Provence Die tönernen Heiligen von Marseille

Epizentrum der internationalen Santon-Welle ist Marseille: Dort wurden die ersten Krippenfiguren aus Brotkrümeln geknetet und mit Ölfarbe bunt bemalt. Heute gesellt sich zu Josef, Maria und Jesus ein breites Spektrum an Provence-typischen Figuren: Fischer, Wahrsagerinnen und Winzer.


Qual der Wahl: Die Palette der Santons-Figuren reicht vom Briefträger über Jäger bis zum individuellen Porträt
GMS

Qual der Wahl: Die Palette der Santons-Figuren reicht vom Briefträger über Jäger bis zum individuellen Porträt

Marseille - Sorgfältig bemalte Figuren aus Ton oder Terrakotta bevölkern in der Vorweihnachtszeit die Provence. Kaum einen südfranzösischen Weihnachtsmarkt gibt es, auf dem die oft nur wenige Zentimeter hohen so genannten Santons nicht auf Sammler und Liebhaber warten. Ursprünglich rein biblische Krippenfiguren, mischen sich immer mehr "urige Typen" der Provence als bunte Botschafter südfranzösischer Folklore und Tradition unter die heilige Familie - die Frau mit dem Fußwärmer oder der Fischer mit der roten Mütze,

Der Begriff Santon leitet sich vom provenzalischen "santoun" ab, was so viel bedeutet wie kleiner Heiliger. Zum winterlichen französischen Süden gehören die Figuren wie im Sommer der Lavendel und das Azurblau des Mittelmeeres. Angesichts der Sammlernachfrage nach den Krippenfiguren gibt es auch "Fabriken", die jährlich eine halbe Million Santons wie am Fließband produzieren.

Bei den zahlreichen Liebhabern deutlich begehrter sind jedoch die Krippenfiguren, die von etwa hundert so genannten Santonniers in mühevoller und aufwendiger Handarbeit gefertigt werden. "Ich komme in meinem Atelier höchstens auf 5000 im Jahr - und das auch nur, wenn wir 360 Tage arbeiten", sagt Philippe Fournier, Santonnier aus dem Weinort Séguret in der hügeligen Vaucluse-Region. In Reih und Glied stehen die kleinen Gesellen auf den Regalen und scheinen nur darauf zu warten, von der Geschichte des mittelalterlichen Ortes zu erzählen.

Handgemacht: Die Santons werden heute getöpfert und nicht mehr aus Brotteig geknetet
GMS

Handgemacht: Die Santons werden heute getöpfert und nicht mehr aus Brotteig geknetet

Im Jahr 1983 übernahm Fournier, früherer Pilot der französischen Luftwaffe, die kunsthandwerkliche Arbeit von seinem Vater - "nach einer Ausbildung bei Santonnier-Meister Fouqué in Aix-en-Provence". Vom Jäger bis zum Briefträger und dem alten Friseur finden sich bei Fournier alle als Figur wieder, die das Leben in Séguret ausmachen: "Es war eben mein Traum, alltägliche Szenen zu schaffen: die Märkte und die Weinlese, die Leute, wie sie zur Messe gehen."

Vor mehr als zwei Jahrhunderten erblickten die ersten Santons das Licht der Provence. Ursprünglich aus Brotkrumen geformt und mit Ölfarbe lackiert, wurden die kleinen Heiligen von Jean-Louis Lagnel (1764 bis 822) aus Marseille erstmals auf tönerne Füße gestellt. Die Hafenmetropole gilt auch heute noch als Epizentrum einer mittlerweile internationalen Santon-Welle - auf der Canebière am Vieux Port treffen sich seit nunmehr 200 Jahren Ende November oder Anfang Dezember die Sammler zum wichtigsten aller Santon-Märkte.

Die Santon-Kultur ist auch mit der Französischen Revolution verknüpft: "Als damals die Mitternachtsmessen verboten und Gotteshäuser geschlossen wurden, hatte Jean-Louis Lagnel die geniale Idee, das Jesuskind und die ganze Krippenszene ins Haus zu holen - er formte und goss die Figuren und "demokratisierte" damit die Krippe", erklärt Santonnier Daniel Scaturro aus Aubagne. Für ihn ist Marseille zwar der Geburtsort der tönernen Figuren, Aubagne jedoch die Wiege: "Dort lebte Thérèse Neveu, die erste Frau unter den Santonniers." Sie formte Ende des 19. Jahrhunderts auch eine Figur des russischen Zaren Nikolaus II. und machte die Santons damit international bekannt.

Und so nehmen die Krippenfiguren und provenzalischen Alltagstypen in den Familienwerkstätten Gestalt an: Zuerst wird der Ton mit Wasser weich geknetet und gereinigt. Aus dem dann lange und kühl gelagerten Material formt der Santonnier eine Figur und macht einen Gipsabdruck. Das ermöglicht Reproduktionen, die sorgfältig retuschiert, poliert und bis zu zwei Monate lang getrocknet werden. Nach dem Brennen der zerbrechlichen Figuren bei einer Temperatur von nahezu 1000 Grad Celsius ist der wichtige letzte Schritt angesagt: Der Santonnier trägt nach und nach Ölfarbe auf, gibt dem Provenzalen einen schwarzen Schnurrbart, der Bäuerin Tupfer auf das Kleid und dem Bürgermeister eine Schärpe.

"In einem wunderbaren Anachronismus haben die Provenzalen rund um die Krippen ein ganzes Völkchen versammelt, das vom Korbflechter bis zu der Spinnerin ihrem Leben entstammt", berichtet der Santonnier Claude Carbonel aus Marseille. Die fein bemalten Figürchen seien einfacher Ausdruck einer "authentischen Naivität", hebt er nicht ohne Stolz hervor. Mit der Ausdauer und Leidenschaft des Kunsthandwerkers sorgten die Santonniers sozusagen für ein "einfühlsames Elternhaus" der Krippenfiguren. Je realistischer und farbenprächtiger diese daherkämen, desto begehrter seien sie bei der Sammler-Schar, sagt Carbonel.

Die provenzalische Krippe bleibt so eine "lebendige" Welt: Neue Figuren kommen hinzu, setzen sich bei den Sammlern jedoch nicht immer durch. Den Pfarrer in der schwarzen Soutane und mit dem großen Hut gibt es seit mehr als acht Jahrzehnten - er hat sich also in die Reihe der traditionellen Santons eingefügt. Andere dagegen verschwinden nach einer vorweihnachtlichen Saison von der Bildfläche. Die Sammler sind eben nicht nur zahlreich, sondern auch wählerisch. Und wer selbst zu einem kleinen tönernen Heiligen werden will, den verewigt der "Santonnier-Porträtist" Patrick Haddou aus Oppède in der Vaucluse - je nach Belieben auch in Jeans und mit Baseballkappe.

Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms



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