Pilgern von Wien nach Marrakesch "Beten mit den Füßen"

Ernst Merkinger sieht sich als "Pilger 2.0": Der 26-Jährige wandert von Wien nach Marrakesch und bloggt darüber. Hier erzählt er, wie er seine Reise finanziert und warum er bei einem kilometerlangen Umweg cool bleibt.

Ernst Merkinger

Ein Interview von


Zur Person
  • Ernst Merkinger
    Ernst Merkinger, 26, wuchs in der niederösterreichischen Gemeinde Weistrach (Bezirk Amstetten) auf. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung als medizinischer Masseur, studierte zwei Semester Psychologie, Philosophie und Sportwissenschaften und zog nach Wien. Merkinger arbeitete als Assistent für verschiedene Theater, einen Wiener Fotografen und bei Servus TV.
  • Sein Blog
  • Sein Instagram-Account

SPIEGEL ONLINE: Sie sind im Juni zu Fuß in Wien gestartet. Vor einer Woche hatten Sie das Kap Finisterre im Nordwesten Spaniens erreicht - jetzt haben Sie Ihr Ziel Marrakesch fast erreicht. Was reizt Sie am Pilgern?

Merkinger: Das Pilgern ist eine sehr einfache Form des Lebens. Sie lässt einen erkennen, was wirklich zählt, was man benötigt und mit welchem Luxus man in der Heimat umgeben ist. Auch inspirieren mich die Menschen, denen ich unterwegs begegne, und die Gespräche, die sich dabei ergeben.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt der Glauben bei Ihrer Reise?

Merkinger: Ich komme aus einem christlichen, weltoffenen Elternhaus und bin als Kind jeden Sonntag in den Gottesdienst gegangen. Später bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil ich mich nicht mit der Institution identifizieren kann. Das Pilgern ist für mich aber ein "Beten mit den Füßen", ein religiöser Akt. Ich fühle mich dadurch mit der Welt verbunden, lebendig.

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Von Wien nach Marrakesch: Vier Monate auf Pilgerpfaden

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie sich auf die Wanderung vorbereitet?

Merkinger: Yoga und Meditation waren ein Teil. Ich wusste von der letzten Reise, dass nicht zwingend die physische Ausdauer, sondern vielmehr die mentale eine Rolle spielt. Den Vertrag für mein WG-Zimmer in Wien habe ich gekündigt, meine vier Kisten und ein Schlafsofa stehen in der Garage meines Vermieters. Weil ich seit vielen Jahren ein eher bescheidenes Leben führe, war das keine große Sache.

SPIEGEL ONLINE: 2016 sind Sie bereits von Pamplona ans Kap Finisterre gelaufen. Jetzt wollen Sie bis nach Marrakesch. Warum ausgerechnet dorthin?

Merkinger: Im vergangenen Jahr bin ich auch nach Marokko gereist und habe mich in das Land verliebt. Das Kap aber habe ich von Anfang an als mein europäisches Endziel angesehen. Der Weg von Wien bis nach Jean Pied de Port war ein Aufarbeiten und Loslassen meiner Vergangenheit. Jeder Schritt war ein Schritt zu mir selbst. Der Weg von Casablanca bis Marrakesch wird der Weg der Inspiration sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Zeit haben Sie insgesamt eingeplant?

Merkinger: Vier bis fünf Monate hatte ich geplant. Meinen Zeitplan habe ich bisher eingehalten - annähernd. Krankheitsbedingt musste ich ein paar Pausentage einlegen, und ich wollte Zeit mit meinem Patenkind in Innsbruck verbringen. Außerdem habe ich immer wieder liebenswerte Menschen entlang des Weges getroffen, mit denen ich mich länger unterhalten wollte.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Reise finanzieren Sie größtenteils über Crowdfunding. Warum?

Merkinger: Ich habe zwar ein Back-up in Form von Erspartem. Das hätte mir auch die Möglichkeit gegeben, zu überleben, aber ich wollte mehr: leben. Und das bedeutet für mich auch, frei entscheiden zu können, ob ich heute faste oder ob ich mir "Luxus" wie ein Einzelzimmer gönne. So kam ich auf die Idee meiner Crowdfunding-Kampagne. Vor meiner Reise war ich ein paar Monate arbeitslos. Am Anfang hat sich das Arbeitslosengeld noch wie ein bedingungsloses Grundeinkommen angefühlt, aber dann wurde ich immer unzufriedener - weil ich quasi fürs Nichtstun bezahlt wurde. Jetzt werde ich bei meinem Tun von wildfremden Menschen unterstützt, weil sie sich für mich, für meine Reise interessieren. Die Phase der Arbeitslosigkeit hat mich beim Pilgern immer demütig zurückblicken lassen. Ich bin froh, dass ich das inzwischen hinter mir habe.

SPIEGEL ONLINE: Schlechtes Wetter, schnarchende Zimmergenossen - eine Pilgerreise hat auch ihre Schattenseite. Wie gehen Sie damit um?

Merkinger: In vier Monaten hatte ich vielleicht vier Regentage - dafür bin ich sehr dankbar. Mit der Zeit bin ich so tiefenentspannt geworden, dass ich unangenehme Situationen einfach so hinnehme, wie sie sind. Wenn der Schuh drückt, wird er eben gestretcht oder ein neuer gekauft. Regnet es, ziehe ich einen Regenmantel an. Wenn jemand schnarcht, dann lasse ich ihn weiterschnarchen und konzentriere mich nicht auf sein Schnarchen, sondern versuche, lauter zu schnarchen - oder stecke mir Ohropax in die Ohren.

SPIEGEL ONLINE: Die Strecke von Saint Jean Pied nach Roncesvalles bezeichnen Sie auf Ihrem Blog als absolutes "Lowlight". Warum?

Merkinger: Als Migränepatient weiß ich eigentlich, mit Schmerzen umzugehen. An diesem Tag aber taten meine Füße nonstop weh - 40 Kilometer lang. Dazu kam, dass mein Handy-Akku leer war, ich somit kein GPS mehr hatte und einen 16 Kilometer langen Umweg gemacht habe.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie es geschafft, durchzuhalten?

Merkinger: Ich gehe immer wieder an meine Grenzen und kann mich gut quälen. Ich habe mir immer wieder Mut zugesprochen und mir eingeredet, dass es eh nicht mehr weit ist. Nach 2000 Kilometern war es aber allerhöchste Zeit, dass ich mal ein bisschen ausgebremst wurde - sonst wäre die Reise zu einfach gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind quer durch Österreich, die Schweiz, Frankreich und nach Nordspanien dem Wanderzeichen der Jakobsmuschel gefolgt. Welcher Teil der Strecke hat Ihnen bisher am besten gefallen?

Merkinger: Die gesamte Tour durch die Schweiz - weil ich von See zu See gepilgert bin, permanent von den Bergen umgeben war und Menschen getroffen habe, die man schon wegen ihres Dialekts liebhaben muss. Einzig die Kuhglocken auf den Almen können einen schon narrisch machen.

SPIEGEL ONLINE: Was raten Sie Menschen, die selbst gerne eine Pilgerreise machen wollen?

Merkinger: Sich nicht im Konjunktiv zu üben, sondern das Flugticket gleich heute noch zu buchen. Die erste Nacht auf dem Jakobsweg verbringt man am besten in der Navarrenx, in der Herberge des berühmten Alchemisten.

Ernst Merkinger befand sich am Donnerstag kurz vor Marrakesch.

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CoraU 20.10.2017
1. Wunderbar!
"Der Weg von Wien bis nach Jean Pied de Port war ein Aufarbeiten und Loslassen meiner Vergangenheit. Jeder Schritt war ein Schritt zu mir selbst. Der Weg von Casablanca bis Marrakesch wird der Weg der Inspiration sein." Das ist Persönlichkeitsbildung pur. Möge eine Invitation dieser oder anderer Art nur noch ganz viel mehr jungen Menschen einfallen. Und älteren, wenn sie es früher vergessen haben. Ich habe großes Vertrauen in Menschen, die solche Wege gehen und würde sie um ein Vielfaches lieber einstellen, als solche mit "geraden" Biographien! Es wäre sehr schön, in 1-2 Jahren zu lesen, wie das hinterher aussah, denn damit wird´s erst richtig rund.
altais 20.10.2017
2.
Leider beeindruckt mich das gar nicht, eine Pilgerwanderung, auf der man sich Flüge und Hotelzimmer crowdfunden lässt.
emobil 20.10.2017
3. ich habe noch nie verstanden...
... was der grundsätzliche Unterschied zwischen einer ausgedehnten Bergwanderung, bei der man die schöne Natur genießt und einer Pilgerwanderung ist. Ist nicht alles Wandern (ohne Geschwätz) eigentlich "Pilgern"?
bernie_witzbold 20.10.2017
4. Pilgern
Ich lese diesen Artikel und die Beiträge im Forum dazu in Rom, einer Station auf meinem Weg durch Italien. Ich bin zu Fuß hierher gekommen, 1300 Kilometer aus der schönen Pfalz und davon circa die letzten 300 auf der Via Francigena, einem alten Pilgerweg. Als Pilger allerdings habe ich mich nie gefühlt, schon deshalb nicht, weil ich keiner der Religionen angehöre, in deren Namen das Pilgern normalerweise geschieht. Die echten Pilger, die ich unterwegs getroffen habe, die meisten von ihnen sehr sympathische Menschen und nur die wenigsten ein bisschen bigott, sind sich der spirituellen Bedeutung ihrer Unternehmumg jederzeit bewusst, besuchen Messen und holen sich Stempel für Ihr Pilgerbuch unterwegs. Ich dagegen will nach 30 Jahren am Schreibtisch nur ein bisschen Bewegumg haben, Körpergewicht und Blutdruck senken, den Kopf frei bekommen und mich geistig und moralisch auf den Ruhestand vorbereiten. Spiritualität AMDG ist meine Sache nicht - aber die gehört m. E. zum Pilgern zwingend dazu. Deshalb sind Wanderungen, egal wie lange, auch nicht automatisch mit Pilgerreisen gleichzusetzen.
Newspeak 20.10.2017
5. ...
Ich finde Vieles in diesem Interview sehr widerspruechlich. Zum einen verstehe ich schon nicht, warum so viele Menschen, die Dinge, die sie fuer sich als gut erkannt haben, immer gleich anderen mitteilen muessen? Ok, hier verstehe ich es, weil die Reise durch crowdfunding finanziert wird, und die crowd sicher wissen will, was mit dem Geld passiert. Dann folgt aber das naechste Unverstaendnis. Warum crowdfunding? Ich meine, ok, das ist schoen praktisch. Ich wuerde mir meinen Urlaub auch gerne von der crowd bezahlen lassen. Aber insofern wirkt das Pilgermotiv gleich schon wieder aufgesetzt, als Selbstdarstellung, als Aufmerksamkeitsgarant. Denn ohne diese Aufmerksamkeit, kein Geld. Das widerspricht aber im Kern allem, wofuer Pilgern steht. Pilgern sollte Demut lehren. Sich selbst nicht fuer den Nabel der Welt halten. Andere Menschen nicht ausnutzen (wie: crowdfunden obwohl man selbst Geld hat, wie: seinen Kram bei anderen Leuten unterstellen, fuer lau...ok, ok, ich mache das zweite momentan selber, aber ich bin auch nicht auf Pilgertour). Und dann diese Aussagen zwischendurch...da hat man doch tatsaechlich kein GPS unterwegs. Wow. War Pilgern nicht sowas wie Askese? Verzicht auf Weltliches? Auch mal auf sein Smartphone? Sicher sind solche Sachen verhandelbar, man kann schon Prioritaeten setzen, ein Smartphone ist ja auch fuer Notfaelle in der Einsamkeit eine gute Rueckversicherung, aber das macht diese Form des Pilgerns ein bisschen so wie die Mount Everest Besteigung mit Hubschrauberflug ins Basislager. Immer noch eine eigene Leistung, ohne Frage, aber auch ein bisschen getrickst. Man will sich halt doch nicht wirklich den existentiellen Risiken aussetzen, die so eine Tour ansonsten mit sich bringen koennte. Immer schoen auf Nummer sicher gehen. Schon, indem man sich einen Pilgerweg aussucht, gut beschildert und mit Herbergen ueberall und einer richtigen "Pilgerinfrastruktur". Warum nicht einfach mal so in die Wildnis gehen, die wirklich Unerschlossene, und dann schauen, dass man klarkommt. Ein Freund von mir macht solche Dinge, und die Aufgaben, denen man sich dabei stellen muss, sind seiner Aussage nach sehr einfach und immens herausfordernd gleichzeitig. Z.B. "sich warm halten", "trocken bleiben", "nachts allein in der Wildnis bzw. tagelang ohne menschlichen Kontakt nicht durchdrehen".
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