Polen Padua des Ostens

Tief im Südosten Polens liegt die Renaissancestadt Zamosc: Im 16. Jahrhundert von einem Italiener erbaut, war sie Treffpunkt von Händlern aus Polen, Armenien, Deutschland, sogar Schottland. Nicht mehr lange, dann wird die Region die östliche Außengrenze der EU bilden.


Zamosc: Die Altstadt steht auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco
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Zamosc: Die Altstadt steht auf der Weltkulturerbe-Liste der Unesco

Zamosc/Przemysl - Wenn der Trompeter auf dem Turm des Rathauses von Zamosc sein traditionelles Signal, den Hejnal, anstimmt, dann dringt der Schall in drei Himmelsrichtungen. Ausgespart wird der Westen. Denn dort liegt die alte Königsstadt Krakau, das heutige Krakow, die große und traditionell ungeliebte Konkurrenz. Die bis heute zelebrierte Abneigung besteht seit den Anfängen der südostpolnischen Kleinstadt, einst ein wichtiges Handelszentrum, heute abgelegene Provinzschönheit.

Der polnische Großkanzler Jan Zamoyski wollte im 16. Jahrhundert seinen Ruhm mit einer Stadt mehren, deren Pracht sogar die Schönheit Krakaus übertreffen sollte. Nach seinem Studium in Padua lud er deshalb den Baumeister Bernardo Morando nach Polen ein, um eine Stadt als Festung, Kultur- und Handelszentrum zu bauen.

Heute gilt Zamosc als das Padua des Ostens. Deutlich geprägt von den Einflüssen des italienischen Architekten ist sie eine der schönsten Renaissance-Städte Polens. Die kleine, überschaubare Altstadt, die den Zweiten Weltkrieg und die deutsche Besatzung ohne größere Schäden überstanden hat, steht auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.

Synagoge von Zamosc: Die jüdische Bevölkerung wurde von den Nationalsozialisten in der "Sonderaktion Zamosc" umgebracht
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Synagoge von Zamosc: Die jüdische Bevölkerung wurde von den Nationalsozialisten in der "Sonderaktion Zamosc" umgebracht

Zamosc ist eine Stadt, die sich am besten zu Fuß erkunden lässt. Mittelpunkt ist der 400 mal 600 Meter große Marktplatz, der von dem Rathaus mit seiner geschwungenen Freitreppe dominiert wird, gesäumt von den Bürgerhäusern mit ihren bunten und reich verzierten Fassaden.

Besonders prachtvoll sind die Häuser des alten Armenierviertels - hier lebten die reichsten Kaufleute von Zamosc in einer Stadt, in der Handel und Wandel mehr galten als ethnische Herkunft. Außer den einheimischen Polen, den armenischen Kaufleuten und den italienischen Baumeistern prägten vor allem Juden, aber auch Griechen, Schotten und Deutsche das multikulturelle Stadtbild.

Das alte Judenviertel von Zamosc existiert noch. Doch seine Bewohner, die vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellten, fielen der berüchtigten "Sonderaktion Zamosc" zum Opfer, als Zamosc von den Nationalsozialisten in "Himmlerstadt" umbenannt wurde. Die Synagoge, die noch den einstigen Wohlstand der Gemeinde ahnen lässt, ist heute eine Bibliothek.

Armenierviertel: Einst das Zuhause der reichsten Kaufleute von Zamosc
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Armenierviertel: Einst das Zuhause der reichsten Kaufleute von Zamosc

Überlaufen ist Zamosc nicht - dazu liegt es zu weit abseits der üblichen Städtereisen durch Polen oder der gerade bei deutschen Urlaubern beliebten masurischen Seen und der niederschlesischen Schlösserlandschaft.

Wer von Lublin, der nächstgelegenen Großstadt, in Richtung Zamosc fährt, passiert zwischen hügeligen Feldern und Wäldern verschlafene Dörfer mit bunten Bauerngärten und so manchem Storchennest auf Scheunendächern und Telefonmasten.

Die Universitätsstadt Lublin selbst strahlt etwas von dem leicht maroden Charme und gemächlichen Lebenstempo aus, der noch vor wenigen Jahren auch Krakau geprägt hat. In Lublin zeigt nicht nur die auf den Freiluftmärkten handelnden Bauersfrauen mit buntgeblümten Kopftüchern, dass die polnische Ostgrenze nicht weit ist. So mancher Ukrainer oder Weißrusse mischt sich unter die Händler aus Lublin, auf der Suche nach Schwarzarbeit oder einem Abnehmer für geschmuggelte Zigaretten aus dem Nachbarland.

In jüngster Zeit hat auch Lublin seine multikulturelle Vergangenheit wiederentdeckt. Ein Rundweg durch die Altstadt führt an Baudenkmälern und Straßen vorbei, die eng mit der polnischen, jüdischen und ukrainischen Geschichte verbunden sind. An den schlimmsten Teil der Geschichte Lublins erinnert die Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen deutschen Vernichtungslagers Majdanek, in dem 360 000 Menschen ermordet wurden.

Ein Hauch vom alten Galizien mit seinen untergegangenen Stetln ist auch auf dem Weg in die Grenzstadt Przemysl noch spürbar. Wenige Kilometer östlich, jenseits des Flusses San, beginnt die Ukraine, der moderne Grenzübergang wird regelmäßig von Innenministern der EU-Staaten besucht - in eineinhalb Jahren soll hier schließlich die Außengrenze der EU verlaufen.

Ausläufer der Bieszczady-Berge: Tief im wilden Osten Polens
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Ausläufer der Bieszczady-Berge: Tief im wilden Osten Polens

Im Süden beginnen die ersten Ausläufer der Bieszczady-Berge, einer der wildesten und einsamsten Regionen Polens. Die vielfach wieder unberührte Natur, in der Wölfe und Bären heimisch sind, ist die Folge eines blutigen Bürgerkriegs zwischen Polen und Ukrainern in den Folgejahren des Zweiten Weltkriegs. Zehntausende der Ukrainisch sprechenden Lemken wurden damals zwangsweise aus ihren Dörfern ausgesiedelt.

Hölzerne Kirchen mit orthodoxen Kreuzen und alte Friedhöfe sind noch heute Zeugen dieser Vergangenheit. Heute sind die meisten Besucher Wanderer und Naturfreunde, die es in die dichten Wälder und auf die mit hohem Gras bewachsenen kargen Kuppen des Mittelgebirges zieht, das erst allmählich seinen Ruf als Geheimtipp verliert.

Von Eva Krafczyk, gms



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