Rauchverbot in Amsterdam: Kiffen erlaubt - aber nur Hasch pur

Von Frederik Hartig

Amsterdam gilt als Kiffer-Paradies, doch jetzt fürchten viele Coffeeshop-Besitzer um ihre Existenz: In Kürze tritt in niederländischen Cafés ein absolutes Rauchverbot in Kraft - allerdings nur für Tabak. Wer Hasch pur rollt, darf weiter qualmen.

In Amsterdam, nicht weit vom Blumenmarkt entfernt, liegt in einer kleinen Seitengasse der Coffeeshop "De Tweede Kamer". An der Wand hängt ein Bild von Königin Juliana mit Prinz Bernhard, links daneben, etwas höher, das von Königin Wilhelmina. Wie Rauchkringel schlängeln sich weiße Ornamente zwischen den Bildern nach oben. Seit 1985 gibt es die "Tweede Kamer", der Coffeeshop sei eine Institution in der Stadt, eine Art Museum für die Amsterdamer, erzählt Betreiber Paul Wilhelm stolz.

Doch jetzt fürchtet Wilhelm um die Zukunft seines Geschäfts. Denn wenn in den Niederlanden am 1. Juli das Rauchverbot für Restaurants, Bars und Cafés in Kraft tritt, soll der blaue Dunst auch aus den mehr als 700 Coffeeshops verbannt werden. Noch bemühen sich die Verbände um eine Ausnahmeregelung, doch die Chance dafür sei sehr gering, sagt Mark Jacobsen, Vorsitzender des BCD, eines landesweiten Verbands von Coffeeshop-Betreibern. Das Rauchverbot findet er schlicht absurd: "In ein Café kommst du, um etwas zu trinken, in ein Restaurant, um zu essen, und in einen Coffeeshops kommst du, um zu rauchen. Rauchen muss erlaubt sein im Coffeeshop."

Doch Gesundheitsminister Ab Klink will keine Ausnahme zulassen. Auch Arbeitnehmer in einem Coffeeshop verdienen Schutz vor Tabakrauch, besteht der Minister auf dem Verbot. Paul Wilhelm kann dieses Argument nicht nachvollziehen: Wer sich in seinem Coffeeshop als Arbeitnehmer bewerbe, wisse doch, dass Rauchen das Kerngeschäft des Unternehmens sei. "Wenn die Jungs das Alter haben, dass sie nach Afghanistan geschickt werden können, dann braucht man mir nicht weiszumachen, dass man sie schützen will vor Arbeiten im Rauch. Die Menschen sind doch alt genug. Sie dürfen zur Wahl gehen, sie dürfen in den Krieg - und dann dürfen sie das nicht selbst entscheiden?"

"Verkehrte Welt"

Weil das Gesetz ausschließlich zum Schutz vor Tabakrauch geschaffen wurde, führt es in den Niederlanden zu einer grotesken Konsequenz. Denn wer seinen Joint pur konsumiert, darf sich im Coffeeshop gemütlich zurücklehnen, wer es hingegen weniger stark bevorzugt und auch Tabak in seinen Joint dreht, müsste das Lokal der Regelung zufolge verlassen. Darüber kann Paul Wilhelm nur den Kopf schütteln: "Das klingt für mich ein wenig so, als gehst du in ein Café, dort darfst du eine Flasche Bier kaufen, aber die darfst du drinnen nicht trinken. Was du aber trinken darfst, sind Whiskey, Rum und Wodka."

Ob jemand seinen Joint nun pur raucht oder doch heimlich etwas Tabak verbrennt, wird ohnehin schwer nachzuprüfen sein. Mark Jacobsen bezweifelt, dass ab Juli sofort umfangreiche Kontrollen einsetzen: "Wir müssen mal sehen, wie streng das kontrolliert wird. In der Praxis soll das so sein, dass, wenn jemand einen Joint raucht, ein Beamter reinkommt. Der muss dann den Joint beschlagnahmen und ihn in ein Labor schicken, um zu testen, ob Tabak drin ist. Das ist so umständlich, dass es viele Probleme verursacht. Ich erwarte das erste Jahr keine strenge Handhabung." Ein wenig sei das alles wie verkehrte Welt, lacht Jacobsen: "In anderen Ländern ist es andersrum, da schauen sie, ob Cannabis drin ist."

Während kleinere Coffeeshops damit rechnen müssen, zu einer Art Cannabis-Kiosk zu verkümmern, wo man zwar einkauft, sich aber nicht länger aufhält, bleibt größeren Coffeeshops die Möglichkeit, einen abgeschlossenen Raucherraum einzurichten, in dem kein Personal bedienen darf. Mark Jacobsen will eine Wand längs durch seinen Coffeeshop "The Rookies" ziehen. Damit werde der Tresen vom restlichen Raum abgetrennt und es entstehe einer der größten Raucherräume von Amsterdam.

"Es wird mehr auf der Straße geraucht"

In der kleinen "Tweeden Kamer" hingegen wird es kaum möglich sein, das Personal hinreichend vor dem Tabakqualm der Gäste abzuschirmen. Doch wie ein chinesisches Restaurant das Essen allein zum Mitnehmen verkauft, will Paul Wilhelm seinen Coffeeshop nicht betreiben. "Das Herz der 'Tweeden Kamer' ist immer der soziale Kontakt gewesen, die Diskussionen, das Gespräch, das Lesen einer Zeitung, Reden über Politik. Und das macht man kaputt, durch einen - in meinen Augen - lächerlichen Beschluss."

Während Wilhelm sich um das gesellige Miteinander in seinem Coffeeshop sorgt, hat Gesundheitsminister Klink eine andere Sicht auf Coffeeshop-Besucher. Seinen Brief an den Coffeeshop-Verband LOC, in dem er das Tabakrauchverbot für Coffeeshops verteidigt, schließt der Minister mit den Worten: "Es könnte ein positiver Nebeneffekt des Rauchverbots sein, dass sich Konsumenten, die den ganzen Tag im Coffeeshop rumhängen, andere Beschäftigungen suchen werden."

Die mehr als eine Million Touristen jährlich, die den Amsterdamer Coffeeshops ihren Besuch abstatten, werden in Zukunft ihre Joints öfters auf der Straße rauchen, vermutet Mark Jacobsen. "Es wird an vielen anderen Orten geraucht werden. Auf der Straße, im Park, zu Hause. Es wird eine Verschiebung geben, wo Cannabis konsumiert wird." Falls sich vor dem Coffeeshop eine kiffende Menschentraube bildet, ist der Inhaber des Lokals dafür verantwortlich, diese zu zerstreuen. Sollte das trotz sichtbarer Mühe nicht gelingen, schlägt Minister Klink vor, ein Kiffverbot vor dem Coffeeshop auszusprechen.

"Verboten, aber doch geduldet"

Eine bereits erprobte Praxis. Februar 2006 wurde im Amsterdamer Stadtteil "De Baarsjes" auf dem Platz Mercatorplein der Konsum von Cannabis untersagt. Vor allem für Jugendliche aus den Stadtteilen, in denen es weniger Coffeeshops gibt, entfaltet "De Baarsjes" mit seinen 15 Coffeeshops eine anziehende Wirkung. Das städtische Amt für Statistik bestätigt das Verbot als wirkungsvolles Mittel. Die Belästigung durch jugendliche Kiffer sei gesunken und das Sicherheitsgefühl in der Umgebung des Platzes gestiegen.

Die Parteien GroenLinks und Demokratie 66 bezweifeln jedoch die Aussagekraft dieser Untersuchungen, wie die Amsterdamer Zeitung "Het Parool" Ende Januar 2008 berichtete. Man sollte auch die Anwohner am nahe gelegenen Columbusplein befragen, die seit Einführung des Verbots durch mehr kiffende Jugendliche belästigt würden als vorher.

Noch hofft Wilhelm auf eine Ausnahme vom Rauchverbot. Ab Juli werde er in der "Tweeden Kamer" das Rauchen von Zigaretten untersagen, auch werde er seine Gäste darüber in Kenntnis setzen, dass sie keinen Tabak in ihre Joints drehen dürfen. Aber jeden einzelnen Joint, den jemand in seinem Lokal raucht penibel zu überprüfen – das habe er nicht vor. Vielleicht bekomme die Kontrolle des Rauchverbots für Coffeeshops eine niedrige Priorität und es entstehe – typisch Holland – eine Situation, in der das Rauchen zwar offiziell verboten, aber dennoch geduldet werde.

"Aber vielleicht ist das Wunschdenken", sagt Paul Wilhelm.

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