Weinregion Piemont Revolutionär der Trauben

Der Barolo von Luciano Sandrone machte den Winzer über Nacht zum Star. Der Weg dahin war lang - und die Geschichte des Weinguts steht für die Entwicklung des Piemonts von Italiens Armenhaus zum Pilgerort der Weinwelt.

Von Rainer Schäfer

Azienda Agricola Sandrone Lucian

Mit dieser Aufgabe tut Luciano Sandrone sich schwer. Der 68-Jährige hat einige der prächtigsten Barolos erzeugt, er gilt als einer der besten Winzer Italiens und wird in vielen Ländern hofiert - aber mit einem einzigen Wort beschreiben, was den Barolo, den piemontesischen König der Weine, ausmacht? Unmöglich!

Sandrone blickt streng über den Rand seiner Brille und hebt zu einem Vortrag an. Er lässt Begriffe schwirren wie Tannine, Frucht, Struktur. Ein Wort verbindet all seine Sätze: Perfezione, Perfektion. Das soll seine Arbeit und den Charakter seiner Weine auszeichnen. Der Winzer freilich weiß, dass man sich dem perfekten Barolo nur annähern kann, Jahr für Jahr. Er will immer noch ein Quäntchen mehr an Qualität herauskitzeln.

Oberflächliche Gesten schenkt Sandrone sich bei dem Gespräch in der Azienda Agricola Sandrone am Rand des Städtchens Barolo. Dafür zeigt er eine große Ernsthaftigkeit, die auch sein Ringen um den guten Wein bestimmt.

Das letzte Wort hat Ehefrau Mariuccia

Schwächen sind nicht zugelassen in dem Lebensentwurf der Perfezione, Arbeit und noch einmal Arbeit, das ist die Keimzelle der Entwicklungsgeschichte seiner Weine. "Du musst auf deiner Haut spüren, dass du arbeitest, jeden Tag", sagt Sandrone, der sich mit seinem Bruder Luca um Keller und Weinberge kümmert.

Aber wie in jeder guten italienischen Familie hat im Streitfall eine Frau das letzte Wort: Mariuccia, Sandrones Ehefrau, die viel Herzlichkeit verströmt. Die Männer der Familie sind verschlossener und zurückhaltender. Vielleicht auch ein Schutzreflex, um das zu meistern, was über sie hereingebrochen ist, seit Sandrone 1990 sein Wein Cannubi Boschis glückte. Über Nacht wurde er damit zum bewunderten Star unter den Barolista. Dieser Wein war ein piemontesisches Manifest, ein Barolo wie Seide, fein und geschliffen, tief und geheimnisvoll.

Mit der Geschichte des Winzers lässt sich auch vorzüglich erzählen, wie das Piemont vom Armenhaus zu einem Mekka der Weinwelt heranwuchs. Als Sandrone sich in den sechziger Jahren für einen Beruf entscheiden musste, spielte Wein in der Region nur eine Nebenrolle. Das Piemont war kaum in der Lage, seine Bewohner zu ernähren, viele zogen weg, in die Städte.

"Alle wollten in Turin bei Fiat unterkommen, die Weinberge hatten sie vergessen", sagt Sandrone. Ihn zog es trotzdem zum Wein. Bei den Marchesi di Barolo etablierte er sich als Kellermeister. "Aber er hat etwas vermisst, er träumte von eigenen großen Weinen", sagt seine Tochter Barbara, die sich an die Erzählungen ihres Vaters erinnert.

Im engen Keller seines Hauses begann er, erste Weine zu keltern, zunächst für den Hausgebrauch. Er suchte nach einem Weg, wie die oft verschlossenen Baroli aus der Nebbiolo-Traube schneller ihren Charakter entfalten könnten - das war sein Antrieb.

Cannubi, Pilgerort des Weintourismus

Fast alle Weinbauern verkauften ihre Trauben damals an wenige Weinmacher. Sandrone aber sah sich nach eigenen Rebflächen um, als der Weinbau kurz vor dem Kollaps stand. Das Qualitäts- und Preisniveau der Weine aus Barolo war Anfang der siebziger Jahre auf einen Tiefstand abgesackt. Sandrone erwarb zu jener Zeit eine Parzelle in der Lage Cannubi Boschis mit kalkhaltigem Lehmboden.

Keiner konnte ahnen, dass Weine aus diesem Filetstück den piemontesischen Weinbau umkrempeln sollten. Heute ist es beinahe unmöglich, sich in diese Spitzenlage einzukaufen: Cannubi ist ein Pilgerort des internationalen Weintourismus geworden. Die Sandrones halten dort inzwischen drei Hektar Fläche.

Dass Sandrone schlecht geschlafen habe, wie er sagt, als aus dem Jahrgang 1978 seine ersten 1500 Flaschen Barolo zum Verkauf anstanden, kann man sich kaum noch vorstellen. Er befürchtete, auf den Weinen sitzenzubleiben. Erst als ihm ein US-amerikanischer Händler fast das gesamte Kontingent abnahm, schwanden die Zweifel. Aber erst nach dem Ausnahmejahrgang 1990 verließ er die Marchesi und entwickelte sich zu einer Persönlichkeit, die auch in dem inzwischen zwischen Modernisten und Traditionalisten ausgebrochenen Streit Haltung zeigte.

Sandrone zählt zu der Gruppe von Winzern, die das Erbe ihrer Väter auf den Kopf stellten. Nicht wenige halten ihn für einen Revolutionär. "Unfug", sagt er selbst und bezeichnet sich als "modernen Traditionalisten". Mit Winzern wie Elio Altare führte er die neue Schule des Barolo an. Sie zielte darauf ab, charmantere Weine zu erzeugen als die ruppigen Baroli, die sich wenn überhaupt erst nach 20 Jahren öffneten.

Krieg der Stile

Die Erträge im Weinberg begrenzte er radikal, und er verkürzte die Maischezeiten extrem, um das Auslösen der beim Nebbiolo oft harten und bitteren Gerbstoffe zu verhindern. Der Ausbau der Weine sollte nicht mehr in alten, schlecht gepflegten Holzfudern erfolgen. Dafür wurden auch Barriques aus dem Ausland eingeführt. Ein Affront für die Traditionalisten und sehr unitalienisch - die Ursache, warum ganze Familien sich entzweiten. Väter enterbten ihre Söhne, weil die sich für das kleine Eichenfass entschieden hatten.

Inzwischen ist der Krieg der Stile ausgefochten. Er hat zu der Erkenntnis geführt, dass mehrere Wege zu einem guten Barolo führen können. "Wir dürfen nicht unsere Wurzeln vergessen. Aber es ist dumm, auf moderne Technik zu verzichten", sagt Sandrone. Was ihn von den extremen Modernisten unterscheidet, ist seine Verweigerung der Barriques.

Er verwendet überwiegend gebrauchte 500-Liter-Tonneaux aus französischer Eiche. "Behälter, die den Wein nicht formen." Sie würden helfen, den Barolo zugänglicher zu machen, ohne seinen Lagencharakter zu entstellen. Barrique, das ist für Sandrone Burgund. "Barolo muss piemontesisch sprechen", sagt er. "Unser Wein muss die Umgebung ausdrücken. Du musst ihn probieren und sofort wissen, wo du bist."

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
a__f__d 16.10.2014
1. und unter diesem Lable des Piemont wird auch der letzte
Mist noch als Qualität verramscht. Damit ist keine Kritik an dem hier Porträtierten verbunden.
kernbohrer 16.10.2014
2. Ja, leider, a_f_d...
... so isses. Andererseits schmeckt ein Nebbiolowein ohnehin nur den Weingenießern, die sehr viel Erfahrung mitbringen. Ist nichts für Anfänger. Sandrone ist grandios, aber es gibt auch noch viele unbekannte Winzer, die für faires Geld tollen Stoff bieten.
emporda 16.10.2014
3. Kein Risiko
Ich lebe in einer Weingegend mit Nordspannien und Südfrankreich am Mittelmeer. Warum sollte ich Glykolweine trinken, mit Getriebeöl gepanschtes Olivenöl probieren oder ein Auto kaufen, bei dem nach 1 Jahr die Blinker rausrosten Made in Italia ist kein Risiko wert, so schön ihr Journalist auch schreibt
spon-facebook-10000072510 16.10.2014
4. emporda
Ist das alles was Sie zu sagen haben? Wenn ja, lassen Sie es lieber, es ist ein klares Armutszeugnis!
stefan.albrecht@virgilio. 16.10.2014
5. Seltsame Ansicht
Wie kommt der Autor darauf, dass der Piemont ein "Armenhaus" gewesen sein soll? Turin war Hauptstadt, die reichsten Leute Italiens wohnen dort, es gibt enorm viel Industrie. Manchmal wundere ich mich echt über Artikel.
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