Perfekter Tag in Venedig: Großes Kino am Kanal

Bald werden die roten Teppiche der Filmfestspiele von Venedig ausgerollt. Dabei bietet die Lagunenstadt das ganze Jahr über filmreife Eindrücke. Eine Reiseexpertin verrät, wie man den Touristenmassen entkommt - und wo sich Cineasten unterm Sternenhimmel treffen.

Venedig-Tipps: So entkommen Sie den Massen Fotos
REUTERS

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Birgit Weichmann lebte in den neunziger Jahren in Venedig und ist auch heute noch mehrmals im Jahr in der Lagunenstadt. Im SPIEGEL-ONLINE-Fragebogen verrät die Reiseführerautorin, wo Touristen dem Alltag der Venezianer auf die Schliche kommen.

Wo gibt es das beste Frühstück in Venedig, Frau Weichmann?

In der Pasticceria Tonolo im Stadtteil Dorsoduro. Hier frühstückt man außer einem Cappuccino und einem warmen Croissant auch eine große Portion Atmosphäre: Einheimische Stammgäste vergreifen sich an süßen Brioche und halten ein kurzes Schwätzchen am Tresen.

Wo erleben Touristen sonst noch den Alltag der Venezianer?

Jeder der sechs Stadtteile Venedigs hat Ecken, wo es sehr touristisch ist, und solche, in denen die Venezianer immer noch unter sich sind. In der Gegend um die Kirche San Pietro in Castello hinter der mittelalterlichen Schiffswerft, dem Arsenal, oder im Viertel um die Kirche San Nicolò dei Mendicoli im Stadtteil Dorsoduro. Hier spaziert man durch schmale Gassen unter aufgehängter Wäsche hindurch, stöbert in typischen Tante-Emma-Läden und lauscht den Einheimischen dabei, wie sie von Fenster zu Fenster ihre Neuigkeiten austauschen.

Eine schöne Aussicht…

…haben Touristen natürlich vom Campanile, dem Kirchturm der Markuskirche - doch die Schlangen davor sind meistens lang. Mein Tipp: Gehen Sie lieber auf die Kirche San Giorgio Maggiore auf der gegenüberliegenden Insel. Von dort erblickt man den Dogenpalast mal aus einer anderen Perspektive und bei gutem Wetter eröffnet sich einem auch das Alpenpanorama dahinter. Außerdem ist die Wartezeit viel kürzer und die Fahrt mit dem Aufzug ist billiger.

Ein leckeres Mittagessen speist man hier:

Der Venezianer isst mittags seine kleinen Häppchen, die cicchetti. An den Tresen der Bacari, wie die kleinen Weinbars heißen, hat man die Qual der Wahl: Fleischklößchen, Tintenfischsalat, Stockfisch oder frittierte Oliven - und natürlich die fondi di carciofi, gebratene Artischockenböden. Die besten Bacari sind El Sbarlefo (Salizzada del Pistor im Stadtteil Cannaregio), die traditionsreiche Osteria al Portego (zwischen Campo San Lio und Campo Santa Marina) oder All'Arco (Calle del'Ochialer, nahe des Rialtomarkts).

Und das beste Eis der Stadt?

Der Liebling aller Venezianer ist die Gelateria Nico an der Uferpromenade der Zattere im Stadtteil Dorsoduro. Seit über 80 Jahren gibt es dort hausgemachtes Gelato und einen Logenplatz an der Sonne auf einem Ponton im Giudecca-Kanal. Auch die winzige Boutique del Gelato (Salizzada San Lio im Stadtteil Castello) ist himmlisch.

Das gibt es nur in Venedig:

Schattentrinken. Eine ombra, ein Schatten, ist ein kleines Glas Wein, das sich die Venezianer tagsüber in einer Weinbar im Stehen gönnen. Der Begriff ombra für ein solches 0,1-Liter-Gläschen einfachen Weiß- oder Rotweins kommt angeblich vom Schatten, den die Weinhändler früher rund um den Kirchturm der Markusbasilika auf dem Markusplatz für ihren Weinverkauf suchten.

Venedig gilt als sehr teure Stadt. Gibt es dort auch etwas umsonst?

Ja, Musik. In den vielen Kirchen der Stadt treten häufig gute Chöre oder Orchester aus dem In- und Ausland auf. Ein solcher Konzertbesuch lässt sich nicht im Voraus planen, aber Infos dazu gibt es kurzfristig vor Ort an Plakatwänden oder per Anschlag an der Kirche.

Eine unvergessliche Nacht erlebt man…

…auf dem Markusplatz - auch wenn es kitschig klingt. Man lässt sich auf dem schummrig beleuchteten Platz von einem der drei Kaffeehaus-Orchester zum nächsten treiben, lauscht der Musik und wagt ein Tänzchen. Und zum Schluss hört man sich im etwas abgelegenen Gran Caffè Chioggia gegenüber des Dogenpalastes virtuosen Jazz an. Wer höher hinaus will, der sollte auf der Terrasse der Skyline-Bar des Hotels Molino Stucky an einem kühlen Cocktail nippen und die Silhouette Venedigs von der Giudecca-Insel aus genießen.

Wohin kann man fliehen, wenn es in den Gassen zu voll wird?

Auf zur Insel Lazzaretto Nuovo! Das Schiff Nummer 13 bringt Touristen auf das kleine Eiland, das zu Pestzeiten eine Quarantänestation und ein Krankenhaus beherbergte. Hier starten samstags und sonntags spannende Führungen. Anschließend kann man die Insel zu Fuß umrunden, den Blick in die Lagune genießen und die Tier- und Pflanzenvielfalt des Brackwassers erleben. Man gelangt allerdings nur nach Anmeldung zur Führung auf die ansonsten abgeriegelte Insel.

Und wer sich abkühlen will,…

…steigt auf ein Linienboot und lässt sich zum Lido kutschieren - dort warten ein Bad in der Adria oder ein langer Strandspaziergang. In der Nähe des Bootsanlegers kann man sich auch ein Fahrrad leihen und an der Meerseite den Lido entlang nach Westen zum Alberoni-Strand radeln. Fahrtwind, ein kühler Spritz unterwegs in einer Bar, zwischendrin schnell mal ins Meer hopsen - mehr Kontrast zum hektischen Centro Storico geht nicht.

Ein ausgefallenes Mitbringsel?

Franco Furlanetto schnitzt als einer der Letzten seiner Zunft die Forcole, die typischen Ruderdollen nach altem Vorbild - das sind die hölzernen Halterungen, in die die Gondolieri die Ruder stecken. Nachdem man ihm in seiner Werkstatt bei der Arbeit zugesehen hat, kann man sich eines seiner Werke mit nach Hause nehmen.

Diese Woche starten die Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Wo erleben Cineasten großes Kino?

Die Vorführungen der Filmfestspiele finden in Kinosälen statt. Die Alternative bei gutem Wetter ist das Freiluftkino auf dem Campo San Polo. Hier werden die Filme nach ihrer Festivalpremiere gezeigt. Der zweitgrößte Platz Venedigs lockt in lauen Sommernächten mit 1100 Sitzplätzen, tollen Streifen - und dem Sternenhimmel.

Welche ist Ihre liebste Kinoszene, die in der Lagunenstadt gedreht wurde?

Meine Lieblingsszene stammt aus einem Film des Regisseurs David Lean. In "Der Traum meines Lebens" (1955) reist Katharine Hepburn als alleinstehende Amerikanerin das erste Mal nach Venedig und verliebt sich in einen Antiquitätenhändler. Er hat sein Lädchen direkt an der Brücke am Campo San Barnaba im Stadtteil Dorsoduro. Genau an dieser Brücke fällt sie rückwärts in den Kanal, während sie mit einer wunderbar altmodischen Kamera filmt. Jedes Mal, wenn ich über die Brücke gehe, sehe ich die Szene vor mir und erinnere mich an die Romanze, für die Hepburn übrigens für einen Oscar nominiert wurde.

Die Fragen stellte Julia Stanek

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insgesamt 3 Beiträge
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1. optional
zephyros 27.08.2013
Venedig lebt längst von seinem eigenen Mythos. Tagtäglich rollen nicht endend wollende Busladungen mit Touris über die Stadt hinweg. Seitdem Venedig auch noch entschieden hat, als Anlegeplatz für gigantomanische Kreuzfahrtschiffe herzuhalten ists ganz vorbei. Alle Einheimischen mussten flüchten, weil die Mieten explodiert sind. Sie leben längst in Trabantenstädten vor den Toren Venedigs. Jetzt pendeln täglich tausende, weil sie Jobs im Tourismusbereich haben. Nachts ist Venedig eine ausgestorbene Geisterstadt.
2. Großes Kino
cinquecent 27.08.2013
Und damit die wenigen verbliebenen Venezianer auch an den wenigen noch nicht vom Touristenterror erfassten Orten nicht mehr ihre Ruhe haben, hat die Autorin uns aufgefordert, diese dort zu beenden!?
3. och...
Layer_8 27.08.2013
Zitat von cinquecentUnd damit die wenigen verbliebenen Venezianer auch an den wenigen noch nicht vom Touristenterror erfassten Orten nicht mehr ihre Ruhe haben, hat die Autorin uns aufgefordert, diese dort zu beenden!?
Die Venezianer leben doch ganz gut vom Tourismus, oder? *** Tasse Cappuccino ***
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  • Birgit Weichmann
    Birgit Weichmann, geboren 1963, schreibt seit mehr als zehn Jahren Bücher für den Reise-Know-How-Verlag. Was Touristen wollen, weiß die in Berlin lebende freie Journalistin aus ihrer Zeit als Stadtführerin in Regensburg.

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