Porrettana im Apennin: Depot der vergessenen Dampfrösser

Von Jan Söfjer

2. Teil: Schornsteine für den Eisenbahntunnel

Bahnstrecke Porettana: Auf Haarnadelkurven durchs Apennin
Fotos
Jan Söfjer

Er geht über steile Pfade und morsche Holzbrücken. Den Weg säbelt er mit einer Sichel frei. Nach zwanzig Minuten Marsch lichtet sich der Wald. Zwei Häuser tauchen auf. Ein kleiner, alter Mann sitzt auf einem Mäuerchen und zeichnet die Landschaft. Braccialini pflückt eine Handvoll Sauerkirschen von einem Baum, im Tal liegt lang und schön ein gewaltige Eisenbahnbrücke. 48 Meter hoch und 182 Meter lang.

Im Zweiten Weltkrieg bombardierten die Alliierten die Brücke, weil sich die Wehrmacht nach ihrem Rückzug aus dem Süden auf dem Apennin verschanzte, die sogennante Gotenstellung. "54 Menschen sind bei dem Fliegerangriff gestorben, doch die Brücke aus handgemeißelten Steinquadern blieb stehen", sagt Braccialini. Im Sommer 1944 legten die Deutschen das Bauwerk dann selbst in Schutt und Asche. Der Aufbau aus Beton dauerte Jahre, der alte Charme war dahin.

Zurück im Unterholz werden die Wege immer beschwerlicher. Stechmyrten-Büsche zerkratzen die Beine. Das Blätterdach ist dicht und dunkel. Irgendwann taucht mitten im Wald ein verwitterter Schornstein am Hang auf. Vier Meter hoch, zwei Meter breit. Knorrige Äste schmiegen sich an sein Gemäuer aus Naturstein. "Der führt hinunter zu einem Eisenbahntunnel. Ohne die Schornsteine zur Entlüftung der Tunnels wären die Lokführer erstickt", sagt Braccialini. Mit Schaufelradanlagen wurde zudem frische Luft in die Röhren gepumpt. Doch dieses System funktioniert nicht mehr. Deshalb dürfen historische Dampflokomotiven heute auf der Porrettana nicht mehr fahren.

Die Seele der toskanischen Eisenbahn steht auf dem Abstellgleis. Gleich neben dem Hauptbahnhof von Pistoia im Eisenbahndepot. Die Sonne brennt auf die schwarzen alten Stahlrösser. Ölfässer stehen in der Nähe einer Libanon-Zeder.

Ein Mann kommt in einer blauen Latzhose angestapft. Sein Händedruck ist vergleichsweise sanft, hat er doch den Körper eines Gewichthebers. "Ich bin Paolo Dallai." Er ist der Capo hier, der Chef. Seit 1998 schmeißt er den Laden und ist landesweiter Koordinator für die Restaurierung historischer Eisenbahnen. Es ist das größte Depot dieser Art in Italien. Von überall her werden die Züge gebracht, um sie wieder flottzumachen. Nicht wenig Arbeit für den Capo und seine zwei Kollegen.

Die 124 Tonnen schwere Königin

Mit der Begeisterung eines kleinen Jungen führt Dallai herum, zeigt seine schönsten Stücke. Schweres Arbeitsgerät liegt am Boden, armlange Schraubenschlüssel hängen an den Wänden, Kohle ruht in großen Behältern.

Der Capo geht zu einem beigefarbenen Zug mit fließenden, runden Formen. "Mit dieser E-Lok aus den 30er Jahren hat Hitler Mussolini besucht", sagt er. "Und dieser Elektrische Schnellzug, der ETR 200.212, hat 1939 auf der Strecke von Mailand nach Bologna mit 203 Stundenkilometern den weltweiten Geschwindigkeitsrekord für Züge gebrochen." Der Capo ist in seinem Element. Läuft über das fußballfeldgroße Gelände in Richtung zweier Hallen.

20 Dampf- und acht Elektrolokomotiven stehen hier. Die meisten sind betriebsbereit, die schönsten von ihnen stehen unter Dach - wie die älteste Dampflok Italiens, gebaut im deutschen Kaiserreich. Eine mattgoldene Plakette prangt auf dem Metall: "Berliner Maschinenbau Actiengesellschaft, 1907". Mit den schwarzen Hörnern auf dem gewaltigen Kessel steht die Lokomotive da, als würde sie gleich losfahren.

Und dann gibt es da noch die "Königin". Eine Dampflok aus dem Jahr 1915. 124 Tonnen schwer. Bis zu 120 km/h schnell. Und natürlich fahrbereit. "Es gab einmal 400 davon, heute nur noch fünf, zwei haben wir", sagt Dallai stolz und ergänzt: "Sie gehörte schon beim Bau einer aussterbenden Art an. Ab 1910 zeichnete sich das Ende der Dampflokomotiven ab. Auch, wenn sie bis in die 50er Jahre hinein noch gefahren sind. Aber da war die Strecke schon lange elektrifiziert."

Auch die Porrettana wurde von der Zeit überholt und ist heute zu einer schlichten Regionalbahn degradiert. Dabei hat sie wie die alten Dampflokomotiven nur wenig von ihrer Faszination verloren. Aus ganz Europa kommen Zugfans und wollen sich das Depot von Pistoia anschauen. Es ist aber nicht öffentlich zugänglich. "Schade", wie der Capo findet. "Wir würden aus dem Depot gerne ein Museum machen", erläutert er seinen Plan.

Auch die Porrettana, so sind sich ihre Anhänger einig, hätte verdient, restauriert und zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben zu werden. Dann könnten die alten Dampflokomotiven wie früher durchs Gebirge rattern. Und einen Lokführer gibt es auch schon: der Capo kann die alten Stahlrösser noch fahren.

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  • Datum: Donnerstag 03.12.2009 | 10:17 Uhr
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