Tauchen in Südfrankreich Wo Fische ins Schwärmen kommen

Seit 50 Jahren ist Port-Cros in Südfrankreich Nationalpark. Dank der strengen Schutzauflagen konnten sich Zackenbarsche und Barrakudas ungestört fortpflanzen. Das macht das Naturgebiet für Taucher zum großen Erlebnis.

Sven Peks

Von Linus Geschke


Leise gluckst das Mittelmeer gegen die Hafenmole. Die Sonne spiegelt sich orangefarben in den Fenstern der bunten Häuser. In den wenigen Cafés von Port-Cros sitzen vor allem Taucher, die sich bei einem Café au Lait auf den nächsten Tauchgang vorbereiten. Sie blicken auf Pinien und Palmen, auf die Burg hinter dem Hafen und die unberührte Natur, die diese umschließt.

Port-Cros war nicht der erste Nationalpark Europas, aber der erste, dessen Schutzzone auch auf das umliegende Meer ausgedehnt wurde. Bis 1963 in Privatbesitz einer Industriellenfamilie, übergab Erbin Marceline Henry die kleine Insel an den französischen Staat. Unter einer Auflage: Hier sollte ein Naturschutzgebiet entstehen. Präsident Pompidou schlug zu. Fahrzeuge wurden verboten, es durfte seitdem weder gejagt noch geankert werden und selbst das Rauchen ist nur in einem schmalen Bereich entlang des Hafens erlaubt. Weggeworfene Kippen passen nicht ins Bild, von der Waldbrandgefahr ganz zu schweigen.

Auch rund um La Gabinière, einem vor Port-Cros aus dem Wasser ragenden Felsen, kann man die Auswirkungen der strengen Regularien beobachten. Besonders dann, wenn man mit Pressluftflasche und Neoprenanzug ins Wasser steigt. Maximal 40 Taucher dürfen hier gleichzeitig abtauchen, überwacht von Nationalpark-Rangern, die bei Zuwiderhandlungen keinen Spaß verstehen. "Wenn man sich nicht an die Regeln hält, wird es richtig teuer", sagt Hansi Hähner, der im nahegelegenen Giens eine Tauchbasis betreibt und die Insel einmal wöchentlich ansteuert. "Und bei mehreren Verstößen ist ratzfatz die Lizenz weg."

Zackenbarsche im Hausschwein-Format

Sobald das Boot der Basis den Felsen erreicht hat, springen die Taucher ins Meer. Die Sonne ist jetzt nur noch wie ein silberner Knopf, über der glitzernden Wasseroberfläche an ein azurblaues Firmament genäht. Barrakudas verharren im Gegenlicht; metallisch glänzende Leiber, die sich in riesigen Schwärmen zusammendrängen. Zwischen den Felsen am Meeresgrund wiegt sich Poseidongras, darüber ruhen dösende Zackenbarsche, die in ihren Ausmaßen an kleine Hausschweine erinnern.

"Vor zehn Jahren waren es maximal halb so viele", sagt Hähner nach dem Tauchgang, "seitdem ist die Population geradezu explodiert." Mittlerweile ist der Konkurrenzkampf so groß, dass junge Zackenbarsche kaum noch eine Chance haben, sich ein eigenes Jagdrevier zu erobern - sie wandern von Port-Cros weg, besiedeln andere Orte, an denen es vor ein paar Jahren noch keine Artgenossen gab.

Im gesamten Mittelmeer ist es leicht, Tauchplätze zu finden, die an evakuierte Wasserwüsten erinnern: kein Fisch, kein Leben. Vor der Halbinsel Giens jedoch ist dies unmöglich. Überall wuselt es, wandern Zweibindenbrassen an bunt bewachsenen Felswänden entlang, kämpfen Muränen gegen Gorgonien um die letzten freien Plätze am Riff. Es sind Welten in Orange, Grün und Purpur, auf die die Taucher stoßen. Farbenprächtige Krustenanemonen bedecken das Gestein. Oft sieht man Unechte Bonitos, eine kleine Thunfischart, die maximal 70 Zentimeter lang wird.

Ganz in der Nähe liegen die "Donator" und die "Le Grec" - zwei der bekanntesten Wracks Frankreichs, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Minenfeld liefen. Auch sie sind Heimat für Zackenbarsche und Barrakudas geworden, für Schwarmfisch und Garnelen. An manchen Stellen ist der Bewuchs so atemberaubend, dass man die Strukturen der Schiffsruinen kaum noch erkennen kann. Wenn sich erfahrene Taucher über die Wracks unterhalten, fällt schon mal der Satz, dass diese noch nie so prächtig wie heute waren.

Für Biologen wie Robert Hofrichter von der Meeresschutzorganisation Mare Mundi sind Nationalparks der vielversprechendste, wenn nicht gar der einzige Weg gegen das Artensterben und die Überfischung des Mittelmeeres. "Wo Schutzzonen errichtet wurden, kann man den Erfolg bereits binnen weniger Jahre erkennen. Die Unterschiede zu ungeschützten Gebieten sind dramatisch - und ich kenne keinen Experten, der das anders sieht."

Fischerei im Wandel

Zu den härtesten Gegnern solcher Gebiete zählten bislang oft die lokalen Fischer. Doch an der Côte d'Azur hat das Umdenken bereits begonnen. "Von Port-Cros profitieren doch alle", sagt Jean Luc Veront, ein Fischer aus Giens. "In anderen Gebieten Frankreichs kommen sie oftmals mit leeren Schiffen wieder; dieses Problem haben wir hier nicht. Dank des Nationalparks sind auch die umliegenden Gebiete deutlich fischreicher geworden. Wenn man zukünftig mit Augenmaß vorgeht, werden sie es auch bleiben."

Hansi Hähner hätte nichts dagegen, die zwölf Taucher an Bord seines umgebauten bretonischen Fischerbootes schon gar nicht. Zwei Tauchgänge haben sie an La Gabinière absolviert, bevor sich der Bug des Schiffes wieder in Richtung Giens wendet. Sie sortieren ihr Equipment, winden sich aus ihrem Neopren, reden durcheinander und erzählen von handzahmen Zackenbarschen, die sich an die Objektive der Kameras geschmiegt hätten.

Auf die Frage, ob man denn morgen wieder hierherkommen könne, hebt Hähner allerdings entschuldigend die Hände "rien ne va plus", sagt er, "nichts geht mehr". Morgen habe sich für Port-Cros schon die maximale Anzahl von Tauchern angemeldet. Übermorgen könne er es wieder versuchen, das sollte klappen. Und zwölf Köpfe nicken begeistert.

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insgesamt 13 Beiträge
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mazzeltov 16.10.2013
1. Karte?
Wenn ich mir die Zusammenstellung von Artikel und Landkarte so ansehe... Südfrankreich liegt in der Karibik? Oder Venezuela am Mittelmeer? Irgendwie scheine ich was verpasst zu haben...
taglöhner 16.10.2013
2. Seufz
Zitat von sysopSven PeksSeit 50 Jahren ist Port Cros in Südfrankreich Nationalpark. Dank der strengen Schutzauflagen konnten sich Zackenbarsche und Barrakudas ungestört fortpflanzen. Das macht das Naturgebiet für Taucher zum großen Erlebnis. http://www.spiegel.de/reise/europa/port-cros-tauchen-in-frankreich-nach-zackenbarsch-und-barrakuda-a-927996.html
Die Sargnägel der Paradiese sind solche Reiseberichte.
curlybracket 16.10.2013
3. Kenne ich
In Südspanien vor 20 Jahren waren die Gewässer voll von Fischen, selbst in Strandnähe konnte man mit Schnorcheln viele Fischschwärme mit jungen Fischen sehen. Dies ist vorbei - heute ist es dort trostlos mit nur wenigen Jungfischen. Der Zusammenbruch der Fischpopulationen ist schon längst da. Es wird absolut überlebensnotwendig sein (zuletzt auch für den Menschen), weitere solche Schutzzonen einzurichten.
mg68 16.10.2013
4. Sargnagel? Eher gegenteilig...
@Seufz: In diesem Falle doch wohl weniger, wenn denn weiterhin auf reglementierten/begrenzten Taucherbesatz, Fischfangverbot und Umweltschutz geachtet wird. Es schint doch wirklich mal gelungen, eine Idylle erhalten zu können. Danke@Linus für wieder mal was zum weg-/hinträumen:-)
jackbauer1337 16.10.2013
5. PADI-Taucher trüben die Idylle
Ich war dort bisher 3 mal tauchen von einer CMAS- Basis aus. Die größte Tauchschule der Region ist natürlich mal wieder PADI..., die Schüler dieser können wie immer nicht richtig tarieren, somit fallen diese auf Riffe und zerstören die Natur. Auch in andere Tauchbasen schleichen sich diese Wesen und gefährden mit ihrer schlechten Ausbildung jeden um sich herum... Natürlich gilt dies nicht für jeden PADI- Taucher, aber die Leute die vor 5 Jahren in Ägypten 1 mal schnell ihren Schein gemacht haben, sollten dort nicht ohne Tauchlehrer unterwegs sein dürfen...
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