Paddeln in Polen So zärtlich ist Masuren

Urlaub in Polen? Kommen deine Eltern dort her? Ist das nicht gefährlich? Nein, weder noch! Masuren ist märchenhaft: Freundliche Menschen, verschlafene Dörfer, unverbrauchte Natur - immer ein paar Pferdelängen hinter dem Weltgeist.


Paddleridylle: Selbstgefangener Fisch wird gegrillt
Ulrich Booms

Paddleridylle: Selbstgefangener Fisch wird gegrillt

Langsam schiebt sich der Bug des Kanus durch das Schilf. Eher verwundert als erschreckt schwingt sich ein Graureiher aus seiner Lauerstellung am Ufer auf die nächste Erle und beäugt uns misstrauisch. Engen Flusswindungen folgend gleitet unser Boot durch das bernsteinfarbene, moorig riechende Wasser. Die Bäume verschwinden mehr und mehr im Hintergrund, die Schilffläche wird allmählich größer, bis sich der Mucker-See vor uns öffnet.

Wir sind ins Herz der masurischen Seenplatte vorgedrungen, die auch die grüne Lunge Polens genannt wird. Die Wälder sind dicht und bis in den letzten Baumwipfel gesund, mehr als 3000 fischreiche Seen, oft durch Bäche oder Kanäle miteinander verbunden, sind eine unerschöpfliche Paddleridylle: Zelte stehen auf einsamen Inseln, über dem Lagerfeuer wird der selbst gefangene Zander gegrillt.

Störche staksen in Gruppen über die feuchten Wiesen, Seeadler kreisen über dem Moor, und Biber bauen ihre Holzburgen am schlammigen Ufer. Schwäne brausen wie Fregatten auf das störende Kanu zu, um ihre Jungen zu schützen, und Scharen von Enten und Haubentauchern dümpeln zwischen den Seerosen im Wasser.

Fast immer waren wir die einzigen Touristen weit und breit - im Juni ist Vorsaison. Das klingt zwar nach Urlaubsidylle, allerdings waren dadurch nicht alle auf unseren Karten markierten Verpflegungsmöglichkeiten geöffnet. Mühsam versuchte ich in der einzigen Bar von Nowy Zyzdrój, die gerade für die Saison renoviert wurde, Chips, Salzkekse und Bier zu erstehen.

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Auf dem Wasser: Einsamkeit und Ruhe beherrschen den Alltag Immer ein paar Pferdelängen hinter dem Weltgeist: Abendstimmung in Masuren Wer viel paddelt, muss viel essen: Selbstgefangenes schmeckt am besten


Impressionen einer Paddeltour:
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Der Kalorienbedarf nach 30 Kilometer Paddeln bei großer Hitze ist schier uferlos. Als der Wirt dazukam, bot er uns ohne Umschweife mit ein paar deutschen Worten an, Omelettes zu machen. Gekocht wurde auf einem kleinen einflammigen Gaskocher, wie selbstverständlich teilte der Wirt von Nowy Zyzdrój auch sein Brot mit uns.

Den Mucker-See überquerten wir bei aufkommendem Regen. Dicht mit hohen Kiefern bewachsenes Ufer, dunkler Himmel, kaltes Wasser. Den Abzweig zur Krutynia entdeckten wir im Regendunst nur mit Mühe. Wir schleppten unser Boot über ein Wehr und erlebten wieder eine völlig veränderte Wasserlandschaft. Dichte Erlen stehen in sumpfigem, unzugänglichem Gelände, die jetzt schnell fließende Krutynia brodelt und gischtet zwischen Felsen und umgestürzten Bäumen.

Aufmerksames Steuern war geboten, obwohl ein Sturz in den Bach uns auch nicht mehr nasser gemacht hätte. Viele der umgestürzten Bäume sind nicht Opfer von Fäulnis und Sturm, sondern zeigen am Stumpf die typischen kegelartigen Nagespuren der Biber, deren aufgetürmte Bauten das Ufer säumen. Man könnte meinen, die Nager machen sich einen Spaß daraus, den Paddlern knifflige Hindernisse in den Weg zu legen. Am Ende dieser zauberhaften Strecke fanden wir Unterkunft in einem Kanutenstützpunkt. Drinnen prasselndes Kaminfeuer. Die Vorbereitungen für die Feier einer Silberhochzeit waren in vollem Gange. Wir sortierten unsere nassen Klamotten, die am Abend wie Girlanden über der Festtafel hingen.

Die Freunde des Jubelpaares hatten alles perfekt organisiert: Salate, Brot und gebratene Ente in wärmender Folie. Die Zweiliterflaschen Wodka waren strategisch geschickt über den Tisch verteilt. Da alle in den Hütten des Camps nächtigten, musste sich niemand um die in Polen geltende Null-Promille-Grenze für Autofahrer scheren. Die Festgesellschaft störte sich offenbar überhaupt nicht an uns und unseren trocknenden Kleidern. Es kam aber auch niemand auf die Idee, uns zu fragen, ob wir Wodka mögen. Sehr angenehm.

Dieser Haltung, freundlich distanziert, pragmatisch und hilfsbereit, begegneten wir immer wieder, sei es in den Camps, beim Einkauf oder in den Restaurants. Die boten immer eine vielfältige, vorzügliche Küche: Piroggen mit Steinpilzen, Zander gedünstet oder gebacken, Schlei in Dillsahne, Schweinisches in vielen phantasievollen Varianten. Die Auswahl entschädigte uns für die Schmalkost am Abend zuvor.

In Ruciane - Nida, dem südlichen Zielort der Kanutour, landeten wir wieder in einem Kanutenstützpunkt. Auch hier das gewohnte Bild: perfekte Planung und Zuverlässigkeit. Polnische Zugfahrpläne im Internet sind übrigens trotz der Sprachhürde kein Problem, das System ist identisch mit dem der Deutschen Bahn. Mit dem kleinen Unterschied, dass sich polnische Züge auch präzise an den Fahrplan halten, auch wenn sie oft in Schrittgeschwindigkeit über die zugewachsenen Gleise schaukeln.

Das via Internet bestellte Kanu war uns wie verabredet zum Startpunkt gebracht worden, und auch hier am Ziel war der Bootswart informiert und schloss das Kanu selbstverständlich sofort im Bootshaus ein, um es dem Besitzer später zurückzugeben.

Unterwegs war es uns nicht gelungen, einen der scheuen Biber beim Bäumefällen zuzusehen, Deshalb machten wir uns am letzten Tag per Fahrrad zur einzigen Biberzuchtstation Polens auf, die in der Nähe auf einer Halbinsel im Spirdingsee liegt. Das Gut lag verlassen in der Sonne. Dem Lärm folgend fanden wir mehrere Polen an einem Kiosk unten am Hafen um einen Fernseher versammelt, die den sich anbahnenden Sieg ihrer Fußball-Nationalmannschaft über die USA beklatschten und begossen.

Der Biberzüchter begleitete uns trotzdem bereitwillig zu den umgebauten Schweineställen. Heraus watschelte ein dickes Wollknäuel. Das Tier war ungemein fett und träge, naschte mit seinen langen gelben Hauern ein paar Löwenzahnblätter. Biber wurden nach dem Krieg mit Farmtieren aus Russland und Litauen wieder in Polen angesiedelt. Heute wird die frei lebende Population auf 18.000 Tiere geschätzt. Dass unser Zucht-Biber je in die Freiheit entlassen wird, erschien uns angesichts seiner Schwerfälligkeit nicht geraten. Und genaugenommen gab es auf der Krutynia schon genug durch Biberbiss gefällte Bäume.



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