Reise- und Sprachführer von CitySpy "Dürfte ich Ihr Hinterteil knitten?"

Handgezeichnete Landkarten, Pixelmonster-Piktogramme, jede Menge Szenetipps: Wer mit den flapsig geschriebenen Gratis-Reiseinfos von CitySpy loszieht, lernt Europas Großstädte aus der Backpacker-Perspektive kennen. Nur den haarsträubenden Sprachtipps sollte man lieber nicht vertrauen.

Gordon Ivor Stone

Von Stephan Orth


Was ist die beste Bar der Stadt? Wo gibt es günstig gutes Essen? Wo ist das Bier am billigsten? Als Gordon Ivor Stone vor 16 Jahren in einem Prager Backpacker-Hostel an der Rezeption arbeitete, wurde er jeden Tag mit den gleichen Fragen bombardiert. "Ich habe damals gemerkt, in was für einer mächtigen Position ich in meinem Job war", erzählt der heute 40-jährige Ire. "Die Leute hören dir zu und machen, was du ihnen rätst. Du kannst ihnen tolle Tipps geben - oder den Wochenendtrip versauen."

Die Rucksacktouristen vertrauten seinen Ratschlägen mehr als ihren Reiseführern. Denn die waren häufig nicht mehr aktuell, dort wurden Lokale zum Szenetreff hochgejubelt, die längst von einem Massenpublikum überrannt wurden. Deshalb kam der gelernte Tischler Stone auf die Idee, eigene Stadtführer im Miniformat herauszugeben. Heute gibt es seine englischsprachigen CitySpy-Karten in zehn europäischen Städten, kostenlos liegen die auf gelb und rosafarben gestreiftem Papier gedruckten Mini-Reiseführer in Hostels und Szenecafés aus.

Wer sie aufblättert, wird fast erschlagen von riesigen Datenmengen. Großer Ehrgeiz wurde offensichtlich darauf verwendet, möglichst viele kleine Buchstaben und Symbole auf dem beidseitig bedruckten, etwa Din-A3-großen Blatt unterzubringen.

Krakenmonster und Megafone

Um das Layout mit seinen vielen Mini-Icons und seiner Farbkodierung zu durchdringen, ist eine intensive Auseinandersetzung mit der in einer Ecke versteckten Gebrauchsanweisung nötig. Dort erfährt man dann: Das pixelige Kraken-Dingsbums, das aussieht wie ein Monster aus dem Videospiel "Space Invaders", bedeutet "internationale Küche", ein Megafon steht für "ruhig", ein Megafon mit Strichen davor, die wohl Schall symbolisieren sollen, bedeutet "hektisch".

So weit, so kompliziert. Inhaltlich dagegen sind die Mini-Reiseführer für jeden jungen Reisenden, der wissen will, wo wirklich was los ist, die Mühen der Entzifferung wert. Hier erfährt der Backpacker-Tourist, wo er die besten Reggae-Vinylplatten, das beste Bier und die schönsten Tattoos herbekommt. Wo die Punk- oder Technoszene die Nächte durchfeiert. Und in welche Cafés man bloß nicht gehen soll, weil dort nur "Business-Idioten" im Anzug herumlaufen.

Extremes Slang-Englisch ist Stilmittel, Grammatik Nebensache: Für Menschen ohne Antenne für Übertreibung und Ironie sind die CitySpy-Stadtführer nichts. Stattdessen treffen sie ziemlich präzise den Ton, in dem sich bierselige Rucksacktouristen zu später Stunde in der Hostel-Bar über ihre Reiseerlebnisse austauschen.

"Wenn du Dalí nicht magst, kannst du mich mal", steht in der Barcelona-Ausgabe, und über Wien ist zu lesen: "Wie so viele Leute hatten wir anfangs den Eindruck, dass Wien eine kalte, teure Stadt für alte Säcke und verrückte Fans klassischer Musik ist." Das wird jedoch bald relativiert: "Die Einheimischen sind ein angenehm durchgeknallter Haufen", heißt es und schließlich folgt als Fazit: "Wir hoffen, du hattest eine gute Zeit und wirst weitersagen, dass es hier [in Wien] gar nicht so langweilig ist."

Sprachführer für Mutige

Jedes Jahr im März werden die Informationen aktualisiert und im April gedruckt. Auch im Internet sind sie dann kostenlos verfügbar, eine App ist geplant. "Wir können viel schneller sein als die Reiseführer großer Verlage", ist Stone überzeugt. Ganz so unabhängig wie Lonely Planet und Co. ist er allerdings nicht: Um Druck und Recherche zu finanzieren, zahlen die Betreiber der genannten Adressen ein paar hundert Euro, auch einige der Hostels, in denen die Karten dann kostenlos ausliegen, überweisen dafür Geld. Nur kleine Non-Profit-Unternehmen und nicht-kommerzielle Angebote werden kostenlos präsentiert.

Ständig besuchen Stone und seine zwei Mitarbeiter Bars, Clubs und Hostels und klopfen sie darauf ab, ob sie zur Zielgruppe passen - hauptsächlich sind das junge Rucksacktouristen zwischen 20 und 30. Stone hat beobachtet, dass sich diese Szene in den vergangenen Jahren stark verändert hat: "Heute bucht jeder online und holt sich vorher Ratschläge im Internet." Noch vor zehn Jahren habe es viel mehr Leute gegeben, die einfach herumliefen, spontane Entscheidungen trafen und viel improvisierten.

Apropos Improvisieren: Das größte Lesevergnügen bietet auf allen Karten das "phonetische Wörterbuch" auf der Rückseite. Dort werden mehr und weniger brauchbare Sätze der Landessprache aufgelistet - von Begrüßungsfloskeln, Zahlen und Smalltalk bis hin zu "Bist du eine Nonne?" oder "Hast du große Blättchen?".

Die Wörter werden so buchstabiert, dass ein englischsprachiger Reisender sie einigermaßen aussprechen kann - allerdings in den seltensten Fällen so, dass ein Einheimischer sie problemlos verstehen kann. Ein paar Beispiele aus dem Berlin-Guide: "I'k kriek lik'n' heartz-n-fucked" (Ich kriege gleich einen Herzinfarkt); "guy-ill, OBAR guy-ill" (Geil, obergeil); "Shots" (Schatz); "Durfde icch ear HintA tile knitten?" (das soll angeblich so was heißen wie "Dürfte ich Ihren Hintern streicheln?"). Im Wien-Wörterbuch wird man sogar noch mehr in die Irre geführt: "Ich liebe dich, meine Gute" heißt dort angeblich schlicht "Sheiss-L".

Wie oft Reisende Ärger bekamen, weil sie seine Sprachtipps beherzigten, weiß Stone nicht. "Es gab schon ein paar Beschwerden, wo mir Leute sagten, sie würden einen Touristen verprügeln, wenn er so mit ihnen reden würde", gibt er zu. Humorlose Menschen gebe es eben überall.



insgesamt 2 Beiträge
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Eva K, 31.10.2011
1. Kommt mir bekannt vor
Zitat von sysopHandgezeichnete Landkarten, Pixelmonster-Piktogramme, jede Menge Szene-Tipps: Wer mit den flapsig geschriebenen Gratis-Reiseinfos von CitySpy loszieht, lernt Europas Großstädte aus der Backpacker-Perspektive kennen. Nur den haarsträubenden Sprachtipps sollte man lieber nicht vertrauen. http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,792818,00.html
"Dürfte ich Ihr Hinterteil knitten?" Das erinnert mich doch sehr an Monty Pythons Dirty Hungarian Phrasebook (http://www.youtube.com/watch?v=G6D1YI-41ao). Honi soit qui mal y pense, aber vielleicht wird genau darauf auch angespielt. Die erfolgreiche Zukunft dieses Reiseführers ist auch schon beschrieben, The Hitchhiker's Guide to the Galaxy.
canelles 31.10.2011
2. CitySpy Barcelona
Natürlich kann das kaum ein Spanier lesen. Und die Spanisch als Fremdsprache kennen dürfte es noch schwieriger sein: denn der CitySpy ist auf KATALANISCH ! Liebe Spiegel Redaktion: what is catalan? ;-)
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