Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Trainingscamp der Nationalmannschaft: Der Heilige Rasen vom Passeiertal

Von Martin Cyris

Seit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Trainingscamp aufgeschlagen hat, ist es mit der Ruhe im Südtiroler Passeiertal vorbei. Die Einwohner nehmen den Rummel gelassen - auch weil sie eine eigene Vorstellung vom perfekten Grün haben.

Passeiertal in Südtirol: Ortstermin im Trainingstal der deutschen Nationalmannschaft Fotos
Tourismusverein Passeiertal

"Dieser Weg wird kein leichter sein." Die Zeilen des Songs von Xavier Naidoo, den die deutsche Nationalmannschaft 2006 in der Kabine sang, mag manch einer vor Schreck vor sich hinsummen, wenn er die nördliche Zufahrt ins Passeiertal gewählt hat. Andere fluchen: "Ich hatte Todesangst", stöhnt der Lieferant aus dem niederländischen Flachland, "Scheiß-Navi". Mit seinem Kleinlaster sollte er neue Fitnessgeräte im Südtiroler Passeiertal abliefern. Hier bereitet sich derzeit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft auf die WM vor.

Hätte der Fahrer lieber auf eine Landkarte geschaut, statt der Technik zu vertrauen. Ins Passeiertal fährt man nämlich besser über Meran als über den engen Jaufenpass mit seinen schwindelerregenden Serpentinen. Unschlagbar aber: das phänomenale Bergpanorama entlang der Strecke.

Erst die Gegner schwindelig spielen und dann die besten Perspektiven haben - das klingt eigentlich auch nach einem guten Plan für die deutschen Sportler. Am Mittwoch sind Jogi Löw und die Nationalmannschaft im Passeiertal angekommen. Im Golfhotel Andreus in Sankt Leonhard haben sie Quartier bezogen. Im Nachbarort Sankt Martin befindet sich das Trainingsgelände.

Auf dem Fußballrasen sind keine Kräuter gewachsen

"Mir freien ins auf enk" - "Wir freuen uns auf euch" - so begrüßen große Plakate an den Ortseingängen die deutschen Kicker. Der Star darauf: der bärtige Hirte Anton Pichler, den jeder hier im Tal nur als "Schnittl-Tonig" kennt. 80 Jahre ist er alt, seit mehr als sechs Jahrzehnten bewirtschaftet er Almen. Auch in diesem Sommer wird er wieder auf die andere Seite der Berge wandern: auf eine Alm im Tiroler Ötztal.

Einen großen, geflochtenen Korb trägt der alte Mann auf dem Rücken. Normalerweise ist darin das würzige Heu von den Kräuterwiesen, mit dem Pichler seine Schafe und Ziegen füttert. Für das Plakat-Shooting jedoch hat er ausnahmsweise einen Korb voller Fußbälle geschultert.

Auf seinem täglichen Gang durch das beschauliche Sankt Martin kommt der Schnittl-Tonig auch an der Abzweigung zum Hotel Andreus vorbei. Den Rummel um das Fünf-Sterne-Haus und seine prominenten Gäste nimmt der Hirte gelassen. Zwar will er während der Weltmeisterschaft den Fernseher bestimmt mal anstellen, doch Heu ist ihm lieber als perfekt gepflegter Fußballrasen. "Da wachsen keine Kräuter drauf", sagt Pichler.

Das Andreus hat vor fünf Jahren eröffnet. Es liegt neben einem 18-Loch-Golfplatz und ist so etwas wie das Emirates Palace von Südtirol. "Vom angeblichen Konkursbetrieb zum DFB-Quartier", sagt Richard Fink augenzwinkernd, der das Haus zusammen mit seiner Frau betreibt.

Unter versilberten Hirschgeweihen werden Jogi Löw, Hansi Flick und Oliver Bierhoff in diesen Tagen ausbaldowern, wie man die WM-Gegner auf die Hörner nimmt. Und wenn sie nicht gerade trainieren, dürfen sich die Spieler bei Tischfußball oder Billard, auf dem Mountainbike oder im Naturpool zerstreuen.

Oder in der Sauna schwitzen. Das Fitnessteam des Andreus hat für die Event-Sauna, eine der größten im Alpenraum, eigens den "brasilianischen Aufguss" kreiert. Hohe Luftfeuchtigkeit und exotische Düfte sollen den Spielern ordentlich einheizen. "Damit sie sich an das tropische Klima in Brasilien gewöhnen können", erklärt Saunameisterin Tanja Ennemoser.

Das Passeiertal erwartet einen Touristenschub

"Das Trainingslager ist ein Sechser im Lotto", schwärmt Ulrich Königsrainer, Präsident des Tourismusvereins Passeiertal. Die Gäste im Tal kämen zu 70 Prozent aus Deutschland. Jetzt werde die Gegend einen weiteren Schub bekommen. Massentourismus fürchtet er nicht: "Bei uns stimmt die Mischung zwischen Tourismus, Handel, Handwerk und Landwirtschaft. Unser Alltagsleben ist authentisch geblieben, viele Junge bleiben im Tal. Wir Passeirer sind sehr heimatverbunden und bodenständig."

Für den Schnittl-Tonig ist das Aufsehen um die deutsche Nationalmannschaft eine ferne Welt. Er kommt am Martinerhof vorbei und ruft dem Wirt Florian Fontana ein "Griaß di!" zu. Fontana ist Chef des einzigen Brauhotels in ganz Italien. Von weit her kommen Durstige für seine Biere angereist: Märzen, Weizen, Bock- und Barfüßer-Bier. Das trägt seinen Namen, weil Fontana passionierter Barfußläufer ist. Mit Stollenschuhen hingegen hat er es nicht so sehr. Dafür um so mehr mit Trikots. Fontana besitzt die Hemden aller bisherigen Fußballweltmeister-Teams und wechselt täglich durch. Jahraus, jahrein. Jeden achten Tag ist Deutschland an der Reihe.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Stäffelesrutscher 23.05.2014
Zitat von sysopTourismusverein PasseiertalSeit die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihr Trainingscamp aufgeschlagen hat, ist es mit der Ruhe im Südtiroler Passeiertal vorbei. Die Einwohner nehmen den Rummel gelassen - auch weil sie eine eigene Vorstellung vom perfekten Grün haben. http://www.spiegel.de/reise/europa/passeiertal-in-suedtirol-wo-die-nationalelf-ihr-trainingslager-hat-a-971276.html
Und auf dem folgenden Foto ist dann die Wirtin der Nationalelf im Kleid zu sehen. Welch subtile Kommentierung seitens der SPON-Redaktion. im Übrigen scheinen manche Niederländer nicht erst am Jaufenpass, sondern schon aus oder am Drackensteiner Hang Todesangst zu bekommen ...
2. Elend
wennderbenzbremst... 24.05.2014
Noch größer wird das Elend dann am Fernpass. Aber im Moment geht es, da in Südtirol gerade absolute Nebensaison ist und die Bordsteine hochgeklappt sind. Da wird höchstens mal eine Busladung Rentner ausgespuckt, kein Vergleich zu den Stoßzeiten im Winter sowie um Ferragosto herum. Wer da nicht im Gastgewerbe arbeitet, nimmt sich am besten Urlaub und schaut, dass er weg kommt. Aber vom Marketing her ist das schon clever gedacht. Die halbe Millionen die da investiert wurden, sind schon lange wieder durch die ständige Berichterstattung reingespielt. Für die gleiche Medienpräsenz hätte man via Werbespots o.ä sicher ein vielfaches investieren müssen. Und die ganzen Presseleute müssen ja auch irgendwo schlafen und was zwischen die Zähne bekommen. Da reiben sich die lokalen Gastwirte die Hände. Aber ich gönne denen das von Herzen, so ein warmer Geldsegen in der Nebensaison wird dem einen oder anderen sicher ganz gelegen kommen.
3. Weltmeister wurden wir nur...
SysOpa 24.05.2014
...wenn vorher das Trainingslager in der Sportschule Kaiserau war... Tja, wird dann wohl wieder nichts ;-)
4. Kommentator 2 !!
littleella 25.05.2014
In Südtirol IST gerad Nebensaison???? Sind sie schon einmal über den Brenner oder den Reschenpassg gen Alto Adige gefahren? Sie kennen vielleicht die Wintersportsaison, aber sie kennen sicher nicht den Rest. Erst erleben und dort Leben und dann schreiben.
5. Jaufenpass?
zuerichente 25.05.2014
Ja, der Jaufenpass startet/endet im Passeiertal, aber der niederländische Fahrer sollte mal das Timmelsjoch von Österreich aus nehmen, wenn sein,Lieferwagen dafür überhaupt zugelassen ist. Das Timmelsjoch ist, neben dem Stilfser Joch (Meran-Bormio), eine der höchsten und geilsten Passstrassen, nix für Flachlandtiroler und Anfänger! Gute Brauhäuser gibt es mehrere in Südtirol: in Lana den Pfefferlechner und in den Pur-Geschäften in Meran und Brixen finden sich Biere lokaler Brauereien zu kaufen. Das weit verbreitete Forst-Bier ist ja auch nicht zu verachten!!!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH