Porrettana im Apennin Depot der vergessenen Dampfrösser

Die Porrettana ist eine der ältesten Gebirgseisenbahnstrecken Europas: Die Züge winden sich über 133 Kilometer, 64 Brücken und Viadukte und durch 48 Tunnel. Das Meisterstück der Ingenieurskunst wurde im italienischen Unabhängigkeitskrieg erbaut - und fristet heute ein fast vergessenes Dasein.

Jan Söfjer

Von Jan Söfjer


"Die Apenninen sind mir ein merkwürdiges Stück Welt", schreibt Goethe am 22. Oktober 1786 in sein Tagebuch. Zwei Tage Rüttelfahrt in der Kutsche hat er hinter sich und noch immer ist das Gebirge nicht ganz überquert. Der Geheimrat aus Weimar ist auf seiner berühmten Italienreise von Bologna nach Florenz unterwegs. Zwischen der Po-Ebene und der Toskana trennt der nördliche Apennin Italien in zwei Hälften. Eine schwierige Strecke. Selbst Anfang des 19. Jahrhunderts braucht die Postkutsche noch knapp 15 Stunden für die Fahrt.

Sommer 2009: Ein Fuß des jungen Lokführers ruht halb auf der Konsole, eine Hand auf dem Geschwindigkeitshebel. Der Zug müht sich den Berg hoch und verschwindet mit 70 Stundenkilometern in einem dunklen Loch. Schroffes Gestein frisst das bisschen Licht der Scheinwerfer, Sicherheitsausgänge oder Buchten gibt es nicht. Im Cockpit ist es düster, die Instrumente glimmen blau. Nur wenige Fahrgäste sitzen in den klimatisierten Waggons auf der Strecke Pistoia - Porretta Terme.

1845 ist Italien in weiten Teilen unter österreichischer Herrschaft. 13 Jahre nach dem Tod Goethes macht sich der Eisenbahningenieur Tommaso Cini an ein Bauprojekt, das Geschichte schreiben wird: die Porrettana, eine Eisenbahnlinie mitten durch den Apennin, eine der ersten Gebirgseisenbahnen Europas, später Vorbild für die Strecke durch den Gotthardtunnel. Cini hat starke Unterstützer. Österreich braucht eine Bahnverbindung nach Livorno an der Riviera, einem militärisch wichtigen Seehafen. Wien ist nervös. Das Risorgimento beginnt sich zu regen - die italienische Unabhängigkeitsbewegung. Revolution liegt in der Luft.

Sieben Jahre schuften ganze Armeen von Bauarbeitern für die 133 Kilometer lange Gebirgsstrecke, errichten 64 Brücken und Viadukte, bohren 48 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 18 Kilometern. Dass sich der Zug in einer Haarnadelkurve durch den Berg schraubt nimmt der heutige Reisende jedoch kaum noch wahr. Wieder draußen versinkt die Abendsonne in der toskanischen Berglandschaft. Flusswasser jagt an Kieselbetten vorbei. Weit über den Wipfeln von Kastanien und Olivenbäumen gleitet die Bahn dahin.

Auf den Spuren der alten Strecke

Nach einer dreiviertel Stunde erreicht der Zug die Endstation: Porretta Terme. Nach Bologna fährt heute eine andere Bahn weiter. Alte Herren sitzen im Bahnhofscafé des Kurortes, eine Steinbrücke führt über blau-grünes Wasser. Am 21. November 1863 wurde hier im Ort die Porrettana vom italienischen König Vittorio Emanuele II. persönlich eingeweiht - auch, wenn das letzte Stück nach Pistoia erst ein Jahr später fertig werden sollte. Österreich half das wenig. Die Unabhängigkeit hatte gesiegt. Italien war nun eine souveräne Monarchie. Bauingenieur Cini erlebte das jedoch nicht mehr. 1856 wurde der letzte Vertrag für die Zugstrecke in Wien unterzeichnet. Cini starb aber schon vier Jahre zuvor. Der Franzose Jean-Louis Protche wurde zum Chef-Ingenieur ernannt.

Für viele Jahrzehnte wurde die Porrettana zu einer der wichtigsten Hauptverkehrsadern Italiens. Dampflokomotiven zogen Güter und Menschen in weniger als fünf Stunden von Bologna nach Florenz und umgekehrt. Die Eisenbahn brachte wirtschaftlichen Wohlstand in die Täler. Papierfabriken und die Holzindustrie nutzten das moderne Transportmittel ebenso wie Reisende oder Bergbauern, die ihren Käse in die Städte brachten.

Die Hüter dieser Eisenbahngeschichte residieren in einem stillgelegten Bahnhof in den Bergen. Piteccio zählt 1000 Einwohner. Von den einstigen Fabriken gibt es im Ort bloß noch eine. Nicht einmal die Porrettana hält hier noch. Seit 1994 ist der Bahnhof dicht. In dem Gebäude hat nun der Modelleisenbahn-Club von Pistoia (Ferro Modellisti Pistoiesi) ein kleines Büro. 50 zumeist ältere Herren gehören zum Verein. "Früher war Piteccio wichtig", sagt ihr Vorsitzender. "Der König hat sein Ochsenfleisch aus diesem Ort bezogen, der Papst die Eisblöcke, die man im Winter aus dem Flusswasser sägte."

Heute gibt es keinen Güterverkehr mehr, nur noch ein paar Pendler nutzen die Bahn. Schon 1934 ging es mit Porrettana abwärts, als die neue Schnellstrecke von Bologna nach Florenz eröffnet wurde. Der Stolz der Porrettana ist verblasst, aber nicht verschwunden. Er hat sogar einen Namen: Maretto Braccialini.

Der drahtige 59-Jährige kennt sich in den Hügeln und Wäldern aus wie kein anderer. "Schon als Kind zog ich mit meinem Vater umher und schnitzte aus Olivenbaumholz kleine Pfeifen", sagt Braccialini. Er geht an einer Bremsrampe vorbei und erzählt, wie 1915 einmal eine Dampflokomotive über die Rampe raste und in die Tiefe fiel. "Zum Glück nicht die Waggons, die kuppelten sich rechtzeitig aus."



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