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24. Juli 2015, 10:49 Uhr

Benimmregeln auf Mallorca

Die guten Sitten sind weiterhin im Eimer

Tausende Verstöße wurden geahndet, ändern tun die vor einem Jahr eingeführten Benimmregeln am Ballermann wenig: die Touristen-Exzesse gehen weiter. Palmas neue linke Stadtregierung will die Verordnung wieder annullieren.

Jedes Mal, wenn er von einem Besucher nach dem "neuen" Ballermann gefragt wird, lacht Carlos wütend auf. Die vor gut einem Jahr mit viel Tamtam eingeführten Benimmregeln hätten auf der berühmtesten Partymeile der spanischen Ferieninsel Mallorca überhaupt nichts gebracht. "Die Saufgelage, der Lärm und auch die sexuellen Exzesse haben trotz der Verbote sogar zugenommen, finde ich", schimpft der 66-jährige Besitzer eines Lebensmittelladens an der Playa de Palma. Seinen richtigen Namen möchte er lieber nicht angeben.

Der Mallorquiner steht mit seiner Meinung nicht allein da. Auch die Regionalzeitung "Última Hora" stellte fest, dass es bei der Eindämmung der Zügellosigkeit keine bedeutenden Verbesserungen gegeben habe. Auch als unvoreingenommener Besucher muss man den Kritikern recht geben, noch bevor man die gesamte 4,6 Kilometer lange Strandpromenade entlanggewandert ist: Touristen nehmen weiterhin alkoholische Getränke mit an den Strand, viele ziehen grölend durch die Straßen. Die berüchtigten blauen Saufeimer sind nicht verschwunden, und auch die Straßenhändler, die Hütchenspieler und die Prostituierten sind immer noch da.

In der sogenannten "Schinkenstraße" gab es in den vergangenen Wochen Zusammenstöße zwischen jungen deutschen Touristen und afrikanischen Straßenhändlern, Biergläser und Kneipenstühle flogen durch die Luft. "Eine Schande, man kann sich nicht mehr raustrauen", klagt eine Anwohnerin.

Alte Probleme, neuer Glanz

Das Ballermann-Bild steht im Kontrast zur neuen Skyline von Palma de Mallorca. Im Winter wurden zahlreiche Hotels renoviert und zum Teil generalsaniert, oft auch um einige Etagen aufgestockt. Bei einigen wurde die Kategorie angehoben. Zwei Fünf-Sterne-Herbergen werden hochgezogen, sie sollen 2016 eröffnet werden. Auch das Straßenbild wurde hier und da aufgehübscht, auch in der "Schinkenstraße". Lounge-Optik, Lifestyle und Luxus sind angesagt. Bis 2016 sollen alle 15 Strandkioske entlang der Playa umgebaut werden.

Es ist unverkennbar: Ein Hauch von Ibiza hält am Ballermann Einzug. Doch dem Chaos konnte man bisher trotz der strengeren Polizeipatrouillen und der vielen Verbotsschilder mit Hinweisen auf Geldstrafen kein Ende setzen.

Die inzwischen abgewählte konservative Kommunalregierung von Palma hatte 2014 per Verordnung neben Saufgelagen unter anderem auch das Tragen von Badekleidung abseits der Strände, das Pinkeln und Spucken in der Öffentlichkeit, aggressives Betteln, das Ansprechen von Prostituierten, Verunreinigungen und Graffiti sowie das Verursachen von ruhestörendem Lärm unter Strafe gestellt. Auch Straßenkünstler wurden eingeschränkt.

Neue linke Stadtregierung will Benimmregeln annullieren

Es ist nicht so, dass sich nichts getan hätte. Insgesamt verteilte die Polizei laut einer Behörden-Bilanz inzwischen knapp 6000 Knöllchen wegen Verstößen gegen die Benimmregeln. Die häufigsten Vergehen waren Alkoholkonsum auf offener Straße/Störung der Anwohner" (1820), illegaler Straßenverkauf (1685) und Drogenbesitz (842). Aber auch Straßenpinkler, die von Playa-Anwohnern schon mal mit Luftgewehren attackiert werden, wurden in 82 Fällen mit bis zu 50 Euro zur Kasse gebeten.

Besser als nichts, sollte man meinen. Anders sieht das die neue linke Stadtregierung, die die Benimmregeln noch in diesem Jahr annullieren und eventuell durch neue ersetzen will. Man habe auch ohne diese Regeln genug Gesetze, die nur richtig zur Anwendung gebracht werden müssten, meint Isabel Oliver, die Tourismusexpertin der Sozialistischen Partei, die im Juni sowohl in Palma als auch auf den Balearen mit Linksbündnissen die Macht übernommen hat.

Ein Angriff auf die Grundrechte

"Die Exzesse, die wir in der Playa oder auch in Magaluf sehen, haben nichts mit fehlenden Gesetzen zu tun, sondern sind Ergebnis jahrelanger Tatenlosigkeit früherer Verwaltungen", klagt Oliver, die auch auf jüngste Skandale bei der Polizei von Palma hinweist.

Die Benimmregeln waren von Hotelvereinigungen, Bürgervereinen und Seniorenverbänden unterstützt worden. Linke Parteien, damals in der Opposition, warfen den Konservativen derweil vor, die "Verordnung für zivilisiertes Zusammenleben" sei ein Angriff auf die Grundrechte der Menschen. Sie versuche, soziale Probleme mit Polizeigewalt zu lösen, und nehme nicht nur die wildesten unter den Touristen ins Visier, sondern auch und vor allem "die Schwachen der Gesellschaft" wie Prostituierte, Obdachlose und Straßenkünstler.

Von einer "Reise zurück in die Franco-Diktatur" war die Rede. "Jetzt können wir wieder hoffen, denn gegen uns sind die Bullen sehr hart vorgegangen", sagt Straßenmusiker Pedro.

Emilio Rappold/dpa/ele

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