Irlands Kneipen-Krise: Besucht die Pubs, solange es sie noch gibt

Von Patrick Kremers

Die Wirtschaftskrise bedroht Irlands geselligste Institution: An jedem zweiten Tag schließt irgendwo zwischen Sligo und Cork eine Kneipe. Damit seine Gäste weiterhin kommen, hat sich ein Wirt etwas einfallen lassen.

Pubsterben in Irland: "Treffpunkt für Jung und Alt, für Musiker und Landwirte" Fotos
Patrick Kremers

Mit der Einsendung erklärt der Absender, dass er die Rechte an den Fotos besitzt, mit der Veröffentlichung einverstanden ist und die Allgemeinen Nutzungsbedingungen akzeptiert.

* optional

Vielen Dank!
Ihr Tipp wurde gespeichert - in wenigen Minuten können Sie ihn auf der Karte sehen.

Tipp mitteilen

Facebook Twitter Tipp versenden
Beitrag melden

Begründen Sie knapp, warum es mit diesem Beitrag ein Problem gibt.

Hier geht's zur großen Reise-Weltkarte

Dicht liegt der Nebel über Kilflynn, Mike Parker kann nicht weit sehen. Trotzdem drückt er auf das Gaspedal. Es ist halb eins in der Nacht. Mike hatte einen langen Tag, er will ins Bett, doch vorher muss er John und Dan nach Hause bringen.

"Die beiden hatten ein paar Bier in meinem Pub", sagt er. Sie allein nach Hause gehen zu lassen, betrunken, bei diesem Wetter, bei den vielen schmalen Wegen, die das County Kerry im Südwesten von Irland durchziehen? "Viel zu gefährlich."

Wenn Mike Parker um Mitternacht den Pub schließt, beginnt seine zweite Schicht. Dann fährt er seine Gäste nach Hause, mehr als 30 Kilometer legt er an einem normalen Abend in der Woche zurück. An den Wochenenden ist er bis zu zwei Stunden unterwegs. Knapp 300 Menschen leben in Kilflynn, es gibt zwei Pubs, zwei Kirchen, einen Tante-Emma-Laden, ein kleines Restaurant und ein Postbüro. Taxis gibt es im Niemandsland nicht.

Und wenn Mike eines in der nächsten Stadt bestellt, in Tralee, dann braucht es fast eine halbe Stunde. Vielen Gästen ist das Taxi ohnehin zu teuer, schließlich bietet Mike seinen Fahrdienst kostenlos an. "Ohne diesen Service hätte ich meinen Pub längst dichtmachen müssen, weil viele Gäste zu Hause bleiben würden", sagt er.

Die irische Wirtschaft liegt am Boden, das Land steckt in einer der tiefsten Rezessionen seit Jahrzehnten. Der Staat spart auf Kosten der einfachen Leute, er erhöht die Steuern, kürzt bei den sozialen Leistungen. Viele Iren haben hohe Schulden oder finden keinen Job, bei manchen kommt beides zusammen.

Sie können sich die knapp vier Euro für ein Bier im Pub nicht leisten, kaufen Alkohol für rund die Hälfte des Preises in Supermärkten oder an Tankstellen. Für die Pubs hat das Folgen: Mehr als 1500 mussten seit Ausbruch der Krise vor fünf Jahren bereits schließen.

Irische Lieder auf Großvaters Geige

Auch Mike Parker spürt die Krise in seinem Pub, den er in dritter Generation betreibt. "Es ist ruhig geworden, besonders in der Woche", sagt er. Früher seien die Landwirte schon vormittags für eine kurze Pause auf ein Bier vorbeigekommen. Heute öffnet er seinen Pub erst gegen fünf am Nachmittag, vorher würde ohnehin niemand kommen.

Die Idee mit dem Fahrservice hatte sein Vater. Erst fuhr Mike nur wenige Leute nach Hause, mittlerweile hat sich sein Angebot in der Gegend rumgesprochen. "Manche Leute kommen extra deswegen zu mir", sagt Mike.

Heute ist der Pub voll. Es ist Donnerstag, die Hurling-Mannschaft spielt im Ort nebenan und wird später im Pub erwartet. Mike hat die grüne Trainingsjacke der Mannschaft an. Er trägt sie mit Stolz, sagt er.

Viele sind gekommen, um die Mannschaft zu empfangen. An den kleinen Tischen sitzen Männer, diskutieren über die Regierung und das schlechte Wetter. In der Ecke haben fünf Jugendliche ihre Instrumente ausgepackt, sie spielen traditionelle irische Lieder.

"Mit dieser Musik wachsen wir hier auf, und die Instrumente lernen wir schon als Kind", sagt Susie Rice. Ihre Geige hat früher ihrem Großvater gehört. "Mir bedeutet es sehr viel, auf der gleichen Geige zu spielen wie er", sagt die 14-Jährige.

John Brennan lauscht der Musik, sein Bein wippt im Takt. "Der Pub ist ein Treffpunkt für Jung und Alt, für Musiker und Landwirte. Hier geht es nicht um das Bier, sondern darum, Freunde und andere Dorfbewohner zu treffen", sagt der 67-Jährige.

Er lebt mit seiner Frau ein paar Meilen außerhalb von Kilflynn, verkauft dort Trucks. Vor der Krise liefen seine Geschäfte deutlich besser, er wolle sich aber nicht beklagen. "Viele haben sehr gute Jahre gehabt, jetzt sind die Zeiten eben wieder schlecht", sagt er. So sei das nun mal. Die Iren leiden leise.

Goldene Zeiten sind vorbei

Die Tür geht auf, und Seán tritt ein. Noch ein Geiger. Vor drei Jahren zog er von der Stadt Galway im Westen der Insel in das kleine Kilflynn. "Seán kam der Liebe wegen", sagt John und klopft ihm auf die Schulter. "Das stimmt nicht, ich bin der Liebe wegen in diesem Nest geblieben", scherzt Seán. Er packt seine Geige aus, nimmt sich einen Hocker, setzt sich rüber zu den anderen Musikern und steigt in das Lied ein.

Wenig später kommt endlich die Hurling-Mannschaft. Sieben Männer in Jogginganzügen, die Köpfe gesenkt, das Spiel haben sie verloren. Ein Gast ordert bei Mike eine Runde für die Jungs, klopft ihnen aufmunternd auf die Schulter. "Sportlich sind die goldenen Zeiten auch vorbei", sagt Mike. Vor zwei Jahren gewann das Team die Meisterschaft im County Kerry, jetzt verlieren sie ein Spiel nach dem anderen.

"Wir haben Probleme, überhaupt eine Mannschaft zu stellen", sagt Mike. In nur einem Monat haben fünf Spieler das Land verlassen, weil sie keinen Job finden konnten. Drei sind nach Australien gegangen, zwei versuchen ihr Glück in den Vereinigten Staaten. "In der Regel kommen die jungen Leute nicht wieder, wenn sie das Land erst einmal verlassen haben", sagt Mike.

Arbeitslosigkeit ist in ganz Irland ein Problem, besonders groß ist es in Kerry. Fast jeder Vierte ist ohne Arbeit. Meist sind es die jungen Männer, die keinen Job finden. Rund um Kilflynn liegt die Selbstmordrate deutlich über dem Landesdurchschnitt. Ganz Irland diskutiert derzeit über die Frage: Wie kann das Land jungen Leuten eine Perspektive bieten?

Zu billige Milch, zu teures Bier

Truckhändler John kann verstehen, dass viele Junge das Land verlassen. "Wenn ich mein ganzes Leben noch vor mir hätte, würde ich vermutlich auch das Weite suchen." Er sorgt sich aber nicht nur um die jungen Leute, sondern auch um die Alten. "Freunde von mir leben so weit außerhalb eines Dorfes, da kommt manchmal tagelang kein Auto vorbei", sagt er.

Soziale Isolation ist das zweite große Thema im ländlichen Irland. Erst vor wenigen Wochen war ein Fernsehteam in der Gegend um Kilflynn und hat darüber berichtet. In vielen Dörfern haben die Läden in der Rezession dichtgemacht, die Postbüros wurden geschlossen, sogar die Polizei musste viele Außenposten in ländlichen Gebieten schließen - eine der vielen Sparmaßnahmen des Staates.

Es ist spät geworden. Wer es nicht weit nach Hause hat, ist bereits gegangen. John und Dan, ein Landwirt, sitzen an einem der Tische, trinken ihr Bier und diskutieren über die Milch- und Bierpreise. Für die Milch gebe es wenig Geld, sagt Dan, aber das Bier werde immer teurer. Ein Dilemma für einen Iren. Mike kommt an den Tisch. "Ich mache jetzt zu, trinkt aus und setzt euch schon mal ins Auto", sagt er. Mike will erst die beiden nach Hause fahren, später dann die Jungs vom Hurling-Team.

Als der Van auf Johns Hof einbiegt, wird der plötzlich nervös. "Was ist los, hast du deinen Schlüssel vergessen?", fragt Mike. "Nein", sagt John, "an den habe ich gedacht. Aber ich fürchte, dass ich meine Frau im Pub vergessen habe. Sie stand bei den Hurling-Jungs."

Mike fährt an diesem Abend eine Extrarunde. Aber er macht das gerne, sagt er, solange die Leute zu ihm in den Pub kommen und Spaß haben.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
kelnor 01.08.2013
Faszinierend, ein ganzer Artikel über das langsame Sterben einer Kneipenkultur und kein einziger Satz über das irische Rauchverbot, was wohl mitverantwortlich sein dürfte.
2. optional
thomas_gr 01.08.2013
Und so zerstört die "Wirtschafts-"Krise Kulturgüter...
3. Die Zeiten ändern sich ...
sarido 01.08.2013
früher lautete der kürzeste irische Witz: "Geht ein Ire am Pub vorbei"
4. Eigenartig...
huginundmunin 01.08.2013
Der Inhalt dieses Artikels steht irgendwie diametral zu den Aussagen der Tabakkontrolle am Deutschen Krebsforschungszentrum, dass in Irland durch das Rauchverbot Umsätze und Angestelltenzahlen in der Gastronomie steigen sollten. Die ganzen Nichtraucher könnten jetzt wirklich langsam kommen. Jetzt ist so wunderbar frische Luft in den Pubs und es geht trotzdem keiner hin.
5. Viel viel unromantischer und schlimmer
roana 01.08.2013
Seit ich auf der Insel ein (Ferien)Haus habe und dort öfter bin, in einer Gegend durch die die Touristen nur bestenfalls durchfahren bin ich auch mehr mit den locals zusammen und erfahre so manches. Die Situation ist schlimmer wie in dem rührenden Text geschildert, viel schlimmer. 4 Selbstmorde junger Leute in Kerry in drei Wochen - und das waren nur die, über die groß berichtet wurde. An jeder Klippe, Brücke und Kaimauer hängen Schilder "You are not allone! Call samaritians ...". Alte Leute leben in Häusern, die man hier bestenfalls als Ruine einstufen würde. Stütze von Staat gibt es maximal ein halbes Jahr, dann gibt es nix mehr, Null, nada, nothing... Gleichzeitig sind die Leute, so arm sie auch sein mögen, ungeheuer herzlich und freundlich - wenn sie einen mal akzeptiert haben. Als Touri erlebt man nur die "kommerzielle" Freundlichkeit, die einem Kunden entgegengebracht wird, die echte Freundlichkeit unterscheidet sich massiv davon. Bei uns im Dorf gibt es noch 3 Pubs, einen Tante Emma Laden, Tankstelle mit Postagentur und es gibt jemand, der sich sein Geld damit verdient, nachts die Leute aus dem Pub heim zu fahren...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Reise
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Europa
RSS
alles zum Thema Irland-Reisen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 101 Kommentare
Fotostrecke
Cliffs of Moher: Hart am Abgrund