Radrennen London-Istanbul Härter als die Tour de France

Einmal quer durch Europa, und zwar ohne Helfer: Beim Hobby-Radrennen von London nach Istanbul entscheidet jeder Teilnehmer selbst über Streckenführung und Schlafdauer. Wer gewinnen will, sitzt eine Woche fast nonstop im Sattel.

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Transcontinentalrace.com

Radwandern kann beschaulich sein. Morgens ausschlafen, ausgiebig frühstücken und dann in aller Ruhe die Sachen in die Taschen packen. Das Ganze gibt es aber auch als Highspeed-Variante: Bei Selbstversorgerrennen ist jeder Teilnehmer auf sich allein gestellt. Wer vorn mitmischen will, fährt mit Minimalgepäck und hat weder Zeit für acht Stunden Schlaf noch für ein entspanntes Frühstück.

Das Transcontinental Race ist ein solches Rennen. Gestartet wird am 9. August in London, von da geht es über Frankreich und Italien bis nach Istanbul. Jeder der hundert Teilnehmer kann seine Route selbst wählen - nur die drei Kontrollpunkte in Paris, den Alpen und Montenegro, müssen passiert werden.

Etwa 3300 Kilometer lang ist die Strecke mindestens - das Transcontinental Race entspricht somit etwa einer Tour de France. Nur dass es weder Begleitfahrzeuge, Ruhetage noch Masseure im Hotel gibt. 2013 brauchte der Sieger Kristof Allegaert aus Belgien sieben Tage und 13 Stunden von London bis nach Istanbul. Pro Tag saß er 18 Stunden im Sattel. Zum Vergleich: Die Tour de France dauert drei Wochen - und eine Etappe meist nur vier, fünf Stunden.

Knapp acht Tage bis zum Bosporus

Martin Cox aus Nottingham bereitet sich gerade intensiv auf das Transcontinental Race vor. "Ich stehe um 4.45 Uhr auf und sitze dann drei, vier Stunden auf dem Rad", sagt der Familienvater. "Abends fahre ich nochmal drei Stunden." Er hat sich schon eine Route ausgeguckt und in seinem Navigationsgerät gespeichert. "Ich will pro Tag 400 Kilometer schaffen", sagt er. "Dann müsste ich nach acht Tagen in Istanbul sein."

Nachts will Cox in Hotels einchecken - aber mehr als vier Stunden Schlaf wird er sich kaum genehmigen. Sonst fehlt die Zeit zum Kilometermachen auf der Straße. Auf die bei Reiseradlern beliebten Packtaschen verzichtet er. Die würden ohnehin nicht an sein Rennrad passen. "Im Grunde habe ich nur die Sachen dabei, die ich anhabe." Hinzu kommen Armlinge, Beinlinge und eine wasserdichte Jacke. "Eventuell nehme ich noch eine zweite Hose mit."

Selbstversorgerrennen wie das Transcontinental Race sind in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Die Mountainbike-Version heißt Tour Divide und führt von der kanadischen Grenzen im Norden quer durch die USA bis zur mexikanischen Grenze. Das Pendant dazu in Deutschland ist die rund 1250 Kilometer lange Grenzsteintrophy. Die Strecke folgt der ehemaligen innerdeutschen Grenze von Travemünde bis zum Dreiländereck bei Mittelhammer im Vogtland.

Weil die Fahrer bei Tour Divide und Grenzsteintrophy eher abseits der Straßen unterwegs sind, haben sie oft auch Schlafsack, Isomatte und Plane oder Zelt dabei. Gunnar Fehlau, der Erfinder der Grenzsteintrophy , sucht sich als Dach über dem Kopf auch gern Schutzhütten im Wald oder Buswartehäuschen - so kann das Zelt zu Hause bleiben. Fehlau fährt ohne Packtaschen - das Gepäck hängt am Lenker, dem Sattelrohr oder direkt am Rahmen seines Rades.

Je länger, umso besser

Warum aber tun sich Menschen eine solche Schinderei an? 16 oder 18 Stunden pro Tag auf dem Rad sitzen, Tausende Höhenmeter klettern. "Mich reizt die Herausforderung", sagt John Cox aus Nottingham. Fehlau sieht es ähnlich: "Ich bin ein Freund der Grenzerfahrung." Auf einer Langstreckentour erfahre man eine Menge über sich selbst. "Das hat etwas Meditatives. Man ist dann in einer anderes Sphäre."

Der Belgier Kristof Allegaert Kortrijk, Sieger des Transcontinental Race 2013, gesteht: "Ich fahre einfach gern Rad." Je länger er im Sattel sitze, umso besser. "Und über schöne Landschaft freue ich mich auch - und über das eine oder andere Abenteuer."

An die Schinderei im letzten Sommer kann er sich noch genau erinnern: "Nach einer Woche tat mir eigentlich alles weh. Man hat Hunger, leidet unter Schlafmangel - dazu der teils schreckliche Verkehr auf den Straßen und Temperaturen bis 50 Grad." Auch das Minimieren des Gepäcks habe unangenehme Folgen: "Du siehst aus wie ein Landstreicher und riechst auch so."

Aber trotz allem will er sich auch 2014 wieder von London nach Istanbul quälen. Mit der Startnummer 1 wird er am Morgen des 9. August auf der Westminster Bridge stehen - zusammen mit 99 anderen Fahrradverrückten, die weder Berge, Hitze noch Regen fürchten.

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
janix_ 28.07.2014
1. Steht zu befürchten ...
... dass auch dieses Rennen bald von "Sponsoren" und anschließend von seltsamen Pillen heimgesucht werden wird. Auch hört Sport nomal da auf, wo die Gesundheit es auch tut. Doch wieviel schöner klingt so etwas als Motor"sport"! Wie schön, wenn wir in zehn Jahren die Ex-Autobahnen umfunktionieren werden!
schmusel 28.07.2014
2. .
Ohne Höhenprofil und Geschwindigkeitsschnitt taugt der Vergleich zur TdF nicht viel. Da könnte man eher über die Wahrscheinlichkeit debattieren das die Sieger beider Rennen bis zum Rand mit Drogen vollgepumpt sind - 18 Stunden pro Tag auf dem Bock! Wer glaubt denn dass das mit Rechten Dingen zugeht? Da sind mindestens Aufputschmittel im Spiel!
OiMEL 28.07.2014
3.
Knapp 20.000 Höhenmeter werden die Teilnehmer auf ca. mehr als 3.000 Kilometer Strecken bewältigen. Solche Vergleiche mit der TdF gelten ohnehin nicht wirklich, handelt es sich bei den Teilnehmern ja um keine Profis im eigentlichen Sinn. Respekt vor der Leistung der Teilnehmer ist allerdings angebracht, aber gleich wieder die Medizinschrankkeule auspacken ist lächerlich. Solche Leistungen sind mit viel Training und Wille durchaus machbar - ohne verbotene Substanzen. Das natürlich wer welche nimmt, ist nicht ausgeschlossen.
fr3ih3it 28.07.2014
4.
ich kann es durch aus nachvollziehen, sich so etwas anzutun. radsport macht süchtig! es gab keine schönere, freiere und meditativere zeit, als die 5 tage alpenüberquerung mit dem fahrrad. die landschaft, die ruhe, das ständig mit sich selbst auseinander setzten und das völlige abschalten von allen problemen die man sonst so hat ist wunderbar gewesen!
tlatz 28.07.2014
5. Sport
Zitat von janix_... dass auch dieses Rennen bald von "Sponsoren" und anschließend von seltsamen Pillen heimgesucht werden wird. Auch hört Sport nomal da auf, wo die Gesundheit es auch tut. Doch wieviel schöner klingt so etwas als Motor"sport"! Wie schön, wenn wir in zehn Jahren die Ex-Autobahnen umfunktionieren werden!
Wenn man aber mal die eigentliche Bedeutung von Sport nachschlägt, so wird man feststellen, dass Sport und Leibesertüchtigung nicht identische Begriffe sind. Unter Sport wurde grundsätzlich der Wettkampf verstanden. Im Sport stehen sich zwei Menschen oder zwei Teams gegenüber und vergleichen sich direkt miteinander. Ob man hierbei läuft oder springt oder schnell Schreibmaschine tippt oder Schach spielt ist irrelevant. Sport sagt nichts anderes aus, als dass mindestens zwei Menschen zusammenkommen, um sich im sportlichen Wettkampf zu messen. Das kann durchaus auch der Motorsport sein oder das Dressurreiten. Wer hingegen alleine zur Steigerung des persönlichen Wohlbefindens durch den Wald läuft, der betreibt Körperertüchtigung, keinesfalls aber Sport. Die Turner um den alten Jahn beispielsweise haben die Bezeichnung Sport grundsätzlich abgelehnt, denn es ging ihnen nicht um den Wettkampf sondern nur um die gemeinsame Ertüchtigung. Kooperation statt Konkurenz ist aber nicht das, was man unter Sport verstand. Natürlich hat der Begriff in den letzten Jahrzehnten einen Bedeutungswandel erfahren, heute wundert man sich, dass Schach als Sport gelten soll wo doch jeder weiß, dass einsames Fahrradfahren im Wald der eigentliche Sport ist (etymologisch ist es aber genau anders herum). Das ändert aber nichts daran, dass es nun mal Dinge gibt, die vor dieser Bedeutungswandelung vollkommen zurecht Sport hießen, was von den heutigen "Sportlern" die im Fitnessstudio das Laufband benutzen belächelt wird. Der Begriff Motorsport ist über 100 Jahre alt und stammt aus dieser Zeit. Soll ein Verband sich umbenennen, weil eine Bedeutung sich wandelt?
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