Von Helge Sobik
Es scheint ihn nicht zu scheren, dass ihn nicht alle für den Schönsten halten. Hauptsache, er wird gesehen und irgendwie bewundert, wenn seine Megayacht im alten Hafen von Saint Tropez direkt vor den Restaurants festmacht: Mit nacktem Oberkörper und kurzer Schlabberhose lehnt Ex-Formel 1-Magnat Flavio Briatore diesen Nachmittag auf dem Achterdeck über der Reling und sieht seinen hübschen Matrosinnen beim Festmachen zu.
Von den Schaulustigen am Kai werden nicht die schönen Frauen fotografiert, sondern nur er: Ihn haben sie erkannt, über ihn tuscheln sie, auf ihn zeigen sie mit dem Finger. Und sie werden immer mehr. Das bestätigt seinen Promi-Status. Er kratzt sich am Kinn und wirft sich wieder aufs Sofa an Deck, wo ein paar attraktive Frauen ihn schon zu vermissen schienen.
Irgendwie ein ganz normaler Nachmittag am Vieux Port kurz vor den Voiles de Saint Tropez, dem Regatta-Highlight zum Abschluss der Sommersaison auf dem Mittelmeer. Dieses Jahr finden die Wettkämpfe vom 29. September bis 7. Oktober statt. Die ersten beiden Regattatage sind traditionell den Superyachten vorbehalten, danach stehen klassische Segelboote im Mittelpunkt - bewundert von über 100.000 Schaulustigen an Land und auf dem Wasser.
Nicht jeder trägt seine Haut zur Schau
Wer nach Saint Tropez kommt, will sehen - oder gesehen werden. Sonst wäre er nicht hier. Egal, zu welcher Jahreszeit und zu welchem Ereignis. Spätestens seit Brigitte Bardot und Curd Jürgens hier 1956 "Und ewig lockt das Weib" gedreht haben, spätestens seit Louis de Funès als hyperaktiver Gendarm gleich mehrfach abendfüllend Nudisten über die Kinoleinwände jagte, ist das so. Seitdem halb Hollywood hierher in Urlaub fährt. Und viele, viele mehr.
Sie kommen, weil Saint Tropez diesen ganz besonderen Klang hat: nach Sonne und Meer, nach leben und leben lassen, nach gewissem Stil und völliger Ermangelung davon. Sie kommen, weil es in dem nur 5200 Einwohner starken Städtchen alles gibt - vom Edeljuwelier bis zum Fischverkäufer, vom Fachgeschäft für handgemachte Ledersandalen bis zu den Prachtboutiquen internationaler Nobelmarken in der Rue Sibili.
Und vor allem, weil Saint Tropez wirklich schön ist. Weil die Altstadt mit ihren engen Gassen erhalten ist. Und weil es ein Stückchen abseits sogar Beach-Clubs gibt, wo der Champagner aus Sechs-Liter-Flaschen ausgeschenkt wird.
Wer es sich leisten kann, kommt mit dem Schiff - wie Flavio Briatore. Wer schnell seekrank wird oder gerade keine Zehn-Millionen-Euro-Yacht zur Hand hat, nimmt das Auto und geht Schiffegucken - und wundert sich schnell, wie diskret dann doch mancher Bootsbesitzer lebt.
Nicht jeder trägt seine Haut zur Schau, im Gegenteil: Den Distinguierteren kommt es gelegen, wenn das Schiff lang und hoch genug ist, so dass sie nicht gezwungen sind, auf Augenhöhe der Passanten an Deck auf ihren Sofas mit Allwetter-Kunstlederbezug zu lümmeln. Sie wechseln auf das Vorschiff oder auf das von Land aus kaum einsehbare Freideck zwei Etagen höher und haben dort ihre Millionärsruhe selbst im größten Hafentrubel.
Bei 75-Meter-Yachten wird es schwierig
Oder sie bitten den Hafenkapitän im Voraus, ihnen einen Liegeplatz etwas abseits vom ganz großen Rummel zuzuweisen. Er schaut dann, was er tun kann - und meistens findet sich ein Weg: "Manchmal", sagt Hervé le Fauconnier, der viele Jahre lang oberster Hüter dieser Kais war, "ist der Mann, der den gefärbten Pudel ausführt, der Eigner. Aber manchmal ist es der, der den Müllsack an Land bringt. Die Bandbreite ist es, was unseren Hafen ausmacht: Fischer neben Superreich neben Supernormal. Sie mögen das. Und die Flaneure an Land lieben es."
Le Fauconnier war langjähriger Hafenkapitän von Saint Tropez, oberste Autorität, absoluter Herrscher über Poller und Stege - über Liegeplätze, die mit Geld kaum zu bezahlen sind und von denen es mindestens zwischen Mai und Oktober immer zu wenige gibt. Meistens waren seine knapp 800 Plätze Monate im Voraus vergeben, und am liebsten gab er sich erst ein wenig schroff, um möglichst nicht zu viel gebeten zu werden. "Bei 30-Meter-Schiffen können wir manchmal was machen, wenn die Warteliste nicht zu lang ist. Bei 75 Metern ist das schwieriger. Für solche Schiffe haben wir nur zwei Plätze."
Ziel ist es, den Hafen ständig in Bewegung zu halten: "Er ist der wichtigste Wirtschaftsfaktor für die Gemeinde - denn er lockt die Schaulustigen an, die ihr Geld im Ort ausgeben. Die aber kommen nur, wenn Betrieb ist, wenn den ganzen Tag über Boote an- und ablegen, große und kleine. Und wenn es ordentlich was zu Gucken gibt."
Cathy Bruno muss sich unterdessen um die Liegeplätze keine Sorge machen, und Yachtengucken interessiert sie längst nicht mehr. Sie macht sich jeden Morgen auf den Weg zum selben Boot am selben Steg ganz außen nahe der Befestigungsmauer des Vieux Port. Und anschließend schiebt sie ihre Sackkarre mit den Kisten 200 Meter weiter bis zu ihrem Verkaufsstand auf dem Markt von Saint Tropez.
Fangfrische St. Pierres und Doraden hat sie direkt beim Fischer erstanden, um sie einen halben Tag lang auf Eis gebettet an ihrem Stand anzubieten. "Wäre nicht schlecht, wenn heute zwei Doraden übrig blieben", wünscht sie sich - damit sie sie zu Hause mit Tomaten und Zwiebeln im Backofen zubereiten kann.
Die Bardot lief barfuß
Das ist das Schöne an Saint Tropez: Mag der Café au lait in den Hafenblick-Cafés noch so teuer sein, der Espresso ein Vermögen kosten - schon keine 100 Meter weiter beginnt der ganz normale südfranzösische Alltag. Einheimische kaufen bei Cathy genauso wie Ferienhausmieter, Köche ebenso wie Yachtbesitzer.
Auch Alain Rondini zählt zu den Stillen, den Normalen. Sein Großvater hat die typischen Sandales Tropéziennes erfunden, die Ledersandalen aus den vielen dünnen Riemchen, die Brigitte Bardot berühmt gemacht hat. Heute betreibt er die Schuhmacherei im Stadtzentrum.
"Wissen Sie", sagt er, "wahrscheinlich stimmt die Geschichte gar nicht. Wenn sie in Saint Tropez war, lief Brigitte Bardot eigentlich immer barfuß." Er lächelt. Seinem Geschäft tut die Ehrlichkeit keinen Abbruch. Der Laden in der Rue Georges Clémenceau floriert, und noch immer wird jeder einzelne Schuh im Hinterzimmer von Hand gefertigt. Warum er so gut läuft? "Wahrscheinlich weil unsere Sandalen so bequem sind."
Neulich erst war Penélope Cruz da. Den ersten Tag kam sie mit dem Auto, parkte am Altstadtrand, kaufte Sandalen, spazierte zu Fuß durch die Gassen, wurde bald erkannt, musste fortan auf Schritt und Tritt Autogramme geben. "Den nächsten Tag", erzählt Hervé le Fauconnier, "kam sie mit der Yacht. Keine ganz riesige, aber eine schöne. Sie war an Deck, trug Sonnenbrille, genoss das Leben - und wurde nicht erkannt, obwohl alle Augen auf die Yachten gerichtet sind."
Warum? Weil sie sich so normal gab. Weil sie die Mülltüte an Land brachte. Und vielleicht auch wegen dieser Sonnenbrille: "Ein Hafen kann sehr diskret sein, ganz ohne dass man sich verstecken muss." Sogar dieser. Und vielleicht sogar gerade dieser.
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