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Eins, zwo, drei, vier: Ohne Tango keine Finnen

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In Finnland ist der Tango Hymne und Ehestifter zugleich. Dass das nordische Land überhaupt fünf Millionen Einwohner hat, ist nur diesem Tanz zu verdanken. Das meint zumindest Mauri Antero Numminen, finnischer Entertainer, Komponist und Tangosüchtiger.

Film "Mittsommernachtstango": Das Glück des Unglücks Fotos
Björn Knechtel¿

"Den finnischen Tango gibt es seit dem 2. November 1913 um 14 Uhr", sagt Mauri Antero Numminen. Der 74-Jährige streicht sich mit Schwung seine dicke graue Ponysträhne aus dem verknautschten Gesicht. Damals hätten zwei Künstler im Rahmen eines Theaterstücks einen Tango vorgeführt, sagt er. Seeleute hätten den Tanz aus Südamerika nach Finnland gebracht, dort bis dato unbekannt.

Plötzlich klopft er mit der flachen Hand auf den Tisch und singt "Tanze mit mir in den Morgen", im Tangorhythmus und auf Deutsch. "Das war in den Sechzigern ein Hit hier in Finnland", sagt er. Numminen ist eine finnische Institution: Soziologe, Philosoph, Komponist, und Entertainer. Er hat Bücher und Filme über den finnischen Tango veröffentlicht, selbst Tangolieder verfasst - und ist gesegnet mit einem unfassbaren Albernheitspotential. Deutsche Kinogänger können Numminen jetzt in dem Dokumentationsfilm "Mitternachtstango" erleben, in dem er die Geschichte des melancholischen Tanzes kommentiert.

Außerdem will der Film ein für alle Mal eine große Streitfrage klären: Haben die Finnen oder die Argentinier den Tango erfunden? Angefeuert wird der Disput immer wieder von dem legendären Regisseur Aki Kaurismäki, der auch in der Doku mit trotziger Verve behauptet: "Natürlich haben wir den Tango erfunden, aber wir sind es ja gewöhnt, in der Geschichte übergangen zu werden." Die deutsche Regisseurin Viviane Blumenschein schickt drei Tangomusiker aus Buenos Aires in Finnlands unendliche Weite und Stille, wo sie mit ihren finnischen Kollegen musizieren - und eben diskutieren.

Das Glück des Unglücks

An diesem eiskalten Abend sitzt Numminen im Restaurant Elite in Helsinki, seit 1932 Treffpunkt von Intellektuellen und Künstlern, die ihre Rechnung gerne mal mit Gemälden bezahlen. Als er noch als Soziologe an der Uni forschte, sei er "Elitist" gewesen: "Mich interessierten nur Jazz und Klassik - aber ich wollte unsere populäre Musik begreifen, um mein Land zu verstehen. Und machte mich daran, herauszufinden, warum es den Tango in Finnland gibt."

Damals, im November vor über hundert Jahren, erzählt Numminen, wurde der Tango zum ersten Mal in seinem Land gespielt. Aber so richtig zu seiner Form habe der Tanz erst gefunden, als Toivo Kärki, der als Vater des Ganzen gilt, in den Feuerpausen im Krieg gegen die Russen Ende der Vierziger einen sagenhaften Einfall hatte: "Er kreuzte die russische Romanze mit deutscher Marschmusik", erzählt Numminen. Der finnische Tango sei nur echt in Moll: "Wir sind nur glücklich, wenn wir unglücklich sind."

Tango wird vor allem von Anfang Mai bis September außerhalb Helsinkis getanzt, fast jedes Dorf hat einen Tanzpavillon im Freien zwischen Birken, durch die der Wind weht. Ab nachmittags treffen sich dort alle - ob jung oder alt -, um zu schwofen. Legendär ist das jährliche Festival in Seinäjöki, wo im Juli eine Woche lang neue Kompositionen vorgestellt und die aktuellen Tangokönigspaare gewählt werden. Jeder Finne, heißt es, müsse einmal in seinem Leben dort, vier Autostunden nordwestlich von Helsinki, dabei gewesen sein.

In diesem Jahr gibt es das Festival zum 30. Mal - es heißt, die Idee sei einst in einer Sauna entstanden, wo sonst. In Helsinki selbst gibt es laut Numminen nur noch zwei Orte, an denen der Tango zelebriert wird. In einem Restaurant, dessen Name dem Experten gerade nicht einfällt, und im Keller des Alten Studentenhauses: "Aber da herrscht absolutes Fotografierverbot", sagt Numminen, "denn dort treffen sich keine echten Paare, sie wollen nicht gesehen werden", er zwinkert verschwörerisch.

Kein Birkenblatt passt zwischen die Tänzer

"Dass wir fünf Millionen Einwohner haben, ist nur diesem Tanz zu verdanken", erklärt Numminen. "Er ist eine Notwendigkeit für finnische Männer. Sie können nicht sagen: 'Ich liebe dich' - sie brauchen zum Anbandeln Tangolieder mit eindeutigen Texten. Dann heiratet man und macht viele neue Finnen." Während man bei der argentinischen Version sich überwiegend mit den Köpfen nahe kommt, ist das bei der finnischen anders. Numminen demonstriert die typische Körperhaltung mit seinen Zeigefingern: Er legt sie direkt nebeneinander. Kein Birkenblatt passt dazwischen.

Der Entertainer singt auch selbst Tangolieder. Aber er nimmt den Tanz auf die Schippe - tragische Liebeslieder sind von ihm nicht zu erwarten. Die jaulende Stimme ist sein Markenzeichen, bei Tonsprüngen in der Melodie lässt er sie extra quietschend kippen. Sein vergnügt albernes "Ich mit meiner Braut im Parlamentspark" ist das beste Beispiel. Er hat auch Heinrich-Heine-Gedichte als Tango vertont.

So richtig versteht man diese skandinavische Tangomentalität erst, wenn man sich mal durch eine Playlist mit finnischem Tango gehört hat: Diese stakkatohafte Sprache mit den vielen "Äääs", "Kks", den Doppel-"T" und den rollen "Rrrs" ist der ideale Soundteppich für die Marschmusik und die Gleichmütigkeit, mit der die Finnen tanzen.

Nicht vergleichbar mit dem Körpereinsatz argentinischer Tangotänzer, der viel zu extrovertiert fürs finnische Gemüt wäre. Woher dessen Melancholie herrührt, erfahren auch die drei Argentinier in der Dokumentation immer wieder: Wenn sie an glatten finnischen Seen sitzen, durch leere lappländische Wälder tuckern - und vor allem eines hören: nichts.


Information: Das Tangofestival Tangomarkkinat in Seinäjoki findet in diesem Jahr vom 9. bis 14. Juli statt. Immer im Februar wird auf dem Frostbite International Tango Festival geschwoft. In Helsinki ist das Künstlerrestaurant Elite in der Eteläinen Hesperiankatu 22 zu finden und das Alte Studentenhaus (auf Finnisch Vanha Ylioppilastalo) in der Mannerheimintie 3. Mauri Antero Numminen gibt die Konzerttermine auf seiner Facebook-Seite bekannt.

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insgesamt 26 Beiträge
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1. Klischees
derKrebs 17.03.2014
Endlich mal wieder ein Artikel der schön alle Klischees bedient die man in Deutschland so über die Finnen pflegt. War der Autor selbst mal in Finnland?
2. Ohne Fahrrad..
spon-facebook-830968780 17.03.2014
... vielleicht auch nicht :)
3.
Avantime2000 17.03.2014
Zitat von derKrebsEndlich mal wieder ein Artikel der schön alle Klischees bedient die man in Deutschland so über die Finnen pflegt. War der Autor selbst mal in Finnland?
Wieso Klischees? Dass es in Finnland auf dem Land überall Tanzpavillions gibt ist nun einmal eine sympathische Realität.
4. Klischees enthalten auch ein Körnchen Wahrheit
Finnland55 17.03.2014
Zitat von derKrebsEndlich mal wieder ein Artikel der schön alle Klischees bedient die man in Deutschland so über die Finnen pflegt. War der Autor selbst mal in Finnland?
Habe selbst dort gelebt und den sommerlichen Straßentanz in Turku erlebt - das sind diese kleinen Veranstaltungen, in denen sich die ganze Lebenshungrigkeit eines kurzen Sommers nach einem langen Winter ausdrückt. Und es ist hier wie mit den meisten Klischees über andere Nationen: nicht jeder ist so, aber auch nicht niemand. Zum Artikel: bitte schreibt die Stadt doch wenigstens richtig, wenn schon darauf verlinkt wird: Nicht Seinajökki, sondern Seinäjoki. Aber schön nach dem Motto: Umlaut rein und ein paar k's verteilen...
5. Ende der vierziger Jahre...
spon-facebook-10000181798 17.03.2014
...war der Krieg gegen Russland zum Glück siegreich beendet. Ansonsten ist Finnland mittlerweile wesentlich moderner und weniger schrullig als der durchnittliche nicht-Finne es auf Grund dieser ganzen Dokufilme gerne vermutet.
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