Ostermontag in Polen Wasserschlacht als Balzritual

Wet-T-Shirt-Contest mit Tradition: In Polen ist der Ostermontag eine feucht-fröhliche Angelegenheit. Mit Wasserpistolen und Eimern machen Männer Jagd auf die schönsten Frauen - manch Unglückliche landet im Fluss.

Von Jens Wiesner


Keuchend und schwitzend rennt die 25-jährige Joasia aus Kalisz um die Häuserecken. Die männlichen Verfolger sind ihr dicht auf den Fersen. Warum ist sie bloß aus dem Haus gegangen? Sie wusste doch ganz genau, wie unsicher die Straßen ihres Dorfes an diesem Tag sein würden.

Gerade als sie wieder zu hoffen wagt, ihre Verfolger endlich abgeschüttelt zu haben, muss sie vor einer unüberwindlichen Backsteinmauer anhalten: eine Sackgasse! Es gibt kein Entkommen mehr. Resignierend bleibt Joasia stehen, um sich ihrem Schicksal zu stellen. Platsch! Einige Sekunden später steht sie triefend da, ihre Kleidung ist bis auf die Haut durchnässt.

Dieses Schicksal ist kein Einzelfall. Jeden Ostermontag werden in Polen unzählige Menschen auf offener Straße und sogar in ihren eigenen Wohnungen Opfer heimtückischer Wasserattacken. Wasserbomben, großkalibrige Wasserpistolen, Eimer oder der nahe gelegene See - jedes nur denkbare Mittel ist den meist jugendlichen Attentätern dabei recht.

Doch niemand, zumindest nicht auf dem Lande, käme auf die Idee, die Polizei zu rufen oder gar Schadensersatz für ruinierte Kleidung oder Handys zu verlangen. Denn der "Lany poniedzialek", der "nasse Montag", ist Teil einer jahrhundertealten Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht und ebenso untrennbar zu Polen gehört wie der Marienkult, das Krautgericht Bigos und Johannes Paul II. Ihr Name: "Smigus Dyngus".

Eheanbahnung mit Wasserschwall

Erste schriftliche Quellen, die vom ritualisierten Wasserschütten berichten, datieren weit in die Vergangenheit: "Es ist universeller Brauch, vom gewöhnlichen Untertan bis in die höchsten Kreise der Gesellschaft, dass Männer am Ostermontag die Frauen mit Wasser begießen", schrieb bereits im Mittelalter ein polnischer Historiker.

In jenen Tagen drangen die Männer am frühen Morgen heimlich in die Häuser ein, um den auserwählten Frauen ein nasses Erwachen zu bescheren. Eine Quelle vom Beginn des 19. Jahrhunderts hält die Reaktionen fest: "Die Mädchen kreischen, aber in ihren Herzen freuen sie sich, da sie genau wissen: Diejenige, die trocken bleibt, wird im selben Jahr nicht mehr heiraten!"

Nach christlicher Lesart lässt sich der Brauch auf den polnischen König Mieszko I. zurückführen. Dieser hatte sich am Ostermontag des Jahres 966 taufen und stellvertretend für ganz Polen zum Christentum bekehren lassen - die Geburtsstunde des polnischen Katholizismus. Andere Quellen sehen den Ursprung des nassen Rituals dagegen in heidnischen Traditionen: Zur symbolischen Reinigung wurden junge Frauen bei Frühlingsbeginn mit Wasser benetzt.

Viel geändert hat sich in den Jahrhunderten, die folgten, wahrlich nicht. Vor allem in Familien mit Kindern ist der Tag mit dem angeblich höchsten Wasserverbrauch des Jahres noch immer ein echtes Highlight. Monika Maliszewska, eine Mittzwanzigerin aus Warschau, erinnert sich: "Jedes Jahr hat mich mein Bruder mit einer Tasse kaltem Wasser geweckt. Und jedes Jahr habe ich mir vorgenommen, ihm beim nächsten Mal zuvorzukommen. Aber er war immer schneller."

Abkühlung nach dem Gottesdienst

Inzwischen ist vielerorts die Emanzipation bei der Wasserschlacht angekommen. Längst haben die Vertreter des weiblichen Geschlechts ihre reine Opferrolle abgelegt und sich ihrerseits mit Eimern und Wasserpistolen bewaffnet. Besonders beliebt ist der Tag in den ländlichen Regionen Polens. In manchen Orten soll selbst der Priester höchstpersönlich dafür sorgen, dass seine Ministranten nach der Ostermontagsmesse eine kleine Abkühlung bekommen.

Unter polnischen Jugendlichen ist "Smigus dyngus" nicht nur purer Spaß und Tollerei, es hat auch eine weitere, gesellschaftlich nicht unwichtige Funktion: die eines kokettierenden Balzrituals. "Es ist praktisch ein Schönheitswettbewerb: Je hübscher und begehrenswerter ein Mädchen ist, desto nasser wird sie gemacht", erklärt Urszula Mochocka aus Zabrze - freilich nicht ohne hinzuzusetzen, dass sie selbst in ihrer Jugend stets in den Dorfteich oder eine eigens organisierte Badewanne verfrachtet wurde.

Dass pubertierenden Jungs ein institutionalisierter Wet-T-Shirt-Contest gefällt, liegt auf der Hand. Die Meinungen der weiblichen Bevölkerungsseite gehen dagegen weit auseinander. Die einen sehen die Tradition schlichtweg als kindische Wasserverschwendung und ziehen es vor, den gesamten Ostermontag eingeschlossen in ihrer Wohnung zu verbringen.

Andere, wie Joasia und Monika, freuen sich, an einem Tag im Jahr wieder Kind sein zu dürfen. Aber auch sie kritisieren die Auswüchse, die "Smigus dyngus" beizeiten annehmen kann. "Heutzutage gibt es leider keine Grenzen mehr. Selbst alte Leute oder Menschen in Bussen und Straßenbahnen werden nicht verschont", sagt Monika.

Dass es auch anders geht, beweist der polnische Gentleman der älteren Generation. Auch er begeht traditionsgemäß den "Nassen Montag". Anstelle eines Wassereimers beglückt er die Damenwelt allerdings mit ein paar Spritzern Kölnisch Wasser.



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