Prora auf Rügen Das entnazifizierte Betonmonster

Seit den dreißiger Jahren verschandelt ein kilometerlanges Betongebäude den Strand von Prora auf Rügen. Statt "Kraft durch Freude"-Urlaubern residierten in dem Monumentalbau nach dem Zweiten Weltkrieg Soldaten - jetzt entsteht hier eine Jugendherberge.


Prora - Am Strand sitzen, Gitarrenklängen lauschen und den Blick über die Ostsee schweifen lassen, während im Rücken die Sonne langsam hinter einem kilometerlangen Betonbau verschwindet: Im Binzer Ortsteil Prora auf Rügen soll dieses Art von Erholung für Gäste mit eher schmalem Geldbeutel ab 2010 möglich sein. Denn das Deutsche Jugendherbergswerk (DJH) will in dem von den Nazis geplanten Monumentalbau eine ihrer bundesweit größten Unterkünfte mit 500 Betten eröffnen. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung käme dann zum Ende des Jahrzehnts wieder dauerhaft Leben in den gigantischen Betonriegel.

"Endlich kommt Bewegung nach Prora, das ist eine wunderbare Sache", freut sich Horst Schaumann, der Bürgermeister von Binz. Wenn der Landkreis den so genannten Block V kauft, saniert und dem DJH überläßt, könnten sich auch die Eigentümer der anderen Blocks der rund drei Kilometer langen Anlage an Rügens Ostküste animiert fühlen, ihre Pläne zu verwirklichen. Schließlich füllt die Jugendherberge nur einen kleinen Teil der sechsgeschossigen Anlage am nördlichen Ende Proras. In den ersten beiden Blocks sollen Ferien- und Eigentumswohnungen entstehen, für den dritten hat ein anderer Investor ein Sport- und Jugendhotel vorgesehen.

Betonriegel unter Denkmalschutz

Die Nazis planten Prora in den dreißiger Jahren als "Kraft-durch-Freude"-Bad. Jeweils 20.000 "Volksgenossen" sollten gleichzeitig an einem der schönsten Strände Deutschlands durch preiswerten Urlaub ideologisch gestählt und wehrtüchtig gemacht werden. Wegen Prora bekam Rügen eine Brücke zum Festland und eine Eisenbahnlinie. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Arbeiten gestoppt.

Als die Rote Armee den Stahlbeton nicht sprengen konnte, wurde der Rohbau nach 1945 eher notdürftig und keineswegs so elegant wie einst geplant vollendet und bis 1990 militärisch genutzt. Seitdem steht Prora größtenteils leer und unter Denkmalschutz. Nur einige Museen und Galerien füllen einen Bruchteil des Betonklotzes.

Die Geschichte spiele inzwischen "keine Rolle mehr", versichert Schaumann. Schließlich sei das KdF-Bad nie fertig geworden und im Sinne der Nazis genutzt worden. Auch die nach der Wende auf der Insel entbrannten Debatten um die Nutzung Proras habe sich entspannt. Damals fürchteten sich die Hoteliers vor zu viel Konkurrenz und die Umweltschützer vor zu vielen Touristen. Inzwischen stagnieren die Gästezahlen auf Rügen. Eine attraktive Jugendherberge könnte den Nachschub sichern. "Das sind unsere Gäste von morgen", glaubt Schaumann.

500 Betten mit Seeblick

Dirk Hohls, DJH-Chef in Mecklenburg-Vorpommern, hat am Erfolg der Prora-Herberge keinen Zweifel. In den neunziger Jahren betrieb das DJH zeitweise im Block II eine Herberge. Jährlich zählte Hohls 69.000 Übernachtungen - "bei einem Standard, der heutigen Ansprüchen Hohn spotten würde". Die neue Jugendherberge wird 500 Betten in Zimmern mit Seeblick bekommen. Alle Gäste in einer Kantine versorgen zu können, werde "eine logistische Herausforderung", so Hohls, denn der Denkmalschutz schränke die Möglichkeiten ein, einen effektiven Küchentrakt einzurichten.

Der gut zwölf Millionen Euro teure Bau wird vor allem von der EU, dem Bund und dem Land Mecklenburg-Vorpommern bezahlt. Das DJH beteiligt sich mit einer Million Euro. Schwerins Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) wird auf Rügen nach vor Ostern zum ersten Spatenstich erwartet. Wem die Jugendherberge in Prora nicht ausreichend lagerfeuer-romantisch ist, kann bereits im Spätsommer 2007 in unmittelbarer Nachbarschaft sein Zelt aufschlagen.

Raymund Karg von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben freut sich unterdessen über den Verkauf eines weiteren Prora-Blocks. Als letzter bundeseigener Teil soll Block IV im Sommer auf den Markt gebracht werden. Im Erfolgsfall wäre der Bund dann nach knapp 17 Jahren einen finanziellen Klotz am Bein los. Zeitweise kostete die Sicherung und Pflege Proras über eine halbe Million Euro pro Jahr. Selbst jenes Gelände, auf dem zwei von den Sowjets zu Ruinen gesprengte Blöcke stehen, konnte der Bund versteigern. Eine Liechtensteiner Firma plant laut Bürgermeister Schaumann einen Kletterpark und eine Aussichtsplattform.

Andreas Frost, AFP



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