Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Portugals Norden: Degustation auf dem Thron

Die Algarve zieht die Massen an, die Umgebung von Porto die Genießer: Denn hier schätzt man die feine Lebensart und den Portwein. Vielleicht lag es am vielen"Tawny" und "Ruby", dass so mancher Kellerei-Besitzer ein moralisch eher zweifelhaftes Leben führte.

Porto - Der Norden Portugals hat es bei Urlaubern nicht ganz leicht. Viele Touristen zieht es vor allem an die Algarve und in die Hauptstadt Lissabon. Dann kommt lange Zeit gar nichts mehr - und erst sehr viel später die Atlantikküste, Porto und das Dourotal. Dabei hat auch der Norden starke Seiten, und Porto ist für eine große Hafen- und Industriestadt sogar ausgesprochen schön. Viele Häuser sind hier zwar nicht auf Hochglanz saniert. Aber das hat die Unesco nicht davon abgehalten, die Altstadt auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen.

Vila Nova de Gaia liegt südlich des Rio Douro. Während Porto in den vergangenen 25 Jahren rund 100.000 Einwohner verloren hat und heute nur noch rund eine Viertelmillion zählt, hat der Vorort ständig zugelegt. Dort gibt es am Fluss viele Restaurants, und dort haben traditionell auch die großen Portwein-Kellereien ihren Sitz.

Nackedeis auf Wandfliesen

Nach Vila Nova de Gaia kam auch Adriano Ramos Pinto im Jahr 1908, um seine eigene Kellerei zu bauen. Mit 21 Jahren hatte er sich selbstständig gemacht und hoffte nun auf gute Absatzchancen in vielversprechenden neuen Märkten wie Brasilien. Der Kunstliebhaber und Lebemann kultivierte seinen eigenen Stil: Die Rezeption ließ er mit Wandfliesen ausstatten, auf denen auch unbekleidete Schönheiten posieren - skandalträchtig zu seiner Zeit. "Er liebte Kunst, Wein und eben auch die Frauen", erzählt Leandra Ferreira bei einer Führung durch die Kellerei. Ein Freund der Ehe war er nicht, "seine fünf Töchter waren alle illegitim". In seinem Büro stehen noch ein Sekretär, Stühle und sogar eine Schreibmaschine aus seiner Zeit.

In einer Vitrine sind Etiketten ausgestellt, Plakate, mit denen Ramos Pinto für seine Weine warb, und natürlich Portweinflaschen aus den Jahren, als der Firmenchef regelmäßig selbst ein Schlückchen nahm. Wichtige Kunden nahm Ramos Pinto immer zu sich ins Büro, wo sie auf einem Stuhl Platz nehmen durften, der an einen Thron erinnert.

Im Keller hängt ein Hauch von Port in der Luft - wahrscheinlich müsste man nur lange genug tief inhalieren, um angetrunken zu werden. Riesige Fässer stapeln sich dort übereinander. Die Trauben kommen aus dem Dourotal östlich von Porto. Geerntet werden sie von Ende August bis Oktober. Der Wein reift dann in den kühlen Kellern von Vila Nova de Gaia und wird dort auch abgefüllt und verkauft. Ruby heißt der fruchtige rote, Tawny der eher nussige bräunliche Port. "Tawny trinkt man gerne nach dem Essen zum Dessert", erklärt Leandra Ferreira. Und es gibt ihn in unterschiedlichsten Abfüllungen, vier oder zehn, aber auch 30 oder 40 Jahre alt und dann entsprechend teuer.

Ein Besuch in der Kellerei von Ramos Pinto wäre nur halb so interessant, wenn man die Portweine dort nicht auch probieren könnte. Schließlich ist die Vielfalt groß: Es gibt zum Beispiel auch weißen Port und Vintage genannte Jahrgangsweine. Ramos Pinto ist nur eine von rund 80 Portweinkellereien. Die in Deutschland bekannteste dürfte Sandeman sein. In den Schaufenstern der Geschäfte in der Innenstadt ist die Auswahl riesig. Oft reichen die Flaschenregale vom Boden bis zur Decke. Ältere Vintage-Abfüllungen kosten leicht mehrere 100 Euro.

Industriestadt mit Prachtbauten

Porto ist zwar eher eine Metropole der Industrie als der Kunst, doch 2001 war es europäische Kulturhauptstadt. Auch dank seiner Architekturdenkmäler: Die Kathedrale gehört natürlich dazu, die auf das frühe 12. Jahrhundert zurückgeht und immer noch ein Hingucker ist; und auch der Palácio da Bolsa, der Börsenpalast aus dem Jahr 1844, in dem heute die Handelskammer untergebracht ist. Der Aktienhandel ist hier zwar Geschichte. Das Granitportal im ersten Stock, an dem Steinmetze jahrelang gewerkelt haben oder der "arabische Saal", der an die Alhambra von Granada in Südspanien angelehnt gestaltet wurde, beeindrucken aber noch immer.

Weitab von den Touristenstränden der Algarve: Porto ist eine Hafen- und Industriestadt im Norden Portugals an der Mündung des Douro
GMS

Weitab von den Touristenstränden der Algarve: Porto ist eine Hafen- und Industriestadt im Norden Portugals an der Mündung des Douro

Sehenswert ist auch der Bahnhof S. Bento aus dem Jahr 1900, der an der Stelle eines Klosters gebaut wurde. Die hohe Bahnhofshalle ist mit Wandbildern aus Kacheln dekoriert. Zu sehen sind Szenen aus der Geschichte Portugals und zum Beispiel aus dem Weinbau. Nicht weit entfernt steht die barocke Clérigos-Kirche, deren Turm mit 78 Metern so hoch ist, dass Seeleute ihn vom Atlantik aus sehen konnten. Er gilt als der höchste Portugals. Und wer die rund 200 Stufen bis ganz oben auf sich nimmt, wird mit frischem Wind und einem hervorragenden Blick auf die Altstadt, die Kathedrale und den Douro belohnt.

Nicht nur für Literaturfreunde ist die Libreria Lello in der Rua Carmelitas ein lohnender Abstecher. Die helle, neugotische Fassade der schönsten Buchhandlung

Portugals von 1906 fällt schon von weitem auf und steht mit ihrer vom Jugenstil inspirierten Innenausstattung heute unter Denkmalschutz. Die Regale sind aus dunklem Holz, die Decke ebenfalls. Eine Wendeltreppe führt ins obere Stockwerk, wo Bücherwürmer in einer Leseecke Kaffee trinken können. Wer sterile Kettenbuchhandlungen gewohnt ist, möchte sich am liebsten gleich dazusetzen.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Portugals Norden: Kühle Keller, schräge Gärten