch Sinn. Der Stärkere kurbelt für den Schwächeren mit, und der Schwächere trägt bei, wozu er imstande ist. Es ist eine sehr soziale Form des Fahrradfahrens.

Da kommt dieses Modell von der Firma Hase aus dem nordrhein-westfälischen Waltrop gerade recht. Pino heißt es. Der Vordermann, in diesem Fall: mein Sohn, sitzt wie in einem Liegerad und hat die Aufgabe zu pedalieren. Ich hocke hinter ihm auf einem normalen Sattel, blicke über seinen Kopf hinweg, trete, lenke, bremse und klingele.

Ich habe die volle Kontrolle, und trotzdem hat der Sohn das Gefühl, der "Chef", der "Pilot", der "Bestimmer" zu sein. Damit ist die Motivation schon mal gegeben. Es ist wie im echten Leben: Man muss den anderen nur die Illusionen lassen, dann sind sie glücklich.

Fünf Tage von Wien nach Wien

"Au ja", sagt mein Sohn. "Nach Istanbul und Islamabad", schlägt er vor, unsere früheren Wohnorte. Und vielleicht noch die Großeltern in Norddeutschland besuchen. "Und nach Amerika und Afrika." Ich erkläre ihm: Lass uns lieber klein anfangen. Österreich ist eine kleine Welt, in der die große ihre Probe hält, höre ich mich die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach zitieren, mit Bergen und Seen und Flüssen. "Wir fahren durch ganz Niederösterreich, okay?" Er ist nicht überzeugt, aber besser als gar nichts.

Und so machen wir uns Anfang Juni auf den Weg. Wir wollen in fünf Tagen eine große Runde drehen, von Wien bis Wien. Das ist auch klug, denn das Tandem sowie die Taschen in einen Zug zu hieven, wäre dann doch ein bisschen viel, auch wenn man das Fahrrad angeblich mit wenigen Handgriffen teilen kann.

Wir starten also von zu Hause, radeln zunächst den Donau-Radweg Richtung Deutschland. Da ich mir nicht sicher bin, wie es um das Durchhaltevermögen des Kindes steht, machen wir gleich nach ein paar Kilometern, am Stadtrand von Wien, Halt bei "Karins Radlertreff", essen Fleischlaberln und trinken Limonade.

Unser Fahrrad erregt große Aufmerksamkeit bei den Gästen, mehr als ein Porsche, eher wie ein Flugzeugträger. Prompt hat sich eine Männerrunde um uns versammelt und bestaunt unser Rad. "Geiles Ding", sagt ein junggebliebener Mittsechziger, der seinen Bauch in ein buntes Trikot aus Lycra gepresst hat. Fortan redet mein Sohn auch nur noch von dem "geilen Ding".

Übrigens tragen auch wir Trikots aus Lycra, zum ersten Mal in unserem Leben. Wir sehen peinlich aus, wie ich finde, beziehungsweise "voll cool", wie mein Sohn findet, aber klar ist, dass diese Kleidung unglaublich praktisch ist. Man schwitzt kaum darin, kann die Sachen abends waschen, und am nächsten Morgen sind sie wieder trocken.

"Ist das die Marine, Papa?"

Nur die erste Übernachtung, in einem Bauernhof in einem Dorf hinter Tulln an der Donau, haben wir im Voraus gebucht. Von Wien hierher sind es etwa 50 Kilometer. Der Sohn steht das ohne Murren durch. Durch den Freilauf muss er nicht mittreten, wenn er nicht will. Und da mir ein E-Motor hilft, sage ich nichts, wenn er über ein paar Kilometer einfach nur dasitzt und in die Landschaft schaut.

Alle künftigen Unterkünfte, immer Bauernhöfe, reservieren wir am jeweiligen Morgen nach einem Blick in die Landkarte. Nun weiß ich ja, dass wir auch 100 Kilometer am Tag schaffen.

Und was man dabei nicht alles erlebt! Am nächsten Morgen rasen irgendwelche Sicherheitskräfte mit grauen Schlauchbooten über die Donau. "Ist das die Marine?", fragt mein Sohn, und ich erzähle ihm, dass die "kaiserliche und königliche Kriegsmarine" mal eine der größten der Welt war. Mein Sohn staunt und schaut den Schlauchbooten hinterher. "Aber das war vor 100 Jahren, heute ist da nix mehr mit Marine", ergänze ich. Jetzt ist er enttäuscht. "Aber vielleicht ist das die Polizei", sage ich.

Wir biegen ab Richtung St. Pölten und fahren nun entlang der Traisen. Das ist ein Nebenfluss der Donau, von dem ich bis dahin noch nie gehört hatte. Während wir durch Auwälder und an Weingärten entlangrollen, hängen wir unseren Gedanken nach. Plötzlich entdecken wir eine Schlange auf dem Radweg. Es scheint eine Kreuzotter zu sein. "Wie im Dschungel!", sagt der Sohn. Ich denke mir: Ja, Österreich ist wirklich die Welt im Kleinen! Wir stoppen, die Schlange verschwindet im hohen Gras.

Im Ort Traisenau entdecken wir vier Stelen am Wegesrand. Darauf vier Namen: Alfred, Otto, Anton und Franz. Auf einer Tafel steht, dass die vier Jungen, zwischen neun und 14 Jahre alt, am 14. Mai 1945, wenige Tage nach der Kapitulation des Deutschen Reichs, an dieser Stelle eine Handgranate fanden und damit spielten. Die Munition explodierte, die vier Jungen starben. Die folgenden Stunden sprechen wir, radelnd und damit eher zwanglos, über Krieg und Tod - und darüber, dass man nicht mit Dingen hantieren sollte, die man nicht kennt.

Bergauf mit E-Motor-Hilfe - kurz

Wieder biegen wir ab, nun fahren wir die Gölsen entlang, ein Nebenarm der Traisen, wie wir lernen. Durch die unzähligen Stellen, an denen man in den Flüssen baden kann, durch die ebenso vielen Badeseen und Spielplätze wird uns nie langweilig. Manchmal suchen wir uns abgelegene Stellen, weil wir nicht immer wollen, dass sich eine Gruppe von Menschen um unser auffälliges Gefährt schart. "Mach doch ein Schild dran: Nicht gucken, nicht fragen!", schlägt mein Sohn vor. "Ach komm, die sind doch alle freundlich und nur neugierig", antworte ich. Das sieht er ein.

Auch wenn Österreich als "Alpenrepublik" gilt - unsere Radwege liegen in der Ebene. Außer ein paar leichten Hügeln ist da nichts bergig. Ideal für eine Tour mit Kindern also. Nur an einer Stelle tut sich plötzlich eine Erhebung auf: der Araberg, immerhin 814 Meter "über Adria", wie man in Österreich sagt.

Das ist das einzige Mal, dass wir den E-Motor auf volle Leistung schalten. Die Akkukapazität sinkt binnen Minuten von 80 auf 17 Prozent. Da wir zu dem Zeitpunkt keine Ahnung haben, wie viele Serpentinen wir noch hochkurbeln müssen, schalten wir den Motor lieber wieder ab und treten mit Leibeskräften in die Pedale. "Schneller, Papa, schneller!", schreit der Sohn. Noch ganz in Gedanken bei der Marine, sagt er: "Ein Flugzeugträger kommt doch auch eine große Welle rauf!"

Nach einer halben Stunde Quälerei ist es geschafft, und von da an geht es mit knapp 50 km/h bergab, das reinste Vergnügen. Irgendwann heißt der Fluss, an dem wir uns orientieren, nicht mehr Gölsen, sondern Triesting. Und dann kommt der Neustädter Kanal, den wir Richtung Norden bis nach Wien zurückradeln. Kurz vor Wien, in Laxenburg, bietet der dortige Badesee noch einmal Gelegenheit zur Abkühlung. Und dort essen wir, nahe dem Schlosspark, das angeblich beste Eis von Österreich (was vermutlich stimmt).

Insgesamt haben wir in fünf Tagen mit mehreren Abstechern und ein paar Mal Verfahren 400 Kilometer gemacht. Wir haben vier Nächte in Bauernhöfen verbracht, Kosten pro Übernachtung und Zimmer zwischen 50 und 80 Euro inklusive Frühstück. Wir hätten natürlich auch zelten können. Aber für uns war das fürs Erste Abenteuer genug.

In Zukunft, nehmen wir uns vor, wollen wir doch mal um die Welt radeln. Oder wenigstens durch Europa. Dann ohne Motor, macht das Rad eh viel leichter. Aber gerne wieder auf einem Tandem.

Hasnain Kazim ist SPIEGEL-ONLINE-Korrespondent in Wien. Das Tandem Pino wurde für diese Tour von Hase Bikes zur Verfügung gestellt.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
jufo 10.07.2017
1. Schöne Tour
Viel Spaß bei den nächsten Touren.
mikaiser 10.07.2017
2. Sehr schön geschrieben,
vielen Dank für den schönen Bericht in einer Zeit unschöner Meldungen! Ich drücke Ihnen die Daumen, noch viele schöne Touren mit Ihrem Sohn machen zu können. Meine frühesten Kindheitserinnerungen bringen mich auf einen kleinen Sattel zwischen den Armen meines radbegeisterter Vaters. So etwas bleibt für immer.
hughw 10.07.2017
3. Hätten Sie auf
den Motor und Akku verzichtet, wäre das Rad leichter gewesen... Gerade an richtigen Steigungen ist die sehr schnell schlapp machende Elektromotorisierung am Rad nur totes Gewicht, das man die ganze Zeit mit schleppen muss. Und als Liegeradler auf Reisen der nicht dauernd angesprochen werden möchte, trägt man eben ein entsprechend bedrucktes Trikot: "nein, ich hab das Rad nicht selbst gebaut, nein, man schläft beim Fahren nicht ein, nein, es ist nicht unbequem, doch man kann sehr gut sehen usw., usw. ...
Sibylle1969 10.07.2017
4. Schön
Weil Österreich nicht überall in den Alpen liegt, heißt die Gegend übrigens Niederösterreich. Schön, dass Sie, Herr Kaznaim, Freude an der Radtour hatten. Mehrtägige Radtouren sind eine tolle Art des Reisens: man sieht unheimlich viel, auch kleine Details am Straßenrand, die dem vorbeirasenden Autofahrer mit Sicherheit entgehen. Man kommt mit anderen Menschen ins Gespräch. Und man ist sportlich aktiv, ein wichtiger körperlicher Ausgleich für Menschen mit Bürojob. Es wird ja auch immer gerne gelästert über den MAMIL, den middle aged man in lycra, aber wie Sie richtig sagen, ist Radfunktionsbekleidung sehr praktisch und bequem. Da es die Teile nicht nur in quietschbunt, sondern auch in gedeckten Farben gibt, muss es auch gar nicht peinlich aussehen.
franzkanns 10.07.2017
5. Schön
Eine schöne Sache mit dem kleinen Sohn. E-Motor ist bei der Fuhre ein tolles Hilfsmittel um den Spaß nicht zu verlieren. Die Lycra Papageienkamotten sind aber in der Tat immer sehr augenschmerzend. Warum kauft man nicht einfarbige? Gibt es die nicht? Ich habe zum biken immer Sport T-Shirts aus Kunstfaser in schwarz oder dunkelblau an. Normal weiter Schnitt, sehr bequem und superschnell trocken. Wozu immer die hautengen Fahradrennpapgeiklamotten? Es kommt doch nicht auf zehntel Sekunden an. Aber in diesem Sinne weiter so.
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