Straußwirtschaft auf Italienisch Dieser Weg wird ein köstlicher sein

Sollen die anderen doch in die teure Trattoria gehen. Wer am Golf von Triest unterwegs ist, hält am besten nach den Bauernwirtschaften im Hinterland Ausschau. Sie öffnen nur für wenige Wochen im Jahr - und sind an grünem Laub zu erkennen.

Martin Cyris

Von Martin Cyris


Die deftige Salami? Der luftgetrocknete Schinken? Oder doch lieber der milde Mozzarella? Pepe, Nordio und Giovanni sind hin- und hergerissen. Die drei Freunde sitzen in der Osmiza "Penarcich" in Visogliano und sind ausnahmsweise nicht einer Meinung.

"Ich komme wegen der leckeren Salami!", vertraut Giovanni seinen Mitessern lautstark an. "Und ich wegen des guten Schinkens!", ruft Pepe und wirft seinen rechten Arm in die Luft. Vor ihm liegt ein Haufen Eierschalen auf dem Tisch. Als Osmiza-Neuling ahnt man: In den einfachen Bauernwirtschaften im karstigen Hinterland am Golf von Triest herrschen eigene Tischsitten.

Nordio, der Dritte in der Runde grinst, greift zu einem Zahnstocher, baut sich einen Wurst-Käse-Spieß und schiebt ihn sich genüsslich in den Mund. "Du Bauer!", ruft Pepe, "du musst den Schinken pur essen!" Dann lachen alle drei, greifen zu den dickwandigen Gläsern und prosten sich zu.

Ob Salami, Schinken oder Käse - heruntergespült wird mit einem Refosco, dem typischen Rotwein aus der italienischen Provinz Friaul-Julisch Venetien. Auf diese Sorte können sich die drei einigen. "Der Refosco ist wie wir Menschen aus dem Karst", sagt Pepe, "unkompliziert, bodenständig und etwas trocken."

Von Touristen unentdeckt

Apropos Bauer: Ohne die Landwirte der Gegend wären Pepe, Nordio und Giovanni heimatlos. Zumindest in ihrer Freizeit. Denn die verbringen sie am liebsten in den Osmize (auch Osmizze). Sie gibt es nur im schmalen Hinterland am Golf von Triest zwischen Muggia und Gorizia. Außerdem halten sich noch eine Handvoll im slowenischen Teil von Istrien, an der Grenze zu Italien. Von Touristen bleiben sie oftmals unentdeckt.

Die Einrichtung der Bauernwirtschaften ist mager und schnörkellos - wie weite Teile der Landschaft. Meist werden nur ein paar Biertische und -bänke zusammengeschoben. Als Gastraum dienen umfunktionierte Werkräume. Wie ihre Verwandten aus anderen europäischen Regionen - die Strauß- und Besenwirtschaften, die Heurigen und Buschenschenken - dürfen Osmize nur temporär öffnen.

Und die Landwirte können ihre Erzeugnisse vorübergehend steuerfrei verkaufen, ohne Beleg. Ein Kuriosum in einem Land, in dem es auf Geheiß der Finanzpolizei allerorten Kassenbons mit Mitnahmepflicht regnet, selbst für die schnelle Tasse Kaffee in der Bar. Doch die Osmize kommen ohne Zettelwirtschaft aus. Verkauft werden hauptsächlich Schinken, Wurst, Käse, Hühnereier, Brot, Bratkartoffeln, Wein und Most. Überschüssiges, aber auch leicht Verderbliches.

Das Recht geht auf ein Gesetz aus dem 18. Jahrhundert zurück. Wer öffnen wollte - einmal pro Jahr war erlaubt - musste dies mit einem abgeschnittenen Laubzweig anzeigen. Solange das Laub grün war, durfte ausgeschenkt werden. In der Regel acht Tage lang. Daher auch der Begriff Osmize. Er leitet sich von "osem" ab, dem slowenischen Wort für acht.

Eier und Wein: die klassische Osmiza-Kombi

Die Spuren der Slowenen in Norditalien reichen viele Jahrhunderte zurück. Auch die der Familie von Ivan Penarcich. Er ist Bauer und Osmiza-Wirt im Dorf Visogliano, seine Frau Daria Käserin. Sie stellt Frischkäse und Mozzarella her. Auf den sind besonders die jüngeren Gäste aus den Städten, die Studenten aus Triest und Udine, ganz wild. "Aber auch auf hartgekochte Eier", sagt Daria, "weil sie wenig kosten." Und den Magen füllen und damit die Auswirkungen von übermäßigem Weingenuss mildern.

Ein hartgekochtes Ei und ein Glas Wein sei eine typische Bestellung, sagt Daria Penarcich. Die Gäste kritzeln sie auf ein Blatt Papier und geben sie an der Theke ab. Auf Service wird in den Osmize weitgehend verzichtet, schließlich sollen die Preise für Studenten, junge Familien, Rentner und Nachbarn erschwinglich bleiben. Wer sich mehr als ein paar Eier leisten will, ordert Cevapcici oder Raznjii, typische Fleischspieße aus der Balkan-Küche.

Doch neben den Eiern spielt der Wein die Hauptrolle. "Die Öffnungen der einzelnen Osmize richtet sich nach den Produktionszeiten des Weins", sagt Maurizio Ciani, "oder danach, wann er konsumiert werden muss." Je nachdem, welche Rebsorten auf dem jeweiligen Hof angebaut werden.

Immer den grünen Laubbüscheln nach

Ciani betreibt mit einem Freund eine Webseite, die sämtliche Osmize in Friaul-Julisch Venetien samt Öffnungszeiten listet. Eine Einkehrmöglichkeit findet sich eigentlich zu jeder Jahreszeit. Denn im Vergleich zu früher haben sich die Gesetze gelockert: Die Osmize dürfen jetzt insgesamt 59 Tage pro Jahr ausschenken.

Vor allem an heißen Tagen zieht es viele Einheimische von der Küste ins kühlere, hügelige Hinterland. Und dort geradewegs in die nächste Osmiza, immer den grünen Laubbüscheln folgend. Die Zweige sind der Wegweiser zu den geöffneten Lokalen.

Ihnen sind auch Paolo und Luca mit ihren Familien gefolgt. In der Osmiza Parovel unweit von Triest sitzen sie auf einfachen Holzbänken und lassen sich von der Sonne wärmen. "Uns gefällt die lockere Atmosphäre", sagt Paolo, "ich gehe lieber in eine Osmiza als in eine Trattoria. Die sind doch meistens völlig überteuert."

Außerdem seien seine Kinder von den vielen Tieren auf dem Bauernhof abgelenkt und hätten genügend Platz zum Herumtollen. Die Erwachsenen sind unterdessen mit rohem Schinken, Brot und Wein beschäftigt - und natürlich mit hartgekochten Eiern. Vielen Eiern.

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insgesamt 5 Beiträge
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gpkneo 14.04.2015
1. Rheinhessen
Oder auf Rheinhessisch :Wo's Sträusje hängt werd ausgeschenkt !
k70-ingo 14.04.2015
2.
Zitat von gpkneoOder auf Rheinhessisch :Wo's Sträusje hängt werd ausgeschenkt !
Im Schwäbischen, wo es diesen Brauch der "Besenwirtschaften" auch gibt, sollte man aber achtsam sein. Dort ist die Gefahr groß, Schweinehälse aufgetischt zu bekommen! Der dazugehörige Ekelfaktor spielt in der Liga von Surströmming und Gammelhai... Dagegen sind Haggis und nordkoreanisches Weißbrot hochkulinarische Delikatessen.
Newspeak 15.04.2015
3. ...
Ein Kuriosum in einem Land, in dem es auf Geheiß der Finanzpolizei allerorten Kassenbons mit Mitnahmepflicht regnet, selbst für die schnelle Tasse Kaffee in der Bar. Ernsthaft? In diesem korrupten Land?
contradictioinadiecto 15.04.2015
4.
Zitat von NewspeakEin Kuriosum in einem Land, in dem es auf Geheiß der Finanzpolizei allerorten Kassenbons mit Mitnahmepflicht regnet, selbst für die schnelle Tasse Kaffee in der Bar. Ernsthaft? In diesem korrupten Land?
Sie scheinen länger nicht mehr in Italien gewesen zu sein. Die Angst vor der Finanzpolizei ist allgegenwärtig...und berechtigt. Mit denen ist nicht zu spaßen.
loeweneule 16.04.2015
5.
Zitat von NewspeakEin Kuriosum in einem Land, in dem es auf Geheiß der Finanzpolizei allerorten Kassenbons mit Mitnahmepflicht regnet, selbst für die schnelle Tasse Kaffee in der Bar. Ernsthaft? In diesem korrupten Land?
Ja.
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