Quigong an der Nordsee Den Moment mit Watt füllen

Es geht ums Fühlen, Hören, Hinmerken: die Füße im nassen Schlick, die Sonne und der kühle Wind auf der Haut, das Rauschen des Meeres und das Schreien der Möwen im Ohr. Der Verein "Achtsamkeit" organisierte seine erste Meditationswanderung durch das Niedersächsische Wattenmeer.


Lauschen und Genießen: "Die Natur ist das Geschenk des ganzen Universums"
GMS

Lauschen und Genießen: "Die Natur ist das Geschenk des ganzen Universums"

Schillig - Manfred Folkers weckt das Chi im Watt. Der Pädagoge und Meditationsexperte steht mit geschlossenen Augen und leicht gebeugten Knien im nassen Sand. Die Hände hat er vor dem Bauch gefaltet. Seine Arme hebt und senkt er beim Ein- und Ausatmen. Mit dieser chinesischen Quigong-Übung will Folkers seine Lebensenergie wecken und aus dem Watt ziehen. Rund 30 Interessierte tun es ihm in einem Kreis nach. Sie sind Teilnehmer der ersten Meditations-Wattwanderung von Schillig zur Vogelschutzinsel Minsener Oog, die der Oldenburger Verein "Achtsamkeit" organisiert hat.

"Wir wollen die Natur auf eine neue Art erfahren und Ruhe in der Hektik des Alltags finden", sagt Hans Röttgers von "Achtsamkeit". Der pensionierte Englischlehrer hat gemeinsam mit Folkers, der auch Schüler des buddhistischen Mönchs Thich Nhat Hanh ist, und Wattführer Frank Hensel den Ablauf der ungewöhnlichen Wattwanderung ausgetüftelt. Nach den ersten Meditationsübungen zur Einstimmung steht ein mehr als einstündiger Schweigemarsch an. Der Vietnamese und Buddhist Uoi Phung vertieft sich dabei konzentriert in so genannte Gehmeditationen.

Von Schillig nach Minsener Oog: "Es ist einfacher, das Chi draußen zu wecken"
DDP

Von Schillig nach Minsener Oog: "Es ist einfacher, das Chi draußen zu wecken"

Kurz vor Minsener Oog unterbricht Folkers die Stille. Jede neue Phase der meditativen Wattwanderung kündigt er mit einem Gongschlag an. Dazu nutzt er eine so genannte Klangschale, die er von einer Reise nach Kambodscha mitgebracht hat. Folkers sagt mit ruhiger Stimme den Ablauf einer weiteren Stehmeditation an. Dazu drehen sich alle um und wenden einander in einem großen Kreis den Rücken zu. Es geht jetzt um "Lauschen" und "Genießen": Die Füße im nassen Schlick, die Sonne und der kühle Wind auf der Haut, das Rauschen des Meeres und das Schreien der Möwen. "Den Moment mit Watt füllen", nennt Folkers dies.

An der Vogelinsel angekommen steht ein Picknick an. Uoi Phung liest als Tischgebet aus den "Fünf Betrachtungen zum Essen" vor: "Die Nahrung ist das Geschenk des ganzen Universums. Mögen wir so leben, dass wir sie verdienen und mögen wir lernen, maßvoll zu leben." Nach einigen Minuten schweigendem Essen tauschen die Wattwanderer erste Eindrücke der Meditationen im Watt aus. "Es ist einfacher, das Chi draußen zu wecken", sagt Jörg Ueberall, der schon seit einigen Jahren bei "Achtsamkeit" meditiert. Der 1995 gegründete Verein mit rund 60 Mitgliedern trifft sich jeden Mittwoch zu gemeinsamen Entspannungsübungen und Gesprächen.

"In der Natur fühlt man sich verbunden, kann seine Kraft zentrieren und zum Fließen bringen", sagt Ueberall. Uoi Phung will "das Jetzt und Hier genießen", "in das Innere heimkehren und zur Ruhe kommen". "Das Watt stoppt und lässt keine Hektik zu", sagt er. Gisela Gerwin ist mit Meditation nicht so vertraut, aber angetan: "Ich kann abschalten und auftanken", sagt sie. Zum Abschluss stellen sich die Wanderer erneut im Kreis auf und sammeln bei einer Quigong-Übung das Chi, die Energie, wieder ein. Dann verbeugen sie sich und danken dem Watt für seine Anwesenheit.

Wattführer Frank Hensel hat jüngst Niedersachsens Umweltminister Hans-Heinrich Sander (FDP) und auch schon Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) durch das Watt gelotst. Sich bei dem Marsch statt auf biologische Themen auf die "Faszination von Weite und Stille" zu konzentrieren, findet er jedoch spannender. Der Verein "Achtsamkeit" plant nun, die Meditations-Wattwanderungen regelmäßig anzubieten.

Von Nadine Emmerich, ddp



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