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Proteste gegen Party-Touristen: Barcelona hat genug

Lautes Grölen zu jeder Uhrzeit, nackt einkaufen, steigende Mieten: In Barcelonas Stadtteil Barceloneta machen zu viele Touristen den Anwohnern das Leben schwer. Die wollen sich das nicht länger bieten lassen.

Proteste gegen Party-Touristen: Barcelonas Einwohner sind empört Fotos
DPA

Jede Nacht Lärm, betrunkene junge Leute, manchmal sogar Nackte auf den Straßen: Die Einwohner von La Barceloneta sind mit ihrer Geduld am Ende. Seit Mitte August gehen in dem ehemaligen Fischerviertel im spanischen Barcelona Hunderte Einwohner auf die Straße.

Mit Transparenten wie "Barceloneta empört sich" oder "Nein zu Touristenapartments" demonstrieren ganze Familien seit Mitte August immer wieder gegen den Massentourismus und das "asoziale" Verhalten der immer zahlreicheren Besucher.

Ausgelöst hatte die Proteste ein eher harmloser Vorfall: Eine kleine Gruppe von Urlaubern war völlig nackt durch die Hauptstraße des Viertels spaziert und in einen Supermarkt gegangen. Der Besitzer wies die jungen Männer hinaus. Ein Anwohner fotografierte die Szene und verbreitete die Bilder im Internet. "Dies war kein Einzelfall. Die Touristen tun hier, was sie wollen", beklagte der Hobbyfotograf.

Foto von nackten Touristen war der Auslöser

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Ähnlich wie in einigen Berliner Szene-Bezirken sorgen volltrunkene Touristen in der Barceloneta schon seit Jahren für Unmut. Die Bewohner klagen darüber, dass betrunkene Touristen in die Hauseingänge pinkeln und in Ferienwohnungen bis tief in die Nacht lautstark gefeiert werde. Die Fotos der jungen Reisenden, die splitternackt zum Einkaufen gingen, brachten das Fass nur zum Überlaufen. "Damit leben wir täglich", sagt der 59-jährige Manel Serrano, neben ihm seine etwa 90-jährige Mutter im Rollstuhl.

"Nachts füllt sich das alles mit illegalen Partys, Saufgelagen, Leuten, die auf der Straße herumgrölen. Das ist jämmerlich und unerträglich." Hinzu kommt, dass das direkt am Meer gelegene Viertel dicht besiedelt ist. "Es ist sehr schwierig, damit zu leben", sagt die 39-jährige Hausfrau Eva Corbacho. "Ich habe drei Kinder, und ich möchte nicht, dass sie solche Sachen sehen."

Illegale Ferienapartments treiben Mieten in die Höhe

Das auf einer Halbinsel gelegene Viertel Barceloneta war von Touristen lange Zeit gemieden worden, obwohl es unmittelbar an einen breiten Sandstrand angrenzt. Der Stadtteil galt als Armenviertel, in den kleinen Wohnungen lebten vor allem Fischer und Industriearbeiter. Dies änderte sich, als zu den Olympischen Spielen 1992 eine Strandpromenade angelegt und ein Teil der Gebäude in den engen Straßenschluchten renoviert wurde. Damit wurde das Viertel auch für den Tourismus interessant. Inzwischen ist der neu angelegte Strand der Barceloneta einer der beliebtesten Orte Barcelonas.

Die Proteste richten sich vor allem dagegen, dass Wohnungen illegal als Ferienapartments an Touristen vermietet werden, was die Mieten in die Höhe treibt. Nach Informationen der Lokalpresse sind in Barceloneta, wo etwa 16.000 Menschen leben, nur 72 Ferienwohnungen legal zugelassen. Die Demonstranten schätzen die Zahl der illegalen Quartiere auf mehr als tausend. "Sie spekulieren, die Mieten steigen, und wir, die schon immer hier leben, können sich das nicht mehr leisten", klagt die Arbeitslose Pilar Lozano.

Der Stadtverwaltung werfen die Anwohner Untätigkeit vor. Daher verstärkte sie vor Kurzem die Polizeistreifen. Auch wird nun öfter überprüft, ob Wohnungen illegal an Touristen vermietet werden. Ende April verfügte das Rathaus einen Stopp für neue Touristenapartments im Zentrum. "Bisher war unsere Arbeit auf die Förderung des Tourismus ausgerichtet, aber jetzt gilt es, diesen Sektor besser zu regulieren", räumt Sónia Recasens ein, die Wirtschaftsbeauftragte der Stadt.

Die Stadt wird zum Vergnügungspark

Auch im historischen Zentrum Barcelonas, rund um die Sagrada Família und den Park Güell des Architekten Antoni Gaudí, klagen die Einwohner seit Langem über zu viele Touristen. In einer im Juli veröffentlichten Umfrage der katalanischen Metropole steht der ausufernde Tourismus bei den Sorgen an vierter Stelle - hinter Arbeitslosigkeit, Wirtschaft und mangelnder Sicherheit.

In der Hafenstadt am Mittelmeer, berühmt für ihre Architektur, ihr kulturelles Angebot, ihre Strände und ihr angenehmes Klima, explodierten die Übernachtungszahlen in Hotels zwischen 1990 und 2013 von 1,7 auf 7,5 Millionen - bei einer Bevölkerung von 1,6 Millionen. Bezieht man andere Unterkunftsarten und Tagesbesucher mit ein, so kommen nach Angaben der Stadt bis zu 27 Millionen Touristen im Jahr. "Dieses auf grenzenlosem Wachstum basierende touristische Modell kann nicht so fortbestehen, weil es das Leben der Einwohner erheblich stört", sagt Lluís Rabell, Vorsitzender der Nachbarschaftsvereine von Barcelona. "Es verwandelt die Stadt in einen Vergnügungspark."

Am meisten betroffen sind die Ramblas und das gotische Viertel, wo Touristenhorden manchmal sogar den Fußgängerverkehr blockieren. "Wir brauchen rasche Lösungen", fordert auch die Tourismusforscherin Saida Palou. "Ohne den Tourismus kommt Barcelona nicht aus, weil er zwischen zehn und zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Er bringt Dynamik und großen kulturellen Reichtum. Aber wenn man dafür solche sozialen Missstände in Kauf nehmen muss, dann stimmt etwas nicht."

jkö/AFP/dpa

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insgesamt 64 Beiträge
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1. ist Toleranz soooo schwer?
sok1950 08.09.2014
Die Touristen bringen doch Geld mit. Spätrömische EU-Dekadenz hat nun mal ihre Auswüchse.
2. Vernünftig
el-gato-lopez 08.09.2014
Durchaus nachvollziehbar. Der Hipster-Prekariats-Studenten-Rucksack-Touri besucht zwei 2-3 Geschäfte, die im Lonely Planet stehen und gibt während seines Aufenthalts den Gegenwert eines Schokoriegels aus - ist ja alles "soooo teuer". Dem lokalen Kleingewerbe bringt das nichts. Der Hipster-Städtetouri gibt zwar mehr aus, bewegt sich aber konsumtechnisch in der gleichen Schiene aus Touriläden, überteuerten Ferienwohnungen / Hotels und überteuerten / miesen Tapas-Bars. Beide Gruppen halten dafür den öffentlichen Raum, in dem sie sich bewegen für einen Touri-Vergnügungspark für wohlstandsgesättigte Spätpubertierende, in dem die Einheimischen gefälligst brav mitzuspielen haben.
3. Wutbürger ...
tobiash 08.09.2014
... gibt es also nicht nur in Deutschland - sehr beruhigend! Zwischen dem Wehklagen um die miserable wirtschaftliche Zukunft und dem Geschrei über die aktuelle Massenarbeitslosigkeit mischt sich also die Sorge um die Zunahme des Tourismus. Liebe Barcelonier, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Dass sich die englischen Touristen oft und die russischen Touristen grundsätzlich daneben benehmen ist ein weltweites Problem. Und die "privaten" Zimmervermietungen durch AirBNB lassen nicht nur die Mieten steigen, sie spülen auch Geld in die Kassen der klammen Bauträger. Statt zu lamentieren solltet ihr lieber mitfeiern. Das Leben ist viel zu kurz zum Ärgern. Prost!
4. Hm
Herr Hold 08.09.2014
des einen Leid ist des anderen Freud'. Soll man den Touristen verbieten nach Barcelona zu reisen? Was machen dann die Menschen, die vom Tourismus leben?
5.
themistokles 08.09.2014
Zitat von sok1950Die Touristen bringen doch Geld mit. Spätrömische EU-Dekadenz hat nun mal ihre Auswüchse.
Ja, sie bringen Geld mit. Dürfen sie sich deshalb umgekehrt alles herausnehmen? Warum meinen eigentlich viele Touristen immer, sich im Urlaub wie die Sau benehmen zu müssen?
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