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08. März 2012, 06:24 Uhr

Prachtvolle Skihänge

Schönheitsköniginnen der Alpen

Von Tim Tolsdorff

So viel Schönheit ist gefährlich: Manche Skipisten bieten derartig spektakuläre Panoramaaussichten, dass Wintersportler schon mal vergessen können, auf die Fahrspur zu achten. Wir stellen fünf Abfahrten vor, die unvergessliche Eindrücke garantieren.

Man kann sich für den nächsten Bergurlaub viele Ziele setzen: die kompromisslosesten Après-Ski-Partys zu zelebrieren, den saubersten Carving-Schwung auf einen frisch präparierten Hang zu zaubern oder möglichst viele Pistenkilometer in einer Woche abzureißen. Hunderte von Skigebieten im Alpenraum bieten jedem Typ Schneesportler seine geeignete Spielwiese, sie alle verfügen über eine mehr oder weniger sehenswerte Bergwelt.

Doch für manche Urlauber ist der Weg das Ziel: Sie sind auf der Suche nach der großen Kulisse, dem überwältigenden Panorama, das ihren Ferien einen würdigen Rahmen verleiht. Sie möchten diese eine Abfahrt erleben, an die sie sich noch Jahre später mit leuchtenden Augen erinnern.

Unser Autor hat in den Alpen nach Traumpisten gefahndet, deren Umgebung und landschaftliche Beschaffenheit sie vom ästhetischen Durchschnitt abheben. Wir stellen fünf Abfahrten vor, die man gemacht haben sollte - denn sie liefern Eindrücke, die für den Rest des Lebens unvergesslich bleiben.

Hochjoch-Totale im Montafon - High wie Hemingway

Der junge Mann mit dem Faible für das große Abenteuer war noch recht unbekannt, als er in den Jahren 1925 und 1926 zwei ganze Winter bei Schruns verbrachte. Im Hauptort des Montafons, wo die Dächer unter der Last meterhoher Schneewehen ächzten, arbeitete der Amerikaner fieberhaft an einem Manuskript, dass ihn im Jahr 1928 in den Olymp der Schriftsteller katapultieren sollte: "Fiesta" hieß das Buch, und der Autor war kein geringerer als Ernest Hemingway. Ins Montafon zogen ihn die Abgeschiedenheit und die winterliche Idylle.

Mit der Abgeschiedenheit ist es heute vorbei, doch auch Hemingway hätte wohl die Hochjoch-Totale gereizt. Über zwölf Kilometer und 1700 Höhenmeter zieht sich die Abfahrt vom Dach des Gebirgsstocks bis hinab an die Dorfgrenze von Schruns. Die Startpunkte für das Ski-Erlebnis liegen wahlweise auf dem Sennigrat (2.300 Meter) oder an der Bergstation der Hochalpilabahn (2400 Meter), die seit dieser Saison das Hochjoch mit der Silvretta Nova verbindet und damit das Montafon zum größten Skigebiet Voralbergs adelt. Weit blickt man vom Hochjoch über die Berge und Täler von Österreichs westlichstem Bundesland: Zur Rechten liegt das Silbertal, an dessen Schluss die Lifte des Sonnenkopfes zu erahnen sind. Nach Norden dagegen öffnet sich die Landschaft in Richtung Bludenz, Feldkirch und des dahinter liegenden Rheintals.

Abwechslung bietet die Abfahrt: Der längste Skitunnel der Welt führt durch den Fels auf die Nordseite des Bergs, unterhalb der Mittelstation eröffnet die durch lichten Bergwald mäandernde Serpentinenstrecke stets neue Ansichten auf das Montafon. Die Route vom Sennigrat mit seinem altersschwachen Sessellift verkürzt das Vergnügen zwar um einige hundert Meter, ist aber bei Ski-Cracks wegen der schwarzen Startrampe sehr beliebt. Die Aussicht auf diesen Hang hätte Hemingway das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen - einem Abenteuer war der schreibende Hasardeur nie abgeneigt.

Hochjoch-Totale, Länge: 12 Kilometer, Höhenunterschied 1700 Meter, www.silvretta-montafon.at

Titlis-Abfahrt in Engelberg - Bergpanoramen und Atomkraftwerke

Dieser Berg passt in kein Schema: Nur 30 Autominuten entfernt von Luzern reckt der Titlis seinen Gipfel in die dünne Luft oberhalb von 3200 Metern. Die Flanken des Riesen, der als erste Barriere die von Nordwesten heranbrausenden Schneewolken um ihre wertvolle Fracht erleichtert, werden von gleich drei Kantonen beansprucht - Obwalden, Bern und Nidwalden.

Schon die Bergfahrt gerät zum Erlebnis: Durch die Fenster der rotierenden Kabine in der Gipfelsektion kann man das umliegende Gelände bequem in Augenschein nehmen. Oben dann ein spektakulärer Ausblick auf die Landschaft: das Haslital und die Berner Alpen im Süden, die Zentralschweiz im Norden. "Weit hinten kann man zwei der vier Schweizer Atomkraftwerke erkennen", sagt ein Boarder neben mir. Es ist kein Scherz: Weiße Säulen aus Wasserdampf markieren die Reaktoren von Gösgen und Beznau, runde 80 Kilometer entfernt. Dahinter, als weiße Linie über dem Dunst am Horizont, sind die Bergrücken des Jura zu erkennen. Ein ähnliches Bild geben weiter östlich die verschneiten Bergzüge des Hochschwarzwalds ab.

Nach einigen entspannten Carving-Schwüngen auf sanften Gletscherhängen fordert die unpräparierte, ruppige Buckelpiste hinab nach Stand (2428 Meter) volle Konzentration. Mit brennenden Oberschenkeln rettet man sich schließlich auf eine rote Piste, die bis zum Trübsee auf 1800 Meter führt. Dort ist man dankbar, für den Transfer zur Talabfahrt in den Sessellift einsteigen zu müssen, der einen trockenen Fußes über den See bringt. Auf den abschließenden Pistenkilometern hinab nach Engelberg findet man schließlich die Muße, das Panorama der umliegenden Bergketten aus der Froschperspektive ausgiebig zu genießen.

Abfahrt vom Titlis nach Engelberg, Länge: 12 Kilometer (inkl. Zwischenlift), Höhendifferenz: 2000 Meter, www.engelberg.ch

Axamer Abfahrt von der Axamer Lizum: Relikt aus Naturschneezeiten

1964 wurde das Skigebiet auf der Axamer Lizum anlässlich der Olympischen Winterspiele in der Tiroler Landeshauptstadt Innsbruck aus dem Boden gestampft. Damals - und bei der Neuauflage der Wettbewerbe 1976 - fanden auf der Alm unterhalb der markanten Kalkkögele die alpinen Rennen der Damen statt. Es waren Zeiten, in denen man an die künstliche Beschneiung der Pisten noch keinen Gedanken verschwendete - erst recht nicht angesichts der schneesicheren Höhenlage des Skigebiets (1740-2340 Meter).

Heute lässt sich auch der Großteil der Pisten auf der Axamer Lizum technisch beschneien. Eine Ausnahme bildet das Kleinod des Skigebiets: Die rund acht Kilometer lange Abfahrt vom Pleisen (2235 Meter) ins Dorf Axams auf 874 Metern Seehöhe. Wohl keine andere Piste der Region liefert ein derart beeindruckendes Panorama des Inntals wie die ersten Kilometer der schwarz markierten Abfahrt Nr. 8. Die wenigen Gäste, die sich auf die Trasse verirren, gleiten einen Höhenrücken entlang, auf dem es sich durchaus bezahlt macht, den einen oder anderen Halt einzulegen. Im Westen reicht der Blick flussaufwärts über Kematen und Zirl bis weit ins obere Inntal. Im Osten breitet sich Innsbruck im Tal aus wie ein Krake, überragt von der mächtigen Nordkette. Im Hintergrund ist gar der Eingang ins Zillertal zu erahnen.

Weiter unten taucht man ein in die Stille und Einsamkeit des dichten, dunklen Bergwalds, reiht ungestört Schwung an Schwung, während die Berge auf der anderen Seite des Inntals in die Höhe zu wachsen scheinen und der Talgrund hinter der Kulisse der Talschulter aus dem Blickfeld gerät. Nur ab und zu erinnern überholende Gäste oder einzelne Tourengeher daran, dass man die Abfahrt nicht exklusiv hat.

Während der kurzen Pausen kreisen die Gedanken darum, dass derart leere Pisten, auf denen statt eines massiven Kunstschneepanzers ab und an apere Stellen das Vergnügen stören, im Alpenraum selten geworden sind. Unten schwingen die stillen Genießer direkt an der Haltestelle des Skibusses in Axams ab, der sie zurück auf die Lizum bringt. Im Bus dämmert dann die Erkenntnis, dass die Piste Nr. 8 ein Relikt aus jenen Zeiten ist, in denen Talabfahrten nur dann zu machen waren, wenn Frau Holle sich gnädig zeigte.

Axamer Abfahrt, Länge: 7,5 Kilometer, Höhendifferenz: rund 1300 Meter, www.axamer-lizum.de

Vom Lagazuoi nach Armentarola - Berg mit zwei Gesichtern

Tierfreunde müssen schwitzen - alle anderen Wintersportler, die gerade vom Kleinen Lagazuoi (2800 Meter) in den Dolomiten abgefahren sind, lassen am Ende der Piste drei Euro springen, um sich von einem Pferdeschlitten die zwei Kilometer zurück zu den Liften von Alta Badia schleppen zu lassen. Die Fahrt durch das malerische Hochtal, untermalt vom Gebimmel der Pferdeglocken, gibt ausgiebig Gelegenheit, die Eindrücke der vergangenen Stunden Revue passieren zu lassen. Allemal ist der Rückweg nach Alta Badia idyllischer als der Transport hin zur Talstation der Lagazuoi-Gondel: Auf den Falzarego-Pass (2105 Meter), der Armentarola mit Cortina d'Ampezzo verbindet, geht es nur per Auto oder Taxi.

Im Ersten Weltkrieg war der Lagazuoi Schauplatz grausamer Kämpfe zwischen Italienern und Österreichern. Die Gebirgsjäger gruben Stollen in den Berg, um ganze Flanken mitsamt den Besatzern abzusprengen. Gelegentlich lösten die Widersacher auch Lawinen aus, die den Feind vom Berg fegen sollten. Heute sind viele Stollen und Schützengräben noch aus der Gondel zu erkennen, die sich in kühnem Bogen an der Südflanke des Bergs emporschwingt. Auf der anderen Seite sind dann alle Gedanken an Krieg und Gewalt vergessen - über sanfte Geländewellen zieht eine der Traumpisten in den Alpen zu Tal.

Nacheinander rücken die gewaltigen, rotbraunen Felstürme von Großem Lagazuoi (2835 Meter), Conturines (3077 Meter) und La Varella (3043 Meter) ins Blickfeld, während die großzügige Piste weite Carving-Schwünge zulässt und gleichzeitig zu Kurzschwüngen verführt, die das Vergnügen ungemein verlängern. Weiter unten passieren die Wintersportler die Hauptattraktion der Abfahrt: vereiste Wasserfälle, die in mehreren Kaskaden über eine Felswand links der Piste talwärts strömen. Keinesfalls verpassen sollte man die Einkehr in der malerischen gelegenen Scotoni-Hütte, wo Gegrilltes vom offenen Feuer angeboten wird. Nach rund acht Kilometern werden die Bezwinger des Lagazuoi schließlich von den Pferdeschlitten erwartet und dürfen sich auf einen gemütlichen Rückweg nach Armentarola freuen - ausgenommen die Tierfreunde, versteht sich.

Abfahrt Lagazuoi-Armentarola, Länge: 7,5 Kilometer, Höhendifferenz: 1130 Meter

Forcella Rossa über Cortina d'Ampezzo - Auf den Spuren von James Bond

"In tödlicher Mission" befand sich Roger Moore alias James Bond 1981 im italienischen Skiort Cortina d'Ampezzo. Vor der Kulisse des gewaltigen Tofana-Massivs musste sich der Agent den Angriffen eines Killers erwehren, der sich als DDR-Biathlet tarnte. Wie die Schießerei ausging, ist wenig überraschend: Der kapitalistische Held siegte über seinen sozialistischen Widersacher. Weitere Bösewichte mischte Bond auf den Pisten und in der olympischen Bobbahn des Nobelorts auf.

Auf eine ebenso beeindruckende wie gefährliche Mission begeben sich jene Wintersportler, die von den oberen Hängen der Tofana bis nach Cortina d'Ampezzo abfahren wollen. Das Panorama von der Bergstation der zweiten Sektion jedenfalls sucht seinesgleichen: Über dem sanften, bewaldeten Talgrund von Cortina ragen mit dem Cristallo (3216 Meter) und dem Sorapis (3205) zwei der höchsten Dolomitengipfel auf und leuchten rötlich im Licht der Bergsonne.

Seinesgleichen sucht aber auch die folgende Abfahrt. Die Forcella Rossa wird durch einen Geländedurchbruch vom Hochplateau Ra Valles erschlossen. Extrem steil und am Einstieg äußerst schmal, stellt sie für fast alle Skifahrer eine veritable Herausforderung dar und wirft die Frage auf, warum die Piste bei den alljährlich publizierten Reportagen über die schwersten Hänge der Alpen keine Berücksichtigung findet.

Nach dieser Mutprobe folgt der gemütliche Teil des Tages: Rot und blau markiert zieht sich die Abfahrt vorbei am Restaurant Rumerlo durch den lichten Nadelwald und gibt dem Besucher die Möglichkeit, beim sanften Dahingleiten jene landschaftlichen Impressionen aufzusaugen, denen er sich im Steilhang nur peripher widmen konnte.

Kurz vor dem Erreichen der Talstation lässt Mister Bond grüßen: Parallel zur Piste verläuft hier die Bobbahn, deren Einfassung aus Beton sich wie eine gigantische Schlange durch den Bergwald windet. Zurück zur Gondel kommt man schließlich über eine pittoreske Holzbrücke - spätestens im darunter gurgelnden Bergbach wäre auch die Flucht des britischen Geheimagenten beendet gewesen, hätte er seine Widersacher nicht zuvor in die ewigen Jagdgründe geschickt.

Talabfahrt Ra Valles - Cortina , Länge: k.A., Höhendifferenz: circa 1300 Meter

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