Städtereisen im Winter Paris? Jetzt? Mais oui!

Ja, es ist kalt und der Himmel grau. Trotzdem kann auch der Winter perfekt für einen Paris-Besuch sein. Hier kommen die besten Tipps, wo man den Parisern in ihrer touristenleeren Stadt beim Lässigsein zuschauen kann.

REUTERS

Von Estelle Marandon, Paris


Spätestens ab November, wenn die Temperaturen fallen, färbt sich der Himmel über Paris in eisernes Grau. Weißgrau, wenn man Glück hat. Mausgrau, wenn der Himmel auch noch von Regenwolken verhangen ist. Der Winter kann hier nass und ungemütlich werden. Trotzdem mag ich diese Zeit.

Das ganze Jahr über teilen wir unsere Heimat mit den Touristen, lassen uns von Kellnern auf Englisch ansprechen. Dass die Franzosen nun endlich Fremdsprachen beherrschen, ist natürlich lobenswert. Trotzdem nervt es. Ich bin nicht nach Paris gezogen, um mich wie eine Touristin zu fühlen. Jetzt im Winter gehört die Stadt endlich wieder uns, und das bisschen Kälte nehme ich gerne in Kauf.

Wenn die Dunkelheit am frühen Nachmittag hereinbricht und die Stadt sich in ein einziges Lichtermeer verwandelt, ziehe ich mir die Mütze tief ins Gesicht und spaziere zu Fuß ins Marais. Normalerweise versuche ich die Gegend zu meiden, mir ist es dort zu voll geworden.

In den letzten Jahren ist das Quartier rund um die Rue des Francs-Bourgeois und Rue Vieille du Temple zur regelrechten Shoppingmeile mutiert. Durch erfolgreiche Boutiquen wie Merci oder Bonton hat sich das Gebiet inzwischen sogar bis zum Boulevard Beaumarchais ausgeweitet.

Paris steht der Winter ganz fabelhaft

Auch erfolgreiche Kunstgalerien, wie Perrotin oder Thaddaeus Ropac oder das neu eröffnete Picasso-Museum ziehen immer mehr Menschen in die Gegend. Im Winter aber sieht es anders aus. Die Schlangen vor den Museen sind moderat, und auf den schmalen Pariser Bordsteinen kann man ungestört passieren.

Ich setze mich in eines der Cafés auf der Rue de Bretagne, ins Le Progrès, ein Klassiker, und schaue mich um. Die gut angezogenen Pariser, die sogenannten Bobos, hier findet man sie in höchster Dichte. Auch im Winter sitzen sie mit ihren lässigen XXL-Mänteln und freiliegenden Knöcheln auf den beheizten Terrassen und trinken, nein, keinen Café au lait, wie immer noch manche glauben, sondern einfachen Espresso, der hier schlicht "Café" genannt wird.

Eingekauft haben sie vorher vermutlich im nahe gelegenen Concept Store The Broken Arm am Square du Temple. Hier findet man alles, was modisch gerade angesagt ist: von Vetements, über Gosha Rubchinskiy bis hin zum französischen Nachwuchsdesigner Jacquemus. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass von Januar bis Februar in Frankreich "Soldes" stattfinden? Am Abend werden sie sich im Mary Celeste ein paar Austern gönnen oder im neu eröffneten Restaurant Carbon ein saftiges Entrecôte bestellen.

Wenn ich mich satt gesehen habe, gehe ich weiter in Richtung République. Natürlich nicht, ohne vorher einen Abstecher im Marché des Enfants Rouges gemacht zu haben, dem ältesten überdachten Markt von Paris. Ein kleines Schmuckstück. Dort kaufe ich beim Blumenhändler einen Strauß Eukalyptus und wandere zum Canal Saint Martin mit seinen schmiedeeisernen Bogenbrücken.

So schön, dass es fast schon kitschig ist

Mein Ziel ist die Ecke Rue de Marseille und Rue Yves-Toudic. Hier befindet sich eine der besten Bäckereien der Stadt. Der herrlich süßliche Duft des "Pain des Amis" (Freundebrot) zieht einem schon in die Nase, bevor man die hellblaue Vertäfelung der Boutique überhaupt erblickt. Um in diesen Genuss zu kommen, muss man allerdings an einem Wochentag kommen, samstags und sonntags hat "Du Pain et des Idées" geschlossen. Ein Luxus, den sich wohl kaum eine andere Boulangerie in Paris leisten kann.

Mit einem großen Krustenbrot im Gepäck überquere ich danach den Kanal und gehe die Rue de la Grange aux Belles immer weiter den Berg hinauf bis zum Café La Fontaine de Belleville. Hier gibt es selbstgebrannten Kaffee aus der hauseigenen Brûlerie. Mit den riesigen Spiegeln an den Wänden und leuchtend blauen Bistrotischen gehört das Café zweifellos zu einem der schönsten der Stadt.

Nur zehn Minuten zu Fuß sind es von hier bis zum westlichen Eingang des Parc des Buttes Chaumont. Einem bei Touristen weitgehend unbekannten Park im 19. Arrondissement. Mit seinem Riesenmammutbaum, Ginkgos und verschiedenen Zedernarten mutet er fast wie ein botanischer Garten an. Dank seiner vielen kleinen Hügel gibt es Panoramablicke an jeder Ecke, und über dem See thront auf einer Felsspitze ein kleiner Pavillon.

So schön, dass es fast schon kitschig ist.

Da mir nun wahrscheinlich schon die Finger abfrieren, kehre ich im Pavillon Puebla ein, um mich auf der überdachten Terrasse bei einem heißen Glühwein aufzuwärmen. Danach lasse ich den Abend auf der Butte Bergeyres ausklingen, einem kleinen versteckten Hügel gleich neben dem Park, der wie Montmartre nur über steile Stufen zu erreichen ist.

Selbst so manch eingefleischter Pariser weiß nicht, dass man hier oben einen einzigartigen Blick auf Sacré Coeur hat. Auf der Bank oberhalb des kleinen Weinbergs, die Stadt zu meinen Füßen, keine Menschenseele weit und breit, habe ich endlich das Gefühl: Paris gehört mir.

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