Touristenmaler in Kroatien: Im Sommer Porträts, im Winter Kunst

Aus Rab berichtet

Sie sitzen an Stränden und in Altstadtgassen, auf Promenaden und Märkten: Straßenmaler gehören zum Ambiente unserer Urlaubsorte. Aber was sind das für Menschen, die da kunsthandwerkliche Fließbandarbeit leisten?

Kelava, der Touristenmaler: 10.000 Bilder glücklicher Urlauber Fotos
Frank Patalong

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Das Stillsitzen fällt der jungen Frau schwer. Immer wieder lächelt sie unsicher, ihre Blicke schweifen vom Maler vor ihr zu ihrem Freund hinüber: Ist alles okay? Ist es gut? Bin ich das? Trifft er mich?

Vitomir Kelava arbeitet mit schnellen Strichen, vertieft Kontraste, setzt Lichter und Schatten, korrigiert Linien. Das Doppelporträt vor ihm entstand in Kohle und Kreide auf Basis eines Fotos. Es zeigt zwei sehr junge Leute in der klassischen Pose des liebenden Pärchens. Die letzten Feinheiten setzt der Maler bei Abholung, das lebende Modell vor Augen.

Das Bild ist groß, schön und sehr naturalistisch, aber es ist eben kein Foto. Die junge Frau ist inzwischen ein wenig älter als auf der Vorlage, aber offenbar auch vier, fünf Kilogramm leichter. Kelava versucht nun, ihr ein bisschen von dem vom Foto übernommenen Teenie-Speck zu nehmen. So ganz gelingt das nicht, auf dem Bild bleibt sie ein wenig mehr Mädchen als in Natura, mehr Teen als Twen.

Das Pärchen stört es nicht. "Fertig!", sagt Kelava, und nach kurzer Begutachtung nicken sich seine Auftraggeber glücklich zu. Das Bild ist nicht perfekt, aber ihr Gefühl füreinander hat der Maler offenbar getroffen, sie erkennen sich darin.

Macht 400 Kuna, circa 52 Euro.

Das ist mehr, als Maler auf der Promenade der kroatischen Inselstadt Rab für schnelle, kleine Skizzen verlangen. Als Lohn für Kelava, den "akademski slikar", den universitär ausgebildeten Künstler, ist es eigentlich nicht genug. Zwei bis drei solche Porträts am Tag, sagt er, müsse er in der Saison schon malen, um seine Kosten zu decken.

Das gelingt nur noch selten. "Vor dem Krieg", sagt er, "habe ich manchmal zehn Porträts am Tag gemalt."

Der Sommer gehört den Touristen...

Jeder Reisende kennt das. Kohleskizzen, Kreidebilder, Karikaturen oder Scherenschnitte, mit rasender Geschwindigkeit produziert, sind Teil des touristischen Spektakels jedes Städtereiseziels. Um gute Maler bildet sich schnell eine Traube von Schaulustigen, die ständig Werk und Vorlage vergleichen. Aus Kundensicht ist der Straßenmaler ein Dienstleister, dessen Aufgabe darin besteht, dem fotografischen Ideal so nahe wie möglich zu kommen. Es ist eine Erwartungshaltung, die man an eine Kamera stellen sollte, nicht an einen Künstler. Andererseits: Was sind das eigentlich für Leute? Sind diese Schnellmaler denn Künstler?

"Natürlich!", sagt Kelava. Er gehört zu rund einem Dutzend Maler im kleinen Inselort Rab, die um Kundschaft konkurrieren. Dabei geht es aber sehr kollegial zu. "Es ist gut, wenn viele Künstler da sind", sagt Kelava. "Wegen eines Malers kommt niemand."

Und eigentlich sind es andere Dinge, die ihnen das Leben schwermachen. "Sehen Sie sich die Drucke an, die an den Ständen oben in der Stadt verkauft werden. Immer wieder die gleichen Stadtbilder. Sehen aus wie mit Öl gemalt und kosten 400 Kuna. Und dann fragen die Urlauber, wie viel ich für ein Bild haben will, an dem ich drei Wochen gearbeitet habe. 1000, sagte ich dann, und sie fragen: Kuna?"

...und der Winter der Kunst

Kelava sitzt vor seiner Galerie. Sie befindet sich direkt neben dem Restaurant und Kulturzentrum Paradiso und misst weniger als 18 Quadratmeter. An der Hinterwand hat er blätterbare Rahmenträger montiert, auf denen er seine Bilder ausstellt. So, sagt er lachend, werde aus dem kleinen Raum "eine ganz große Galerie".

Kelava, geboren 1952 im bosnischen Zenica, studierte zunächst Jura in Zagreb, dann Malerei an der Akademie der Schönen Künste in Belgrad. Seit 30 Jahren versucht er, seinen Lebensunterhalt als Künstler zu verdienen. Immer mal wieder werden Bilder von ihm ausgestellt, zuletzt im Mai 2013 in Passau. "Made in Croatia" hieß die von einer Zagreber Galerie organisierte Ausstellung mehrerer Künstler. Im nächsten Frühjahr, hofft er, werde man ein paar seiner Bilder vielleicht in Berlin sehen.

"Im Sommer male ich Porträts", sagt Kelava, "im Winter habe ich dann wieder Zeit für andere Motive." Die Straßenmalerei ist sein Brot-Geschäft, aber sie macht ihm auch Spaß. Kelava unterhält sich gern, er mag Menschen. "Und es ist ehrliche Arbeit. Ich versuche, die Porträts gut zu machen."

Seine eigene künstlerische Arbeit ist von gänzlich anderer Natur. Er ging durch verschiedene Phasen im Lauf der Jahrzehnte. Gern arbeitet er in Öl, in Kreide und Kohle, aber auch mit gemischten Materialien wie Holz, Jute, Kunststoff oder Stein. Man sieht Impressionistisches, Expressionistisches, Abstrahiertes, Anklänge an den Kubismus. Vieles, sagt er, habe er im Laufe der Jahre ausprobiert, bis hin zu hyperrealistischen Porträts. Gekauft, sagt er, werden eher die eindeutigen Dinge: Nur leicht abstrahierte Stadtansichten von Rab zum Beispiel, auch so etwas malt er nun manchmal.

Und Touristen natürlich, die in ihm den malenden Dienstleister sehen. Ob er wisse, wie viele Urlauber er schon gemalt habe? Er denkt kurz nach, rechnet.

"Insgesamt", sagt er, "müssen das wohl 10.000 sein."
Im Grunde gehört er damit zu den meistausgestellten Künstlern der Welt.

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