Ostia Der Strand, der niemals schläft

In Ostia wird die Nacht zum Tag. Die schillernde Schickeria der Fiftys feierte hier ihre Partys, jetzt haben die Römer den Badeort für sich neu entdeckt. Eine halbe Million Menschen bevölkern am Wochenende Discos und Clubs. Ihr Ziel: Tanzen bis zum Morgengrauen.

Von Ulf Lüdeke


"Sonne am Strand, ich hasse es", sagt Cristiano am Strand ohne Sonne. Seine Stahlstecker in Nase und Ohren reflektieren blass das Schwarzlicht im Holzturm, unter dessen Dach er Regler dreht und Scheiben wechselt. Akustisch chancenlos klatschen wenige Meter hinter seinem Rücken in der Finsternis Wellen ans Ufer. "Ich bin der Weißeste in der Stadt, den es gibt", fügt er grinsend hinzu, dreht an einem Knopf und versucht konzentriert, die Reaktionen der Menge zu entdecken, die da unten vor dem Turm auf einer Holzveranda sitzt und an ihren Drinks nippt. Cristiano, 27, macht die Nacht zum Tag - als "DJ Dust" im "Faber Beach", dem bekanntesten Pub am Lido di Ostia.



Das Viertel, in dem sich die Strandbar befindet, gehört zum 13. von 19 Verwaltungsbezirken der italienischen Hauptstadt und ist Legende. Während des Ersten Weltkriegs auf dem Reißbrett als Badeort für Rom geplant, entwickelt sich die Kleinstadt an der Tibermündung in den fünfziger und sechziger Jahren zum schillernden Ziel von Sommerfrischlern und dem Rest der Welt. Gregory Peck lässt hier mit seinem schläfrigen Zahnarztlächeln kreischende Römerinnen in Ohnmacht fallen, John Wayne verblüfft am Strand ohne Revolver, Anita Ekberg startet mit inflationärer Textilknappheit einen Flexibilitätstest der katholischen Sittenmoral und endet in einer Carabinieri-Kaserne.

Als die Film-Ikone Pier Paolo Pasolini von einem Strichjungen am idroscalo, dem Wasserflughafen von Ostia, 1975 brutal ermordet wird, erlebt die Stadt ihren letzten großen Skandal - und versinkt anschließend in die Bedeutungslosigkeit, symbolisch in Zement gegossen durch Betonburgen, die wie Unkraut den illustren Ort zuwuchern und in eine maßlos übervölkerte Schlafstadt mit großen sozialen Problemen verwandeln.

Mit dem blättrigen Charme ostdeutscher Villen

Die Art, wie sich der Lido drei Jahrzehnte später wieder im Bewusstsein der Römer zurückmeldet, taugt als Stoff für eine moderne Rock-Musical-Version von Aschenputtel. Allein in den neunziger Jahren wurden über 100 Millionen Euro in Strandaufschüttungen und Renovierungen der stabilimenti balneari investiert, jener Badeanstalten, an denen sich bis in die späten fünfziger Jahre die Stararchitekten des italienischen Rationalismus und Neoklassizismus austobten. Auch viele Häuser auf der anderen Seite der Strandpromenade wurden renoviert, nicht wenigen allerdings haftet noch immer der blättrige Charme alter ostdeutscher Villensiedlungen an, den ihnen einst die russische Armee verliehen hatte. Dennoch, Ostia meldet sich zurück: als mediterraner Fluchtpunkt für alle, die die Nase voll
haben von Smog und Großstadthektik. Als Strand, der niemals schläft.

Italo und Cinzia, Architekturstudenten aus Rom, beide Mitte 20, schauen auf den Turm an der "Faber Beach" hinunter, in dem DJ Dust mit Lenny Kravitz seine Gäste unter den Füßen kitzelt. Die beiden sitzen bei Kerzenlicht und Rotwein auf der Dachterrasse gegenüber vom "Faber". Ein Freund hat in dem kubistischen Sechsgeschosser ein Apartment gekauft, das er tageweise vermietet und oft auch selbst nutzt. Hotels sind knapp, Ostia ist keine Touristenstadt, und noch leben in einem Großteil der Wohnungen Ostienser. "Ein Paradies auf Erden", seufzt Cinzia in den lauen Abendwind des Tyrrhenischen Meeres und schneidet mit der Zungenspitze frech einem über den Erdbeermund flüchtenden Weintropfen den Weg ab.

Auch am "Faber Beach" flackert ein Meer aus Kerzen, versenkt in Hunderten kegelförmiger Löcher, die kurz nach Sonnenuntergang in den Sand gegraben wurden. Die Glühwürmchen, die ihr Licht dazwischen pulsen, entpuppen sich am Strand als Handy-Displays.

Chill-out-Sounds bis spät in die Nacht

Bis vor ein paar Jahren zog es meersüchtige Römer noch nach Fregene, nördlich von Fiumicino. "Kein Vergleich mehr zu Ostia", winkt Italo ab. "Hier findest du die besten Discotheken, 20 Stück, und Pubs, verteilt auf sieben, acht Kilometer Strand. Da ist für jeden Geschmack was dabei."

Das Auto lassen die beiden an diesem Samstag stehen, und das ist gut so. Denn an heißen Wochenenden überfluten über eine halbe Million Besucher den lungomare, die Strandpromenade von Ostia. Selbst unter der Woche sind es 100.000 pro Abend. Die meisten kommen, wie Italo und Cinzia, aus Roms Innenstadt und trotz guter Anbindung mit Bus und Bahn, natürlich mit dem Auto. Selbst tagsüber bewegt sich oft nichts mehr auf der Promenade. Parklücken in den geparkten Blech-Lindwürmern sind auf den acht Kilometern trotz Doppel- und Dreifachreihen so selten wie Sechser im Lotto.

Zum Warm-up steuern Italo und Cinzia gern das "Barrique" am Piazzale Magellano an. Die Weinbar gilt als einer der heißesten Szenetreffs. Die bekanntesten DJs aus Rom treiben den Gästen mit Chill-out-Sounds vom frühen Abend bis spät in die Nacht den Alltagsstress aus den Gliedern. Tanzen ohne Ende, dafür ist Ostia berühmt: Im "Mami" etwa, dem neuen Renner im balearischen Disco-Stil, einer Freiluftbar mit Go-go-Girls. Oder im "Tibidabo", wo sich samstags die Salsa- und Merengue-Süchtigen in karibischem Taumel verlieren.

Immer öfter verlagern sich die Partys in Richtung Ufer - trotz fast 100 Jahren Strandbadkultur ein neues Phänomen in Ostia. Die 61 stabilimenti an der Promenade erhielten erstmals vor fünf Jahren vom Staat als Verpächter die Genehmigung, auch nach offiziellem Schluss des Badebetriebs um 19 Uhr ihre Tore noch offen zu lassen. Der Erfolg dieser Lizenz zum Tanzen war so durchschlagend, dass der Strand von Ostia zum unumstrittenen Zentrum des Nachtlebens an der 356 Kilometer langen Küste von Lazio aufstieg.

Die wildesten Strandpartys am Cancelli

Am liebsten lassen Italo und Cinzia schon vormittags das Chaos der Großstadt hinter sich, mieten einen der Zehntausende von Liegestühlen am Lido und wagen kühne Sprünge vom kreisrunden Zehn-Meter-Turm des "Kursaal", einer der bekanntesten Badeanstalten Italiens. Simona, 24, hingegen lässt es mit ihren Freunden Fabrizio, Marta und Roberta gemütlich angehen. Den Discos ziehen sie die meist weniger kostspieligen Pubs vor. Wie das "Café del Mar" auf dem Gelände des stabilimento "Pinetina". Zwei Tanzflächen und mehrere luftige Lounges locken Hunderte von Nachtschwärmern an, bewacht von überall herumlungernden, o-beinigen "Security"-Leuten, deren Terminator-Blick und -Statur Zechpreller und andere unerwünschte Gäste abschrecken soll. "Vor 23 Uhr kommen wir selten", erzählt Simona. "Und dann ist Bar-Hopping angesagt, bis zum Schluss."

Fabrizio, 26 und von Beruf Hochzeitsfotograf, schlürft auf einem Lederkissen zu wummernden House-Rhythmen nachdenklich aus seinem Sektglas: "Nicht, dass ich was gegen Sauberkeit und Ordnung hätte ..." Er ist nicht der einzige, der Ostias Aufstieg mit einem Schuss Misstrauen verfolgt. Manchen sticht der gesamte Lido bereits als eine Art keimfreie Zone ins Auge: der dunkle Sand frei von Kippen und Müll, täglich artig geglättet, die Divisionen von Liegen und Sonnenschirmen wie zur Parade akkurat ausgerichtet, die Strandkabinen frisch getüncht.

Faszinierender ist für Fabrizio die hinterste Ecke am Strand von Ostia, im Volksmund cancelli genannt, Gittertore. Acht Badeanstalten, die über die Via Litoranea erreicht werden und etwa drei Kilometer südlich vom letzten stabilimento an den von Macchia bewachsenen Hängen eines Naturschutzgebietes beginnen. Der Eintritt ist frei, breiter Strand liegt zwischen hellen Dünenbergen und rauen blauen Wellen. So war ganz Ostia vor 100 Jahren. Hier kicken besessene Straßenfußballer aus Rom im Sand, hier steigen die heißesten Beachvolleyball-Turniere.

Und hier gibt es laut Fabrizio auch die wildesten Strandpartys. Vor allem Rave und Techno, zu denen die Fans manchmal zu Tausenden kommen. Ohne offizielle Ankündigung, versteht sich, denn niemals würden die Behörden hier ein Konzert genehmigen, geschweige denn eine riesige Party. Die Tore werden schon um 19 Uhr geschlossen. "Aber es lohnt sich", sagt Fabrizio, "nach der Lücke im Zaun zu fragen".



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