Palma de Mallorca: Fischerhäuschen an Millionär abzugeben

Von Helge Sobik

Ein Fischerhäuschen für eine Dreiviertelmillion Euro - im Portixol-Viertel in Palma de Mallorca explodieren die Immobilienpreise. Erst kam ein originelles Vier-Sterne-Hotel, jetzt die Millionäre aus dem Ausland.

Portixol-Viertel in Palma: Enge Gassen, teure Häuser Fotos
Helge Sobik

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Der Mann will mit seinem Freund zusammenziehen, ein paar Kilometer weiter Richtung Osten in Coll d'en Rebassa. Seine bisherige Eigentumswohnung gibt er dafür auf - trotz des Meerblicks von Bett und Sofa aus, trotz des breiten Balkons in vorderster Reihe, trotz der begehrten Lage im einstmals so schlecht beleumundeten und inzwischen so nachgefragten Portixol-Viertel von Palma.

750.000 Euro möchte er für die 160 Quadratmeter im ersten Stock des dreigeschossigen Hauses an der Küstenstraße haben - die kleine Einliegerwohnung zur Rückseite hin und das gartenlaubenartig verglaste, ein wenig improvisierte Atelier im Hinterhaus mitgezählt. Ein paar Monate ist die Wohnung bereits auf dem Markt. Doch das ist kein schlechtes Zeichen, ein Käufer wird sich finden. Und bis dahin ist Zeit für ein wenig Kosmetik in dem 110 Jahre alten Fischerhaus.

Seit ein paar Jahren ist das Portixol-Viertel stark im Kommen. Die Anzahl der Wohnungen und Häuser auf dem Markt in diesem überschaubaren ehemaligen Fischer-Distrikt reicht bei weitem nicht aus, um die Nachfrage nach derartigen Eigentumswohnungen und Häusern gerade unter Skandinaviern, Engländern, aber auch Deutschen zu befriedigen: weil Portixol nun als Szeneviertel gilt, angesagt ist, etliche Bars und Restaurants enorm en vogue sind.

Sie kommen, weil zugleich noch immer ein paar der Alten da sind - die Fischer und die Arbeiter von einst, die einfachen Leute, die in den engen Straßen so nah am Meer aufgewachsen sind. Und sie kommen, weil das Zentrum von Palma mit all seinen Möglichkeiten in einem 20-minütigen Spaziergang erreicht ist.

"Das Viertel ist unfassbar hip"

Dabei galt Portixol lange als heruntergekommen, als verrufen sogar. Der Wandel begann 1999 mit der Neueröffnung des Hotels "Portixol". Aus dem heruntergekommenen Hostal, das mit seinen fünf Stockwerken wie ein Turm das Viertel überragt, hatten die Schweden Mikael und Johanna Landström ein designtes Vier-Sterne-Hotel mit 25 Zimmern geformt, das lediglich am falschen Platz zu stehen schien.

Vorheriger Betreiber war der ehemalige Leibkoch des Diktators Franco, der hier neben dem Hostal auch ein auf Meeresfrüchte spezialisiertes Restaurant unterhielt. Wer hier übernachtete, war reisender Handelsvertreter mit kleinem Budget oder Lasterfahrer, der die Fähre aufs Festland verpasst hatte.

"Die ersten Gäste mussten wir noch vor dem nahen Strand warnen", erinnert sich heute die langjährige Hoteldirektorin Christina Østrem. "Und wir mussten sie darauf hinweisen, dass nachts Drogenabhängige in den Straßen ihren Rausch ausschliefen." Sie hat den Wandel des Viertels aus nächster Nähe miterlebt und dort selber jahrelang gewohnt. "Bevor wir kamen, gab es eine Leder- und Stofffabrik im Viertel. Es roch zeitweilig so furchtbar, dass selbst alteingesessene Fischer wegzogen. Inzwischen ist das Viertel unfassbar hip. Es fühlt sich an den Wochenenden an, als ob halb Palma hier flaniert."

Anfangs haben die Einheimischen das Hotel, das plötzlich die gestylten jungen Erfolgreichen aus dem Ausland anzog und Zimmerpreise von über 150 Euro aufrief, als Fremdkörper in ihrem Viertel betrachtet. "Die meisten der Älteren aus dem Viertel", erzählt Østrem, "blieben auf Distanz. Aber ihre Söhne und Töchter schauten herein."

Palma lebte mit dem Rücken zum Meer

Das Viertel, so scheint es, hat sich in seiner Lebensart der modernen und in kühlen Blau-Weiß-Kontrasten gehaltenen Herberge nach und angepasst hat. Trotzdem gibt es auch noch immer viele Leute wie Joanna Maria Serra. Sie ist hier geboren. 1963 war das, in der Calle de Cortecera. Dreimal ist sie umgezogen, immer innerhalb des Viertels.

Heute wohnt sie in der Parallelstraße ihres Geburtshauses. Wegziehen und das eigene Haus jetzt teuer verkaufen? Das kommt für sie und ihre Familie nicht in Frage: "Hier hörst du vom Bett aus, ob Sturm ist. Weil du das Meer hörst. Ich kenne das nicht anders. Und ich will das nicht anders."

In ihren Kindertagen war nur die Straße zur Kirche asphaltiert. Sonst waren alle Wege im Viertel aus Sand, und ganz vorne am Meer fuhr die Straßenbahn. Wenn an einem Nachmittag zwei Autos vorbeikamen, war viel los. Es ist dieselbe Gasse, durch die sich nun an manchen Abenden Blechlawinen auf Parkplatzsuche wälzen: "Für die Stadt war das hier immer das Arme-Leute-Viertel. Palma hat eher mit dem Rücken zum Meer gelebt und Portixol deshalb übersehen."

Eine von Joannas zwei erwachsenen Töchter ist gerade zu Hause ausgezogen und wohnt jetzt in der Nebenstraße. Die andere lebt noch im Elternhaus, in dessen Erdgeschoss sie gemeinsam mit Ehemann Enrique und Schwester Margarita das Fischrestaurant C'an Tito betreibt - 1976 von den Eltern eröffnet, als es noch alles andere als hip war, hier zu leben, zu arbeiten oder gar ein bodenständiges, durch und durch spanisches Lokal zu betreiben - oder zum Essengehen herzukommen.

"Die Leute aus der Stadt", sagt Joanna, "sehen das Viertel inzwischen anders. Es steht in viel besserem Licht da. Es hat sich viel verändert. Das liegt am "Portixol"-Hotel. Und wahrscheinlich auch ein kleines bisschen an unserem Restaurant. Das hoffe ich jedenfalls."

Ganz ohne Schwellenangst

Ob es unterdessen dem Mann mit der Eigentumswohnung für 750.000 Euro schwerfallen wird, Adéu zu seinem Balkon, den kleinen Zimmern, und dem winzigen Innenhof zu sagen, wenn ein Käufer gefunden ist und die Schlüsselübergabe ansteht? "Hombre!", sagt er. "Oh, Mann", heißt das. Er seufzt und scheint mit der Hand flüchtig und irgendwie liebevoll über einen Türrahmen zu streicheln.

Was er vermissen wird? "Die Nähe zu meinem Arbeitsplatz in Palma. Und den Meerblick." Für den künftigen Besitzer aus dem Norden des Kontinents wird die Aussicht als Kaufargument an erster Stelle stehen. Die sechsprozentige Maklercourtage wird der Neue nicht berappen müssen. Die trägt in Spanien per Gesetz der Verkäufer - plus Mehrwertsteuer.

Was Joanna Maria Serra vom C'an Tito sich für die Zukunft ihres Viertels wünscht: "Dass die Zeit jetzt anhält und sich nicht noch mehr verändert. Das nichts abgerissen und neu gebaut wird. Und dass auch die Straßen nicht neu gemacht werden."

Und was Hoteldirektorin Christina Østrem hier heute besonders schön findet? "Dass inzwischen ganz früh morgens regelmäßig ein paar Fischer und Leute vom Hafen zu uns ins Hotel kommen, ganz ohne Schwellenangst, und hier einen Kaffee trinken, bevor sie zur Arbeit gehen."

Was sie über die Immobilienpreise denkt? "Die sind einfach nur verrückt geworden. Das kann sich kaum noch einer leisten." Sie ist gerade weggezogen, ein paar Vororte weiter nach außerhalb. Wohin genau? Sie lächelt nur. Stiller sei es dort. Und billiger. Ein Geheimtipp. Noch.

Der Artikel ist ein gekürztes Kapitels aus dem Mallorca-Reportagen-Band "Miró und der Mann mit der Mandarinenkiste", erschienen im Picus Verlag.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wer's braucht....
Percy-Hannes Elmar 03.10.2012
... die Eigentümer werden sich freuen. Angebot und Nachfrage, ein alter Hut....
2. Gentrifizierung, nicht nur in deutschen "hippen" Stadtteilen
bjuv 03.10.2012
Zitat von sysopHelge SobikEin Fischerhäuschen für eine Dreiviertelmillion Euro - im Portixol-Viertel in Palma de Mallorca explodieren die Immobilienpreise. Erst kam ein originelles Vier-Sterne-Hotel, jetzt die Millionäre aus dem Ausland. http://www.spiegel.de/reise/europa/portixol-viertel-auf-mallorca-fischerhaeuschen-an-millionaer-abzugeben-a-857753.html
wird die Segregation in den Städten immer weiter vorantreiben. Offensichtlich ohne dass eine Stadtverwaltung da korregierend eingrefien möchte. Warum auch, denn die Steuereinnahmen sprudeln dann. Was aber folgt - wie in dem Artikel beschreiben: Aus dem Fußweg zur Arbeit wird das Einpendeln, weil der ÖPNV fehlt eben mit dem PKW. Junge Paare, die in der Stadt wohnen wollen, verschieben das Kinderkriegen, bis sie sich die größere Wohnung leisten können. Und der soziale Sprengstoff sammelt sich an dem Stadtrand.
3.
gracie 03.10.2012
Es gibt mehrere Orte auf dem Globus die plötzlich von der Schickeria endeckt wurden. Am Anfnag ist alls ganz toll, vor allem für die Einheimischen, es schwemmt Geld in die Kassen, wenigstens für einen Teil der Bevölkerung. Dann zieht es immer mehr Menschen an die irgendwelche Phantasiepreise für ein paar 2m bezahlen und plötzlich gibt es nur noch exclusiv dies oder dass und kein Platz mehr für den "Plebs" oder die Locals man will schliesslich unter sich bleiben. Unter uns, spätestens ab diesem Moment wird es für den Traveler absolut uninteressant, denn alles verändert sich und was den Charme dieser Orte ausgemacht hat, verschwindet mit dem Kommen dieser Leute, auf nimmerwiedersehen. Wenn ich mal wieder einen wirklich tollen Ort ausfindig mache, denn ich bin seit 25 Jahren regelmässig mit Rucksack unterwegs, halte ich mein Maul und erzähle es nicht mehr weiter. Ich weiss es ist naiv zu denken dass ich irgendetwas damit verhindern könnte, aber wenigstes gibt es mir nicht das Gefühl bei der "Zerstörung" mitzuwirken
4. Gentrifizierung, ja und dann?
MoorGraf 03.10.2012
Japp, es gibt Gentrifizierung. Es gibt Visionäre, die einem heruntergekommenen Stadtviertel zutrauen, eine wohnenswerte Gegend zu werden, aus der nach ein paar Jahren dann auch der Müll auf der Straße und die Drogenabhängigen am Strand verschwinden, wie es in diesem Dorf (laut Artikel) ja im Moment gerade stattfindet und so gesehen habe ich großen Respekt vor den Renovierern des Hotels und wenn es wirklich die Initialzündung war, die dem Viertel aufgeholfen hat: um so mehr! Ja, es führt dazu, dass die Preise nach oben gehen. Hat aus meiner Sicht erstmal was Gutes: da ist der Fischer, der seit 45 Jahren zur See raus musste, damit er überleben kann und der jetzt zu alt ist, um noch raus zu gehen. Und der eine liebt das Meer so sehr, dass er in seiner Nähe bleiben will, vielleicht gibt es aber auch einen anderen, der überrascht feststellt, dass sein Haus plötzlich so viel wert ist, dass er zwei Dörfer weiterziehen und eine sehr nette Zusatzrente haben könnte: beide werden doch erstmal glücklich sein, dass sie diese Möglichkeiten haben, oder? Der Tourist, der keine Lust auf Hotels hat und für den eine schöne Stadt nur und ausschließlich eine Stadt mit einheimischen Fischern ist, ohne irgendwelche Skandinavier: je nun, der muss nun auch zwei Dörfer weiterziehen, aber wer was gegen Skandinavier hat (oder eben andere Touristen), soll das aus meiner Sicht gerne tun!
5. Gentrifizierung, ja und dann? (Teil 2)
MoorGraf 03.10.2012
Und nun die Gentrifizierung: natürlich führt der Preisanstieg dazu, dass Fischer, die sich ihr Haus nur gemietet haben, plötzlich hohe Mieten zahlen müssen und wahrscheinlich langfristig aus dem Dorf weggehen (müssen). Auch das gehört nach meiner Meinung zum Leben, wie es auch zum Leben gehört, dass viele Fischer eben nicht mehr vom Fischfang leben können. Sollen darum jetzt große Fangschiffe verboten werden? Soll es jetzt verboten werden, dass jemand sein Haus schön renoviert? oder dass die Stadt die Straßen neu herrichtet? In einem demokratischen Land würde der Bürgermeister (und alle seine Stadträte und -rätinnen) mit den Dorfbewohnern diskutieren, was für das Dorf das Beste ist. Soll ein schickes Hotel gebaut werden? Das dann noch mehr Touristen reinholt? Die dann aber auch Geld ausgeben und die Küche von dem Hotel kauft ihr Futter ja genau bei den Fischern im Dorf? Die Dörfler werden das abwägen und dann was finden, was für das Dorf gut ist. Und sie werden drüber nachdenken, ob mit den Steuereinnahmen Schulen gebaut werden, die Straßen verschönert oder was auch immer. Je nachdem, was die Mehrheit des Dorfes halt so gut findet. Für mich klingt das alles noch nicht nach einem großen Problem (und dass sie keinen Touristen mitstimmen lassen, der nur sich selbst und keine weiteren Touristen reinlassen will, kann ich echt verstehen!) Die Stadtränder verfallen? Weil eine Fischerfamilie ihr teures Haus am Hafen aufgibt und an den Stadtrand zieht? Und das soll ein Problem sein? Fällt mir schwer, da den Zusammenhang zu sehen! Ja klar, es gibt die Banlieues um Paris herum, Neu-Köln in Berlin etc. aber das Problem dabei ist doch nicht, dass die Wohnungen am Prenzlauer Berg oder die Häuser an der Seine so teuer sind, sondern dass für einen Haufen Leute keine Arbeit da ist, dass Jugendliche in diesen Vierteln nie eine richtige Ausbildung bekommen, dass ihre Eltern sie oft nicht richtig (und gut) erziehen (können) etc. DAS ist das Problem und nicht die Gentrifizierung. Oder seh ich da was falsch?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Mallorca-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 11 Kommentare
Gefunden in

Bevölkerung: 46,196 Mio.

Fläche: 505.988 km²

Hauptstadt: Madrid

Staatsoberhaupt:
König Felipe VI.

Regierungschef: Mariano Rajoy

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Spanien-Reiseseite

AP; DDP; Antje Blinda
Auch Sie locken Sonne, Sangria, Strände und Stadtkultur in den Süden? Wie viel wissen Sie über Ihre Gastgeber? Können Sie mehr als Ballermann? Testen Sie Ihr Wissen im Reisequiz bei SPIEGEL ONLINE.

Reiseziele

Welche Weltregion interessiert Sie? Wählen Sie einen Kontinent oder ein Land:

Der benötigte Flash Player 8 wurde nicht gefunden. mehr...