Unesco-Welterbe Plitvicer Seen Kroatiens fragiler Naturschatz

Türkisblaue Wasserfälle, kristallklare Kaskaden: Im Sommer schieben sich Tausende Urlauber über die Holzstege der Plitvicer Seen in Kroatien. Die Abenteuer des Naturparks liegen allerdings dahinter - hier sind Wanderer fast allein.

Archiv Nationalpark Plitvicer Seen / TMN

Titos Villa steht weder im Reiseführer noch auf der Landkarte. Man fährt durch den Wald, plötzlich öffnet sich der Blättertunnel, und mitten im Nirgendwo steht eine Burg. Früher war hier jedes Zimmer mit anderem Holz möbliert. Doch als der Bürgerkrieg endete, rissen Plünderer die edlen Stoffe und Hölzer von den Wänden.

Heute ist die Villa des jugoslawischen Staatschefs fast vergessen - so wie viele Orte rings um die weltberühmten Plitvicer Seen in Kroatien.

Die Perlenkette aus türkisenen Seen und Kaskaden steht auf der Liste der spektakulärsten Naturwunder der Welt. Die Unesco ernannte die Wasserfälle 1979 zu einer der ersten Weltnaturerbe-Stätten. Seitdem strömen Touristen herbei. Mehr als 1,3 Millionen zählte die Parkverwaltung im Jahr 2016. Das Erstaunliche: Im Großteil des Nationalparks merkt man davon nichts.

"Mehr als 90 Prozent unserer Besucher haben keine Ahnung, was Natur und Wandern bedeuten", sagt Helena Petrovic. Die 58-Jährige führt seit Jahrzehnten Touristen durch den Nationalpark. Fast alle Gäste sind Tagesausflügler, die in ein paar Stunden die Höhepunkte sehen wollen.

"Wenn man die Natur sehen will, ist der Sommer Quatsch"

An manchen Augusttagen schieben sich mehr als 13.000 Menschen über die Plankenwege zwischen Seen und Wasserfällen. Für ein Foto stehen bleiben - das ist dann eine schlechte Idee. "Wenn man die Natur sehen will, ist der Sommer Quatsch", sagt Petrovic. "Man sieht, riecht und hört überall nur Menschen."

Dabei ist es so leicht, den Massen zu entkommen. Nur wenige Wanderer gehen auf den Wegen hoch über den Seen durch den Wald. Die weiteste Tour führt zum Corkova Uvala, einem Urwald, der seit 300 Jahren nicht von Menschen angerührt wurde. Nur Wissenschaftler dürfen ihn betreten. Wanderer führt der Weg an seinem Saum entlang.

Zwischen Buchen und Tannen wachsen dort seltene Pflanzen. Mit ein wenig Glück sieht man sogar wilde Tiere: Geschätzt 20 Braunbären und drei Wolfsrudel streifen durch den Wald.

Für die meisten Gäste ist das zu viel Abenteuer. Ihnen ist es aufregend genug, auf Holzstegen über gurgelnde Kaskaden zu spazieren. Sie stehen morgens an der Fähre an, die sie über den Kozjak-See bringt, im Sommer manchmal anderthalb Stunden. Dann folgen sie dem Rundweg um die Seen. Überall plätschert und sprudelt das Wasser, niedrige Staumauern grenzen Pools ab. Die Natur hat sie aus dem gleichen Stoff gebaut wie die majestätischen Wasserfälle dahinter: Travertin.

Tourismus begrenzen? Schwierig, denn der Nationalpark ernährt 1200 Menschen

Der Prozess, in dem sich der Kalkstein bildet, ist fragil. Und deshalb, sagt Petrovic, dürfe man seit 1991 nicht mehr in den Seen baden. Denn Schweiß und Sonnencreme würden das Wasser verschmutzen und so die Moose, Gräser und Bakterien schädigen, die für die Bildung des Travertins entscheidend sind.

Am Okrugljak-See sieht man, dass die Besuchermassen dem Naturwunder auch schaden, wenn sie sich nicht ins Wasser stürzen. Ein drei Meter hoher Fels ragt aus dem See, er ist vor einigen Jahren vom Ufer abgebrochen. Vielleicht auch wegen der Erschütterungen von Millionen Füßen. Travertin ist sehr porös.

"Ich denke, dass man die Zahl der Besucher begrenzen muss", sagt Petrovic. Man denke schon lange über eine Obergrenze nach. Doch es sind eben die großen Reisegruppen im Sommer, die auch das große Geld bringen. Und die Lika, eine fast menschenleere und arme Region Kroatiens, braucht dieses Geld: "Der Nationalpark ernährt 1200 Menschen. Ohne ihn müssten wir wegziehen."

Südkoreaner verhelfen kleinem Dorf zu Aufschwung

Die Lika war immer schon arm, aber der Krieg hat auf der kargen Karstebene alles schlimmer gemacht. Wer die Hauptstraße von Zagreb zum Meer verlässt, fährt noch heute über Schlaglochpisten zwischen ausgebrannten Häusern. "Das einzig Gute am Krieg ist, dass wir jetzt viel Natur haben", sagt Mario Mihajlik, der Rafting und Kanutouren auf der Dobra und der Mreznica anbietet. Da es weder Industrie noch Landwirtschaft im großen Stil gebe, würden auch keine Abwässer in die Flüsse geleitet.

Trotzdem kommen nicht viele Urlauber hierher. "Die Leute in den Dörfern haben nichts vom Tourismus, sie bleiben arm", sagt Mihajlik. Kroatien ist weiter ein Badeland am Meer, Aktivurlaub hat sich noch nicht etabliert.

In der ärmlichen Gegend gibt es eine Ausnahme: Rastoke. Der historische Kern des Städtchens Slunj hat in den vergangenen Jahren einen kleinen Boom erlebt. Der Grund für den Andrang ist eine Reihe von Wasserfällen mit so poetischen Namen wie "Feenhaar". Auch sie sind aus Travertin. Im 17. Jahrhundert hat man Mühlen über die Fälle gebaut und zwischen ihnen hölzerne Brücken. Jetzt sieht das Ganze aus wie ein Filmset.

Heute verdienen einige Familien in Rastoke wieder gut mit Kunden, die vor allem aus Fernost kommen. Seit vor ein paar Jahren ein berühmter Moderator hier eine Dokumentation drehte, ist der Ort in Südkorea berühmt. Reisegruppen müssen nun sogar Eintritt bezahlen.

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