Projekt Comic Transfer Weltsprache in Bildern

Brüssel als Cartoon und Lyon als Filzstift-Ansicht: Für das Projekt Comic Transfer zeichnen sich Künstler durch ihnen unbekannte Städte. Die Resultate sind höchst individuell - und trotzdem allgemein verständlich.

Gregor Hinz

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Wenn Leonard Ermel sein zeitweiliges Zuhause in Brüssel verlässt, muss er sich jedes Mal aufs Neue entscheiden. Nimmt er die schwere Kamera mit oder doch lieber das Skizzenbuch? Meistens entscheidet der 23-Jährige sich für das Buch. Schließlich hat er einen Auftrag zu erfüllen: Als Ortsfremder soll er die belgische Hauptstadt zeichnerisch erkunden.

Alltagssituationen wie den Besuch im Waschsalon dokumentiert der Student dabei ebenso als Cartoon wie Streifzüge vorbei an den Jugendstilfassaden der Altstadt oder Spaziergänge im weitläufigen Park de Forest in der Nähe seiner WG. Und dann sind da noch die Situationen, die wohl jeder Reisende kennt - etwa wenn man dem Gespräch am Tisch nicht folgen kann, weil's mit dem Französisch noch hapert: Sprechblasen mit Kauderwelsch.

"Ich zeichne auch zu Hause gerne kleine Geschichten aus dem Alltag", sagt Ermel. "Aber vor allem beim Reisen finde ich die Idee interessant, weil einem in einem fremden Land so viele Dinge auffallen."

Deshalb hat sich der Berliner, der sonst an der Kunsthochschule Weißensee Visuelle Kommunikation studiert, um die Teilnahme am "Comic Transfer" der Goethe-Institute Südwesteuropas bemüht. Gezeichnet hätte er in seinem Auslandssemester in Brüssel in jedem Fall. Aber die Verpflichtung, zum Blog dieses Projekts beizutragen, sorgte für einen gewissen "Zwang", das auch regelmäßig zu tun. "Und das war super."

24 Künstler aus Deutschland, Spanien, Italien und Portugal

Das als Austausch konzipierte Projekt haben die Bibliotheksbereiche der Institute vor zwei Jahren gemeinsam gestartet. Comics seien das ideale Medium dafür, sagt Ulrich Fügener, der die Abteilung der Lyoner Dependance verantwortet. Sie spielten in allen Ländern eine zunehmend wichtige Rolle, nicht mehr nur in Frankreich und Belgien, den traditionellen Comic-Nationen. Der Fokus aufs Visuelle mache sie universell verständlich: "Man sieht sofort, was wichtig ist."

24 Künstler haben am Comic Transfer bislang teilgenommen, darunter zwölf Deutsche. Die meisten von ihnen sind für ein paar Wochen in der Austauschstadt, für ein Comic-Festival etwa, manche recherchieren für ein Buch. Einige bekommen Geld für ihre Teilnahme oder ihnen wird eine Unterkunft gestellt. "Das hängt von den finanziellen Möglichkeiten des Instituts vor Ort ab", sagt Fügener. Das Einzige, was überall gleich ist, ist "der Blick von außen auf eine Stadt": dass ein Ortsfremder eine neue Umgebung zeichnerisch erkundet, in seinem Stil und mit seinen Schwerpunkten.

Eine Freiheit, von der nicht nur die Künstler, sondern auch die Goethe-Institute profitieren: "Wir haben so einen Eindruck von der Vielfalt der deutschen und der europäischen Comicszene gewonnen", sagt Fügener, Kontakte zur lokalen Szene sind entstanden und neue Ideen. Die aktuellsten Blog-Einträge, geschrieben vom portugiesischen Zeichner Fil, beschäftigen sich mit dem Thema Selbstverlag - etwas, das viele Illustratoren und Comiczeichner irgendwann umtreibt.

Comics sind eine Weltsprache, die jeder versteht

Auch Gregor Hinz, der im Frühjahr am Comic Transfer teilnahm, sieht den Nutzen des Projekts vor allem in der Vernetzung und den neuen Eindrücken, die man beim Betrachten des Blogs gewinnt. "Wenn man das liest, ist das schon ein bisschen wie eine kleine Reise, obwohl man mitten im eigenen Alltag steckt", sagt er.

Hinz hat das Projekt schon lange vor seiner eigenen Teilnahme verfolgt und so Künstler aus anderen Ländern und ganz neue Stile kennengelernt. Für den 32-Jährigen sind Comics in all ihren Spielarten eine Art "Esperanto, eine Weltsprache, die teils auch ohne Text funktioniert" - eine Erfahrung, die er durch seinen Aufenthalt in Frankreich einmal mehr bestätigt sah.

Der gebürtige Rostocker, der heute als Illustrator in Kiel arbeitet, zeichnete für den Comic Transfer im März aus Amplepuis, Thizy und Cublize, Dörfern eine Autostunde nordwestlich von Lyon. Schon vorher hat er Comics vom Reisen kreiert, für seine Diplomarbeit dokumentierte er eine Motorradtour durch Europa, und gemeinsam mit seinen Kollegen von Pure Fruit, einer Gruppe von Comiczeichnern in Kiel, malte er fürs Open-Air-Festival in Wacken.

Persönlicherer Blick auf ein Land und das Leben dort

Nach Frankreich wurde Hinz eingeladen, um Comic-Workshops mit Schülern abzuhalten und so die deutsch-französische Freundschaft zu stärken. Erfahrungen, die er in seinen Comic-Transfer-Beiträgen verarbeitete - ebenso wie den Kampf seines Autos mit der bergigen Landschaft. Hinz benutzt dafür meist Filzstifte in Knallfarben, manche Skizzen sind schwarz-weiß, aber seinen klaren Strich erkennt man immer, genau wie Leonard Ermels fein kolorierte Zeichnungen.

Es ist diese ganz eigene Gestaltung, die das Projekt besonders macht. Denn natürlich kann man seine Abenteuer im Ausland heutzutage sehr viel leichter und schneller dokumentieren, über Posts bei Facebook zum Beispiel, ein einfaches Foto- oder Text-Blog. "Aber so etwas sieht man zuhauf", sagt Ermel. "Gezeichnete Geschichten zeigen einen viel individuelleren, persönlicheren Blick auf ein Land und das Leben dort."

Ermel ist übrigens nach Brüssel gekommen, um dort Comic an der berühmten Kunsthochschule Saint-Luc zu studieren. Doch die Arbeit für den Comic Transfer hat ihn fast noch mehr gelehrt, sagt er. "Ich habe zwar schon vorher kleine Cartoons gezeichnet, aber so richtig, in großem Stil war es jetzt das erste Mal." Er will diesen Stil beibehalten und dafür vor allem eines tun: mehr reisen - und dabei noch mehr zeichnen.

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