Ferienunterkünfte für Architekturfans "Wir sind das Anti-Airbnb"

Wer ein Faible für Design hat, stellt auch an seine Ferienunterkunft hohe Ansprüche. Das Portal Urlaubsarchitektur listet großartige Häuser - vom Glaskubus in Norwegen bis zur restaurierten Fachwerkschmiede in Hessen.

Steve King

Der vordere Quader der Ferienkajüte ist fast rundum verglast. Er ragt über die Kaimauern der ehemaligen Fischerinsel ins offene Meer hinaus.

Den Griff zur Fernbedienung kann man sich in dieser Ferienunterkunft in Nordnorwegen sparen, denn schon der Blick durchs Fenster ist großes Kino: Zwischen August und Mai flackern nachts die Nordlichter ins Haus, in den restlichen Monaten erwacht man mit Blick auf Atlantikwogen und Kajakfahrer - und kann mit Glück die Flugmanöver der Seeadler beobachten, die hier im Steigen-Schärengarten den größten Lebensraum in Europa haben.

"Im Mittsommer würde ich am liebsten die ganze Zeit wach bleiben", sagt Børge Ousland, seit 2010 Besitzer des 55 Hektar großen Eilands Manshausen, auf dem er einige Unterkünfte betreibt. "24 Stunden Helligkeit, Zeit zum Klettern, Paddeln, Tauchen oder Segeln".

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Portal Urlaubsarchitektur: Hauptsache, gutes Design

Aktiv sein ist für den Norweger nicht nur ein Hobby. Der 54-Jährige ist Polarforscher und Profi-Abenteurer mit einer langen Expeditionsliste. Den Durchbruch hatte er mit einem Alleingang an den Nordpol 1994, sein letzter Coup 2010 war die Umsegelung der Arktis mit einem Trimaran in einem Sommer.

Seit 2015 vermietet Ousland verschiedene Unterkünfte auf der Insel, die Architekt Snorre Stinessen entworfen hat. "Ich war schon immer an Design interessiert, denn ich komme aus einer Künstlerfamilie", sagt Ousland, der in seiner Heimatstadt Oslo wohnt und jeden Monat Ferien auf Manshausen macht. "Als ich die Möglichkeit sah, auf der Insel meine eigene Welt zu erschaffen, ergriff ich sie."

Das Eiland war im 18. Jahrhundert ein wichtiger Hafenstandort. Übrig geblieben ist ein historisches Farmhaus, das zum Hauptgebäude des Resorts inklusive Küche, Speisesaal und Bibliothek umfunktioniert wurde.

"Uns geht es um spannende Architektur"

Ouslands Inselresort ist nur eine von 430 Unterkünften, die im Portal Urlaubsarchitektur - und in einer Reihe von gleichnamigen Bildbänden - vorgestellt werden. Direkt buchen kann man hier nicht. Ein Link führt zu den jeweiligen Websites der Eigentümer. Das unterscheidet das Portal von anderen spezialisierten Nischenangeboten wie Designhotels oder Mr. & Mrs Smith, die auch Unterkünfte für Individualisten anbieten.

"Wir sind das Anti-Airbnb", sagt Jan Hamer, der hauptberuflich Architekt ist und die Seite vor zehn Jahren gegründet hat - zunächst als Blog und auch eher als Hobby. "Was uns treibt, ist die Leidenschaft für dieses Projekt." Mit den Gebühren für eine Listung der Objekte würden lediglich die entstehenden Kosten gedeckt.

Bis zu 40 Ferienhausanbieter, Pensionen oder Hotels bewerben sich monatlich für eine Aufnahme im Portal, die meisten werden abgelehnt. Viele Häuser entsprächen nicht den Auswahlkriterien, zudem würden nur ein bis zwei Objekte wöchentlich veröffentlicht. "Uns geht es um spannende Architektur, gutes Design, nicht um 5-Sterne-Auszeichnungen", sagt Hamer. "Natürlich spielt das Bauchgefühl bei der Entscheidung, ein Haus aufzunehmen, auch eine Rolle."

Von exzentrischen Chalets, Einraumapartments bis hin zu restaurierten Fachwerkhäusern - die Ästhetik im Portfolio ist facettenreich. Auch günstige, originelle Unterkünfte wie ein mobiles Häuschen auf dem Gelände eines Hofs im Bayerischen Wald sind beim Stöbern auf Urlaubsarchitektur zu finden. "Luxus ist für uns nicht wichtig", sagt Hamer. "Wir wollen Geschichten erzählen - von den Eigentümern, ihren Objekten und ihren Visionen."

Kleine Unterkünfte in Italien

Auffällig ist, dass es in einigen Regionen besonders viele Häuser gibt, etwa an der Ostsee und im Alpenraum. "Nach der Wende haben viele Architekten aus Berlin und Hamburg eigene Projekte in Mecklenburg-Vorpommern umgesetzt, zu dieser Zeit waren die Preise für Immobilien und Grundstücke dort günstig", sagt Hamer. "Gerade erlebt Italien ein Revival. Der letzte Trend waren die Marken. Jetzt geht es im Süden los. In Apulien und Sizilien gibt es spannende Ecken, die touristisch noch nicht so bekannt sind."

Auch die Blumraths zog es nach Italien. "Ein B&B zu eröffnen, war schon immer unser Traum", sagt Sabine Blumrath. Die 58-jährige Pharmazeutin ist in Ostwestfalen aufgewachsen und führte vier Sanitätshäuser im Chiemgau. Bei einer Reise durch Patagonien im Februar 2012 entschied sie sich mit ihrem Mann dafür, aus dem Berufsleben auszusteigen. Stressfreier zu leben.

Bereits zwei Monate später fand das Ehepaar einen über 150 Jahre alten, seit 1997 leer stehenden Bauernhof in den Marken, den es zusammen mit Architekt Michele Eusepi restaurierte. 2014 eröffnete das Corte Campioli mit sieben Gästezimmern.

"Wichtig war uns ein nobler Minimalismus bei der Gestaltung. Nichts Aufgesetztes, keine lauten Töne." Aus dem ehemaligen Stall wurden Küche und Gastraum. Von der Vergangenheit des Hauses zeugen noch viele Elemente wie ein restaurierter Kamin und Steinmauern, das Innendesign ist modern. "Unser Zuhause ist auch Ihres", steht über der Eingangstür.

Das authentische Italien

Leise Töne schlägt auch Jürgen Kremer in Hessen an. Der selbstständige Tischlermeister und Innenarchitekt restaurierte und modernisierte - zusammen mit Architekt Stephan Dreier - ein Fachwerkhaus aus dem 14. Jahrhundert in der Limburger Altstadt. Die ehemalige Wohnung und Werkstatt eines Schmieds beherbergt nun zwei Ferienwohnungen, im Erdgeschoss befindet sich ein Weinladen.

"Es entwickelte sich zu einer echten Leidenschaft", sagt Kremer, 51 Jahre alt und in der Nähe von Limburg aufgewachsen. Er spricht von einem "Denkmalvirus", der nicht nur ihn befallen habe. "Meine Frau und meine vier Kinder hat das auch sehr begeistert."

Freigelegte Balken zieren die Decke, nachgebaute bleiverglaste Sprossenfenster die Seitenwände, das Apartment im Dachgeschoss geht über zwei Ebenen und beherbergt ein Doppelbett direkt unter dem Spitzboden. Die fachgerechte Umwandlung der Plötze.N17 wurde 2014 mit dem Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege ausgezeichnet. Derzeit baut Krämer Zimmer im ersten Stock zur eigenen Wohnung um.

Können persönlich gestaltete Unterkünfte wie Kremers Ferienwohnungen Einfluss auf unser Glücksempfinden im Urlaub haben? Jan Hamer ist davon überzeugt. "Ich glaube, wir haben schon viele Beziehungen gerettet", sagt der Architekt und lacht. "Wir sind ja im Alltag oft so eingespannt, so dass wir sehr viel auf den Urlaub projizieren."

Entspricht die Unterkunft dann nicht den Erwartungen, könne das schon mal zu Ferienfrust führen. Hamer: "Verbringt man seinen Urlaub dagegen an einem inspirierenden Ort, ist das ein riesiger Gewinn."

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
thequickeningishappening 19.04.2017
1. Auto, Zelt, Schlafsack
So ging Das früher (+ Eski, Baguette, Janette, Fromage) .
alexanderfreiland 20.04.2017
2. Nette Idee, aber...
sowas von benutzerunfreundlich die Seite. "Wir sind das Anti Airbnb", so der Gründer? Ja, das dann aber auch gründlich. Schade eigentlich, denn meine Aufmerksamkeit hattet ihr. Mit schlechtem UX und UI habt ihr es dann aber auch gleich wieder vergeigt.
henri.leuzinger 20.04.2017
3. Ferien im Baudenkmal
In der Schweiz verwaltet magnificasa.ch eine Reihe stilecht restaurierter Ferienhäuser. Nicht irgendwelche Ferienhäuser, sondern Bauten, welche den Status von Denkmalschutzbauten besitzen und so einer neuen Nutzung zugeführt werden.
KMrules 20.04.2017
4. Absolut top!
Danke für den Beitrag! Wir haben bereits mehrfach Ferienhäuser gebucht, die bei urlaubsarchitektur gelistet waren, jedes Mal Volltreffer. Kein endloses Suchen und Klicken durch tausende Angebote, sondern zielgerichtete Auswahl auf der tollen und sehr gut strukturierten Website. Und vor allem: Keine geschönten Katalogbilder, sondern wirklich geschmackvolle, toll gelegene und gut instand gehaltene Objekte. Kontakt zu den stets freundlichen Vermietern war immer unproblematisch und professionell, egal ob Dänemark, Katalonien oder Amrum. Im Gegensatz zu den üblichen Portalen gilt hier wirklich: What you see is what you get. Diesen Sommer geht es nach Friesland - und auch dieses Mal werden wir uns hoffentlich nach dem Urlaub noch lange gerne an die tolle Unterkunft erinnern, wie bislang immer.
lachina 20.04.2017
5. Mich interessiert jetzt sehr....
was der Spaß kostet? Leider habe ich auf den angegebenen Seiten keine Preise finden können. Airbnb erlaubt uns zumindest in Städten wie Berlin und Köln und Malaga Übernachtungen U- 50 Euro. Zwar archiketonisch nicht so luxeriös, dafür mit Familienanschluss , selbstgebackenen Muffins inklusive. ""Wir sind das Anti-Airbnb"" das soll doch heißen: Hier bleibt der Plebs draußen!"
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