Lavendelfelder in der Provence: Leben in Lila

Von Helge Sobik

Im Sommer scheint sich eine Stoffbahn in Lila über die Täler zu breiten: In der Hitze der Hochprovence blüht und duftet der Lavendel. Doch das violette Antlitz der südfranzösischen Landschaft ist bedroht. Schädlinge und das Klima machen den Bauern zu schaffen.

Lavendelblüte: Duft der Provence Fotos
imago

Neulich war sie in Paris. Es hat ihr dort nicht sonderlich gefallen. Nirgends war es lila, und es duftete nicht nach Lavendel. Dabei merkt sie längst nicht mehr, wenn es nach Lavendel riecht. Aber sie nimmt sofort wahr, wenn es mal nicht mehr danach duftet - und hat für derlei Notfälle stets ein kleines Fläschchen mit aromatischer Essenz dabei.

Régine Liardet ist Bäuerin in Sault-en-Provence. Auf den Feldern der Familie baut sie in dritter Generation an, was zum vergänglichen Wahrzeichen Südfrankreichs geworden ist: Lavendel.

Von Mitte Juni bis Ende August blüht er - abhängig von Sorte und Höhenlage. Es ist dann, als ob fast über Nacht eine einfarbige Stoffbahn in Lila auf die Täler und Plateaus der Hochprovence im Département Vaucluse, Frankreichs wichtigstem Anbaugebiet für Lavendel, herabsinkt und die Landschaft für die acht, neun schönsten Wochen des Jahres neu einkleidet.

Régine kann nicht ohne. Das Gewächs mit den fast türkisfarbenen schmalen Blättern und den intensiv violetten Blüten ist ihr Lebensinhalt geworden. "Ich bin mit dieser Pflanze groß geworden," sagt sie. "Alles bei uns dreht sich darum. Schon mein Kinderwagen roch danach, und mit fünf habe ich zusammen mit meinem Zwillingsbruder das erste Mal bei der Ernte mitgeholfen."

140 Kilo für einen Liter Essenz

Im Sommer, wenn die Hitze auf der Hochebene rund um Sault flirrt und der Mistral von See her über die Berge streicht, dann liegt der intensive süße Geruch der Lavendelblüten über der Landschaft, über den Orten, über jedem einzelnen Tischchen auf den Bistroterrassen. Und auch in sämtlichen anderen Monaten ist er für Régine Liardet da, wenn sie im Laden ihres Bauernhofs hinterm Tresen steht und Lavendelprodukte verkauft: Aromakissen, Essenzen, Seife, Kosmetik. Und getrocknete Lavendelsträuße, die schätzt sie selber am meisten.

Hinterm Haus stehen die großen Kessel der Destillieranlage, um aus dem frischen Lavendel die kostbaren Essenzen für die Parfumherstellung zu gewinnen. 140 Kilogramm sind nötig, um einen Liter Flüssigkeit zu erzeugen, der für 120 bis 140 Euro an die Weiterverarbeiter geht. Bei der weniger hochwertigen Lavandin-Pflanze reichen im Unterschied zum "wahren" Lavendel 45 Kilo für einen Liter.

Schmetterlinge taumeln derweil überall in der Gegend im leichten Sommerwind, Bienen surren im Akkord von Blüte zu Blüte. Während der Zeit sind Dörfchen wie Sault überlaufen, quälen sich Busse mit Ausflüglern über enge Passstraßen hier hoch. Sogar Wohnmobile sind dabei. Die Tapfersten ackern im Schritttempo mit dem Fahrrad herauf. Ihr Glück ist, dass es irgendwann auch wieder abwärts geht.

Arbeitgeber für Millionen

So sehr ist die Blüte Inbegriff des Südens, dass es die Touristen in Scharen hierher zieht. Und kaum ist die Ernte halbwegs abgeschlossen, wird es wieder still in den Orten. Dann kommen einem auf 30 Straßenkilometern, in Serpentinen und Haarnadelkurven nur noch zwei, drei Fahrzeuge entgegen. Dabei ist die Landschaft, dieser Wechsel aus grauem Fels der Berge und Pinien, aus schroffen Kämmen und weiten Plateaus noch immer genauso spannend. Und der Lavendelduft scheint ohnehin für immer über den Äckern zu hängen.

Das lila Antlitz der Provence ist ernsthaft in Gefahr - obwohl noch immer allein auf dem Plateau von Sault 60 Familienbetriebe für sie Sorge tragen. Tatsächlich hat sich die Anbaufläche des Lavendels binnen der letzten zehn Jahre halbiert. Schuld sind Schädlinge, die der Pflanze zusetzen, aber auch das Klima trägt seinen Teil bei. So schützt Schnee den empfindlichen Lavendel vor strengem Frost. In den vergangenen Jahren aber fiel nur wenig davon, während es kalte Winter gab.

"Lavendelbauer kannst du nur aus Liebe sein", sagt Régine Liardet. "Und aus Tradition." Der Verdienst steht in kaum einem Verhältnis zum Aufwand. Trotzdem wird ihr Sohn Guillaume den Hof übernehmen und weitermachen, solange es geht.

Und solange Familien wie die Liardets ihren Lavendel anbauen, solange wird wohl auch Bernard Voisin zwischen den Feldern unterwegs sein: Der drahtige Mann, der mit seinem weißen Schnurrbart ungefähr so aussieht wie Asterix, ist Imker - der einzige auf dem Plateau von Sault, der das hauptberuflich macht. Für ihn sind über 19 Millionen Beschäftigte im Einsatz. 320 Stöcke hat er in der Region verteilt, jeder davon ist etwa 60.000 Bienen stark.

Gelassene Bienen des Südens

"Die Standorte", erzählt er, "müssen vor allem für die Bienen gut geeignet sein, nicht unbedingt für mich." Deshalb hat er sich ein Auto mit Allradantrieb kaufen müssen: "Denn an manche Stellen gelange ich nur rückwärts, an andere nur im ersten Gang." Er lacht, der ganze weiße Imkeranzug scheint zu vibrieren. Für Wanderer müssen die Stöcke möglichst unzugänglich sein. Zudem darf der Standort nicht zu windig und sollte möglichst auch nicht der prallen Sonne ausgesetzt sein.

Wenn Bernard Voisin alles richtig macht, kann er im Jahr sechs bis zehn Tonnen Honig gewinnen. Den verkauft er in alle Welt - und im eigenen Laden vor Ort an Menschen wiederum aus aller Welt. An diejenigen, die vorbeischauen, um die Provence in Lila leuchten zu sehen. An Urlauber, die froh sind, dass Leute wie Régine und Guillaume Liardet ihre Heimat so sehr mögen und ihren Hof nicht längst aufgegeben haben.

Wie oft Bernard von seinen Bienen schon gestochen wurde? Er lacht wieder: "Die Bienen sind hier friedlicher als im Norden. Sie sind irgendwie gelassener. Ich hatte mal welche in der Bretagne, da wurde ich dauernd gestochen." Und was hilft am besten, wenn es doch mal geschieht? "Am besten ist es, schnell ein wenig Lavendelessenz auf den Stich zu träufeln." Er meint es ernst.

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Mistral
meyer_mann 22.08.2013
Mistral ist doch ein Nordost-Wind vom Lande her. Dann kann er nicht von See her über das Land streichen, oder? Nett geschrieben, aber eben nicht ganz korrekt.
2. optional
ancoats 22.08.2013
Zitat: "Im Sommer, wenn die Hitze auf der Hochebene rund um Sault flirrt und der Mistral von See her über die Berge streicht..." Also in dem Sault, das ich kenne, "streicht" der Mistral keineswegs sanft daher, sondern fegt kalt über die Felder, und das auch nicht aus Richtung Süden, wo das Meer liegt, sondern aus Nordwest oder auch Nordost. Da der Mistral ein garstiger Wind sein kann, empfiehlt es sich in der Hochprovence durchaus, auch in den Sommermonaten was Warmes einzupacken - zumindest wenn man zeltet. Ansonsten: eine wundervolle, Geist und Seele beglückende Landschaft. Wer einmal da war, kehrt immer wieder zurück.
3. optional
Piktor 22.08.2013
Der Mistral weht mit Sicherheit nicht von der See her. Leider gibt es in Spon immer mehr sachliche Fehler.
4. informationsrecht
gunsandmoses 22.08.2013
wieso berichtet der spiegel nicht über wichtige themen wie dieses??? http://www.fid-gesundheitswissen.de/spezial/talk/pet_13_33/index.html?ehkzneu=GNL5434 die eu beschliesst wichtige gesundheitsfragen, die kaum ein eu-bürger zur kenntniss nimmt, weil die medien nicht darüber berichten. ist die informationspflicht auf fussballspiele und panikmache begrenzt? auch lavendel ist ein natürliches heilmittel. bitte link anklicken, unterzeichnen und teilen. wenn es shcon der spiegel nicht hinbekommt. danke.
5. So ein Schmarren . . .
hazet 22.08.2013
"und der Mistral von See her über die Berge streicht". Seit wann weht der Mistral von Süden, vom Meer her?
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