Polen: Wolfsgeheul und Discobeats

Den letzten Urwald Europas, Wölfe in freier Wildbahn und Wellness für wenig Geld: Polen hat noch viele Seiten, die Urlauber bisher kaum entdeckt haben. Dazu gehört auch das Warschauer Nachtleben - das dem in Berlin kaum nachsteht.

Polen jenseits der Touristenpfade: Wasser, Wisente, Weltkulturerbe Fotos
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Berlin - Jedes Jahr reisen 4,5 Millionen Deutsche nach Polen. Sie machen Urlaub an der Ostseeküste und in Masuren, gehen Skifahren im Riesengebirge oder unternehmen Städtetrips nach Warschau, Breslau und Krakau. Ihre Ziele sind fast immer dieselben - zu Unrecht, wie die Polen finden.

Zu den wirklich unerschlossenen Regionen zählt Polens Osten. "Alles, was hinter Warschau liegt, ist kaum bekannt", sagt Magdalena Korzeniowska, Sprecherin des polnischen Fremdenverkehrsamtes. Dabei gebe es dort viel zu sehen. "Lublin zum Beispiel ist noch unentdeckt", sagt sie. Die Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg als "jüdisches Oxford" galt, hatte die größte jüdische Gemeinde des Landes und war berühmt für ihre gelehrten Rabbiner.

Schon in der frühen Neuzeit war sie ein multikultureller Handelsplatz. Und auch heute noch ist die ostpolnische Metropole eine Reise wert. Lubelskie heißt die Region um sie herum, die zugleich eine der 16 Provinzen Polens ist, der sogenannten Woiwodschaften. Hier liegt zum Beispiel die Stadt Zamosc, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört.

Ein Stück weiter südlich und noch näher an der Grenze zur Ukraine beginnen die Vorkarpaten in der Woiwodschaft Podkarpackie. In den Wäldern ist die Chance, auf Luchse, Wölfe oder Bären zu treffen, genauso gut wie die für eine Begegnung mit deutschen Urlaubern. "Podkarpackie ist allerdings auch nicht einfach zu erreichen", räumt Magdalena Korzeniowska ein. "Man muss nach Warschau oder Rzeszów fliegen und von da aus weiterfahren." Das kann zwar dauern, aber lohnt sich: Rzeszów, die Hauptstadt der Woiwodschaft, gilt mit seinem barocken Palais der Adelsfamilie Lubomirski, seinen Cafés rund um den Marktplatz, seinen Kirchen und den zwei Synagogen als echter Geheimtipp unter den polnischen Großstädten.

Wisente und Wölfe in freier Wildbahn

Auch von der Region Podlaskie haben viele Deutsche noch nicht gehört. Sie liegt im Nordosten des Landes, direkt an der Grenze zu Weißrussland. "Wir sind zusammen mit Masuren die grüne Lunge Polens", sagt Bozena Pogorzelska vom Marschallamt der Woiwodschaft. "Es gibt bei uns viele Seen, viel Grün, viel Natur." Podlaskie gilt als Paradies für Ornithologen: Rund 300 Vogelarten brüten dort im Frühjahr. Es gibt gleich vier Nationalparks - darunter den "letzten Urwald Europas", ebenfalls Unesco-Weltnaturerbe. Dort leben noch rund 470 Wisente in freier Wildbahn, außerdem Elche und Wölfe.

Die Provinz Swietokrzyskie (deutsch: Heiligkreuzberge) ist für die meisten Urlauber ebenfalls noch zu entdecken: Sie liegt nördlich von Krakau, hat einen Nationalpark zu bieten und Städte wie Samomierz, wegen der vielen Obstplantagen als "Garten Polens" bekannt. Kielce ist nicht nur die Hauptstadt der Woiwodschaft und Bischofssitz, sondern auch ein Ort mit langer Geschichte: In der Nähe der Stadt liegt die "Paradieshöhle", in der schon in der Steinzeit Menschen lebten.

Polen hat aber auch ganz andere Seiten, ziemlich schicke: In den Hotels an der Ostseeküste kriegt man Wellness für weniger Geld als in Deutschland; die Stadt Zopot hat ein Sheraton, Danzig ein Hilton. "Polen ist auch ein Ziel für Luxusurlaub", sagt Magdalena Korzeniowska.

Und Jan Wawrzyniak wird nicht müde zu betonen, dass selbst die bekannten Orte Polens von vielen Deutschen unterschätzt werden: Das Warschauer Nachtleben zum Beispiel habe längst den Anschluss an die internationale Szene gefunden. Jugendliche, die in die polnische Hauptstadt kommen, interessieren sich oft weniger für die Kulturdenkmäler als für die Clubs. Konzerte besuchen, die Nacht durchtanzen, sich von DJs ordentlich eins auf die Ohren geben zu lassen - das Angebot sei inzwischen schon ausgesprochen üppig. Wer die Läden im Berliner Szenebezirk Friedrichshain mittlerweile zu mainstreamig findet, hat in Warschau also eine Alternative, die nicht einmal weit weg ist.

Von Andreas Heimann, dpa

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1. Polen ist eine Reise wert
bunterepublik 14.03.2011
Da kann ich nur zustimmen; Polen ist eine Reise wert. Schade ist, dass unser Nachbarland immer noch mit dem Stereotyp "Russenmafia", also Autodiebstahl und andere Kriminalität in Verbindung gebracht wird. Dies geschieht vollkommen zu Unrecht. Polen hat, wie übrigens auch Tschechien und die Slowakische Republik eine herrliche Landschaft, gastfreundliche Menschen und herrliches Essen zu bieten..
2. Polen,cz,sk
steffets 14.03.2011
Zitat von bunterepublikPolen hat, wie übrigens auch Tschechien und die Slowakische Republik eine herrliche Landschaft, gastfreundliche Menschen und herrliches Essen zu bieten..
Tschechien und die Slowakei sind gerade was Landschaft angeht wesentlich kompakter, d.h. man bekommt mehr auf kleinerer Fläche. Polen ist groß und größtenteils platt, und die touristisch wirklich interessanten Landschaftsflecken sing wenige, diese sind in Sommer (Ostsee) wie Winter (Zakopane) von Inlandstouristen hoffnungslos überlaufen und eher das polnische Gegenstück zu Ballermann und Sölden. Vor allem in der Slowakei (da gibt's nicht nur Wölfe, sondern auch Bären) aber auch in Tschechen ist einfach mehr Platz. Schöne Städte gibt's in Polen natürlich schon, statt des hoffnungslos überschätzten Danzig würde ich hier das hoffnungslos unterschätzte Torun/Thorn empfehlen. Das Warschauer Nachtleben ist bunt, aber auch deutlich härter als das in Berlin. Man muss das mögen.
3. Der letzte Urwald Europas?
mobaer 14.03.2011
Es gibt gleich vier Nationalparks - darunter den "letzten Urwald Europas", ebenfalls Unesco-Weltnaturerbe... Das ist wohl ein bisschen hoch gegriffen. Meines Wissens gibt es lediglich noch Urwaldreste, und davon zum Beispiel in Skandinavien bedeutend mehr, als in Podlaskie...
4. Stimmt zu 100 %
Wolf_68 14.03.2011
Zitat von bunterepublikSchade ist, dass unser Nachbarland immer noch mit dem Stereotyp "Russenmafia", also Autodiebstahl und andere Kriminalität in Verbindung gebracht wird. Dies geschieht vollkommen zu Unrecht.
Damit verhält es sich ähnlich mit Brandenburg, wo - wenn man den Medien und den Studien der Friedrich-Ebert-Stiftung Glauben schenkt - hinter jedem Busch ein Pulk Neonazis hockt, der jeden Fremden totprügeln will. Aber um aufs Thema zurückzukommen - in der Tat, Polens Nachtleben bietet das, was man in Deutschlande mittlerweile vergebens sucht.
5. Auf Thema antworten
Wolf_68 14.03.2011
Zitat von sysopDen letzten Urwald Europas, Wölfe in freier Wildbahn und Wellness für wenig Geld: Polen hat noch viele Seiten, die Urlauber bisher kaum entdeckt haben. Dazu gehört auch das Warschauer Nachtleben - das dem in Berlin kaum nachsteht. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,750389,00.html
Das Warschauer Nachtleben ist vor allem eins: Migrantenfrei.
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